Bundesamt für Naturschutz

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Hamr, Joseph (1988) Disturbance behaviour of Chamois in an alpine tourist area of Austria


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Helikopterskiing, Jagd, Motorflug, Pistenskilauf (Ski Alpin), Skilanglauf, Wandern/ Geländelauf

 

INHALT

Das Alarm- und Fluchtverhalten von Gemsen in einem Fremdenverkehrsgebiet der Alpen wurde über einen Zeitraum von drei Jahren studiert. Aufbauend auf dieser Studie werden Vorschläge für das Landmanagement gemacht.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Gemsen benötigen Pufferzonen gegenüber potenziellen Störreizen von 100 bis 150 m.
  • Während der Zeit der Geburt und der Aufzucht des Nachwuchses reagieren die Weibchen am störungsempfindlichsten. Es ist deshalb notwendig, dass Wanderwege oder Straßen nicht näher als 200 m von bekannten Aufzuchtsbereichen im Aktionsareal der Herden neu errichtet werden.
  • Aufgrund des hohen Energiebedarfs im Winter wirken Störungen besonders negativ auf den Organismus. Es wird deshalb gefordert, dass Skirouten bevorzugte Aufenthaltsbereiche der Gemsen im Winter nicht durchschneiden dürfen.
  • Aufgrund der hohen Sensibilität der Gemsen gegenüber Luftfahrzeugen sollte die Anzahl der Flüge in Gemsengebieten begrenzt werden.
  • Gewöhnung an Wanderer und die schlechte Wahrnehmbarkeit von sich nicht bewegenden Objekten machen Gemsen besonders empfindlich gegenüber einer Bejagung. Jagdpläne sollten deshalb das Verhalten der Gemsen in von Wanderern besuchten Bereichen berücksichtigen, damit es wegen der leichten Bejagbarkeit nicht zu einer räumlich überproportionalen bzw. unausgewogenen Bejagung kommt.
  • Die Vielzahl der Störquellen und Störreize bedingt eine ineffektive Nutzung des Aktionsareals mit vielen erzwungenen Ortswechseln und hohen Wegekosten. Managementpläne sollten v.a. eine "voraussehbare soziale und physische Umwelt" für die Gemsen ermöglichen. Dies bedeutet, dass möglichst große, ungestörte Raumausschnitte als Lebensraum der Gemsen gesichert oder wiederhergestellt werden sollten.


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Karwendelgebirge (Nordtirol, Österreich); Größe des Gebietes: 30 km²; von 920 m NN - 2.060 m NN

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

An 12 mit Telemetriesendern versehenen sowie weiteren 26 individuell erkennbaren Gemsen wurden Verhaltenssequenzen bei verschiedenen Alarmstufen, die Vielfalt von Alarmreaktionen auf verschiedene Störobjekte bei beiden Geschlechtern und zu verschiedener Jahreszeit, sowie die Fluchtrichtung und das Fluchtgelände untersucht.

Im Regelfall wurde das Verhalten bei Auftreten eines Störreizes protokolliert. In einigen Fällen wurde vom Autor selbst das Fluchtverhalten bewusst ausgelöst. Auch wurden Hunde eingesetzt, um das Fluchtverhalten gegenüber Bodenbeutegreifern zu testen. Das Verhalten gegenüber Steinadlern wurde mit Hilfe eines Holzmodells getestet.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Die Entfernung zwischen Eindringling und Tier bei dessen Aufstörung (Reaktionsdistanz; Aufscheuch-Distanz) und die vom Tier im Lauf zurückgelegte Entfernung (Fluchtdistanz) wurden geschätzt.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Aufgrund der verkehrstechnisch günstigen Lage zwischen München und Innsbruck wird das Gebiet ganzjährig für touristische Aktivitäten genutzt. Wanderer treten bevorzugt zwischen Juni und September auf; etwa 20 % des Gebietes werden (intensiv) zum Skifahren, v. a. von Dezember bis April genutzt. Während der Studie (Anfang der 1980er Jahre) wurden mehrere Wanderwege und zwei Skilifte neu gebaut. Forstarbeiten erfolgten während des ganzen Jahres. Die Populationsdichte lag bei 10-15 Tieren pro 100 ha. 20 % der Population wurden zwischen August und Dezember gejagd.

EINWIRKUNGSDAUER

EINWIRKUNGSART

Alarmverhalten von Gemsen (Auswertung von 110 kompletten Fluchtsequenzen)

keine bedrohliche Störung Im offenen Gelände wurden Wanderer oder Fahrzeuge auf eine Distanz von 200-500 m bemerkt 1.) Beobachten der "Eindringlinge".
2.) Ausstoßen eines Alarmpfiffs.
3.) "Trommeln" mit den Vorderfüßen.
4.) Fortsetzen der alten Aktivitäten oder langsames sich Wegbewegen von der Störquelle, aber keine Flucht.
überraschender Störreiz Wanderer, Skifahrer oder Adler tauchten unvermittelt in einer Distanz von 30 bis 100 m hinter der Vegetation oder hinter Felsvorsprüngen auf 1.) Flucht.
2.) Anhalten in einer Distanz von 200 bis 400 m Entfernung von der Störquelle.
3.) Verhaltensabfolge wie unter "keine bedrohliche Störung" (1.-3.) beschrieben. Solche Abfolgen können bis zu drei Mal wiederholt werden.
starker Störreiz Eindringlinge wie Hubschrauber, Hängegleiter, Adler oder Skifahrer, die sich schnell bewegten und meist groß waren sowie von senkrecht oben auftauchten. Flucht in hoher Geschwindigkeit ohne Anhalten, Pfeifen oder Beobachtungsverhalten bis zur nächsten Deckung.

EINWIRKUNGSGRAD

 

Abhängigkeit der Fluchtdistanz von der Anzahl der Personen:

1 Person (n=42) 2 Personen (n=28) 3 und mehr Personen (n=6)
47 m 73 m 138 m

Abhängigkeit der Flutdistanz von der Anzahl der Personen

1 Person (n=42) 2 Personen (n=28) 3 und mehr Personen (n=6)
88 m 81 m 67 m
TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gemse (Rupicapra rupicapra) Die beobachteten Gemsen machten einen Störfaktor vorwiegend durch Sichtkontakt aus.
Es wurden drei Stufen von Alarmverhalten identifiziert: Unerwartete Begegnungen mit Menschen und fliegenden Objekten verursachten die stärksten Alarmreaktionen (s.o.).
An zahlreiche, sich fortwährend wiederholende und daher vorhersagbare menschliche Aktivitäten in ihren Streifgebieten hatten sich die Gemsen gewöhnt.
Reaktionsdistanz und Fluchtdistanz reichten von 10 bis zu 500 m, der Durchschnitt lag bei 73 m für Reaktionsdistanz und 79 m für Fluchtdistanz. Auf große Distanz sichtbare Störquellen führten zu geringen Fluchtdistanzen, plötzlich und dicht auftauchende Störreize lösten große Fluchtdistanzen aus.
Die schwächsten Reaktionen auf Störungen zeigten sich während des Winters, die stärksten während des Frühjahres und am Anfang des Sommers: Reaktionsdistanz: Jan-Apr (n=27): 39 m, Mai-Jul (n=13): 111 m, Aug-Okt (n=29): 70 m, Nov-Dez (n=42): 80 m; Fluchtdistanz: Jan-Apr: 55 m, Mai-Jul: 143 m, Aug-Okt: 84 m, Nov-Dez: 67 m
Die Flucht abwärts wurde häufiger beobachtet als jene bergauf oder horizontal.
Bevorzugtes Fluchtgelände waren steile, bewaldete Talseiten.
Weibliche Gemsen reagierten bedeutend empfindlicher auf Störungen als männliche Gemsen: Reaktionsdistanz: Männchen (n=53): 46 m, Weibchen (n=33): 108 m, Gruppen aus Männchen und Weibchen (n=24): 79 m; Fluchtdistanz: Männchen: 53 m, Weibchen: 87, Gruppen aus Männchen und Weibchen: 110 m. Die geschätzten Werte beziehen sich bei Männchen im Regelfall auf Einzeltiere (>50 %) während es sich bei den Weibchen in 95 % der Fälle um Gruppen von 3 bis 50 Individuen handelte. Weibchen mit Jungtieren flohen früher und weiter als nachwuchslose Weibchen.
Während der Hochsaison für Bergwanderer, Skifahrer, Jagd und Almweide sind Störungen verschiedenster Art so häufig, dass die Gemsen zeitweise längerfristig aus den attraktiven Nahrungsbiotopen vertrieben werden und dadurch der gewohnte tägliche und saisonale Ablauf zur Nutzung des Streifgebietes (Aktionsareals) gestört wird.
Sich langsam bewegende Wanderer und Skifahrer (Langläufer) lösten nur wenig Alarmverhalten aus, solange sie sich auf den Wegen oder in den gespurten Loipen aufhielten. Fluchtverhalten wurde dann ausgelöst, wenn die den Gemsen bekannten Wege verlassen wurden und sich Personen direkt auf die Gemsen zubewegten. Abfahrtskifahrer lösten starkes Fluchtverhalten aus.
Jäger konnten sich auf Schussdistanzen von etwa 100 bis 150 m an Gemsen heranbewegen, wenn sie sich wie Wanderer verhielten. Gebücktes Nähern und sich auf allen Vieren nähern löste bei den Tieren eine erhöhte Wachsamkeit aus. Tiere konnten Gewehre nicht erkennen. Auch reagierten sie nicht immer auf den Knall eines Schusses mit Flucht. Oft wurde erst dann die Flucht ergriffen, wenn ein Tier innerhalb einer Herde getroffen worden war.
Auf Fahrzeuge wurde primär dann reagiert, wenn sie plötzlich jenseits der Baumgrenze auftauchten; im Wald konnten sich Fahrzeuge bis auf 30 m nähern. Sobald jedoch eine Person das Fahrzeug verließ, ergriff das Tier die Flucht. Auf hoch fliegende Flugzeuge reagierten Gemsen nicht, jedoch stark, teilweise mit panikartiger Flucht (bei Weibchen mit Jungtieren) auf Hubschrauber, Ultraleichtflugzeuge oder Hängegleiter, v.a. während der schneefreien Jahreszeit.
Auf hoch fliegende Flugzeuge reagierten Gemsen nicht, jedoch stark, teilweise mit panikartiger Flucht (bei Weibchen mit Jungtieren) auf Hubschrauber, Ultraleichtflugzeuge oder Hängegleiter, v. a. während der schneefreien Jahreszeit.
Auf Steinadler reagierten Tiere auf Distanzen von 50 m mit Flucht in Gebüsche. Auf das Adler-Modell wurde in unterschiedlicher Weise reagiert. Eine größere Herde mit Jungen floh auf eine Distanz von 150 m 400 m weit, nach mehrmaliger Störung kehrte die Herde nicht mehr in das Gebiet zurück. Eine andere Herde reagierte aber erst auf eine Distanz von 20-30 m auf das Modell: einige Tiere produzierten Alarmpfiffe während sie das Modell beobachteten, zogen sich aber nur ca. 150-200 m zurück, während sie weiter Nahrung aufnahmen.
Gegenüber Hunden zeigten die Gemsen wenig Angst (Reaktionsdistanz: 45,5 m, Fluchtdistanz: 35,5 m). Hunde in Begleitung von Menschen riefen die oben dokumentierten Distanzen hervor, verstärkten die Störwirkung also nicht. Bei Verfolgung durch Hunde flohen die Gemsen zwar, drehten sich dann aber gegen den Angreifer und wehrten sich ihm gegenüber.