Bundesamt für Naturschutz

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Georgii, Bertram; Zeitler, Albin; Kluth, Stefan (1991) Skilauf und gefährdete Tierarten im Gebirge


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Skilanglauf, Tourenskilauf, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Die I. Phase der Studie untersucht den Einfluß des Skilaufs abseits präparierter Pisten und Loipen auf gefährdete Tierarten und die Vegetation. Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen Rauhfußhühner-Arten, die in den beiden Untersuchungsgebieten (Ammergebirge und Oberallgäu) vorkommen: Auer-, Hasel-, Birk- und Schneehuhn. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt nicht auf störungsökologischen Details. Vielmehr sollen Gebieten mit Lebensraumeignung für Rauhfußhühner und hochfrequentierte Gebiete des Skilaufens in beiden Untersuchungsgebieten kartiert und das Konfliktpotential der Überschneidungsbereiche hinsichtlich der konkreten örtlichen Überwinterungsbedingungen der Arten bewertet werden.

Für beide Untersuchungsgebiete wird flächenscharf das Vorkommen an Rauhfußhühnern, die Qualität und Bedeutung ihrer Lebensräume sowie deren Nutzung und Beeinträchtigung durch Skitourenlauf und Variantenfahren beschrieben. Für die einzelnen Gebiete wird im Anschluß der Handlungsbedarf zur Modifizierung der skitouristischen Nutzung ermittelt. Entsprechend der örtlichen Gegebenheiten werden Maßnahmen zur Entschärfung von Konflikten vorgeschlagen. Zu den Maßnahme gehören räumliche und zeitliche Begrenzungen oder Verlegung der Touren und befahrbaren Bereiche, aber auch die Ausweisung nicht störender Skitouren unter Berücksichtigung landschaftlicher Schönheit, skifahrerischer Attraktivität und Sicherheit.

siehe auch:

Zeitler, Albin (1995): Skilauf und Rauhfußhühner. - Der Ornithologische Beobachter 92: 227 - 230

Zeitler, Albin (1994 a): Skilauf und Rauhfußhühner. - Verhandlungen der Gesellschaft für Ökologie 23: 289 - 294


In der 2. Phase der Studie werden für die Gebiete im Oberallgäu konkretisierte Umsetzungskonzepte erarbeitet. Siehe dazu:

Zeitler, Albin (1994b): Skilauf und gefährdete Tierarten im Gebirge. Schlußbericht zur Phase II: Umsetzung der Empfehlungen aus der Pilotstudie im Oberallgäu. - Pilotstudie im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz, Teil II. - Immenstadt. 77 S.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • In beiden Untersuchungsgebieten existieren Räume, in denen Lebensräume und Rauhfußhühnervorkommen vom Skisport nicht gestört werden neben solchen, in denen es zu ausgesprochenen Konflikten kommt. Aufgrund der untypischen Schnee- und Skitourismusverhältnisse in den Untersuchungswintern sind die Konfliktbereiche nicht mit Sicherheit abzugrenzen. Weiterführende Untersuchungen bei üblichen Schneeverhältnissen sind erforderlich.
  • Störungen durch Skiläufer unterscheiden sich nicht grundsätzlich von Störungen durch andere Natursportler. Wesentlich sind die konkreten Umstände beim Kontakt von Wildtier und Mensch.

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2629) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).

 

 

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Untersuchungsgebiet 1: Naturschutzgebiet Ammergebirge, Schwäbisch-Oberbayerische Voralpen, Bayern
  • 27.600 ha, 700 - 2.200 m ü. NN
  • überwiegend Waldfläche (66 %), wenig offene Almflächen
  • 120 - 150 Schneetage/Jahr, kein typisches Wintersportgebiet, keine Seilbahnen oder Liftanlagen

Untersuchungsgebiet 2: Oberallgäu; Nördliche Kalkalpen, Bayern

  • 90.000 ha, 700 - 2. 650 m ü. NN
  • Waldflächen (33 %) und freie Alpflächen
  • ca. 20 Skigebiete mit 243 Gipfel über 1.300 m; davon im Untersuchungszeitraum 186 genutzt
  • 150 - 200 Schneetage/Jahr, typisches Wintersportgebiet mit 3 Seilbahnen, 220 Liftanlagen

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

  • Untersuchungszeitraum November 1989-Mai 1991
  • flächenscharfe Kartierung der Verbreitung der Rauhfußhühner
  • durch Befragung von Berufsjägern, Förstern, Freizeitornithologen und Wildbiologen
  • ergänzende Geländebegehungen über insgesamt 3.000 km, 73 Begehungen Ammergebirge, 174 im Oberallgäu

    - direkte Nachweise: Beobachtung von Rauhfußhühnern

    - indirekte Nachweise: Erfassung von Spuren, Kot, Federn

    - Beobachtung von Kontakten Rauhfußhühner-Skifahrer

  • Abgrenzung der Winterlebensräume, Bewertung der Lebensraumqualität

    -  Bildung von 100 - ha - Rasterflächen für die ermittelten

       Rauhfußhühner-Lebensräume

    -  Bildung von 250 x 250 m Kleinrasterflächen zur

       Aufnahme der direkten und indirekten Nachweise der

       Präsenz von Rauhfußhühnern

  • Erfassungen zu Skiaktivitäten und Winterwanderungen, Verlauf von Routen und Intensität ihrer Nutzung:
  • Befragung von Berufsjägern, Förstern, Freizeitornithologen und Wildbiologen, Bergführern, Skitourenführern, Bergwacht, Deutschem Alpenverein, Deutschem Skiverband
  • Auswertung von Skitourenkarten u. a. Bergführerliteratur
  • Geländebegehung zur Abgrenzung genutzter Skitourenverläufe und -flächen, Häufigkeit der Frequentierung nur in wenigen Fällen erfasst

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Kriterien zur Beurteilung der Eignung der Lebensräume als Habitat für die untersuchten Arten:

  • Einschätzung durch die Informanten
  • Häufigkeit eigener Sichtbeobachtungen und indirekter Nachweise
  • Lage zu bzw. Zusammenhang mit Nachbarvorkommen
  • Tauglichkeit der dazwischen liegenden, aber nicht von der jeweiligen Art besiedelten Gebiete als Lebensraum bzw. "Trittstein" für diese Art
  • Geländerelief und Vegetationsstruktur
  • Angebot an ausreichend ergiebigen, thermisch günstigen Äsungs- und Ruheplätzen und deren räumlicher Anordnung: Verfügbarkeit und räumliche Nähe der Komponenten Nahrung, Sicherheit und Klimaschutz
Bewertung der Lebensräume im Einwirkungsbereich des Skibetriebs anhand der Beeinträchtigung der Schlüsselfaktoren Nahrung, Sicherheit, Klimaschutz und Zeitbudget/Veränderung der Aktivitätsverteilung.                
 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

  • normalerweise in beiden Untersuchungsgebieten Winter schneereich, zur Untersuchungszeit jedoch Schneearmut (unrepräsentativ)


EINWIRKUNGSDAUER

Januar bis Anfang März, je nach Schneeverhältnissen auch ab November

 

EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beunruhigung durch

  • Skifahrer, Tourengänger
  • Winterwanderer auf geräumten Wegen, aufgrund der schneearmen Winter auch abseits der Wege

ebenfalls auftretende Sportarten im Gebiet - nicht Gegenstand der Untersuchung:

  • Mountainbiker - aufgrund der schneearmen Winter
  • Gleit- und Drachenflieger

EINWIRKUNGSGRAD

Frequentierung einer Tour/eines Tourengebietes:
  • häufig: regelmäßig bzw. wiederholte Begehungen mehrmals pro Woche, zumindest aber jedes Wochenende, bei nahezu allen Schneeverhältnissen; Tour in Führern ausgewiesen
  • gelegentlich: mehrmalige Begehung pro Monat, günstige Schneeverhältnisse und Lawinensicherheit vorausgesetzt
  • selten: wenige Begehung pro Skisaison; z. T. wenig bekannte oder stark lawinengefährdet
  • sehr selten: Begehung ein- bis zweimal pro Skisaison, bei günstigen Schneeverhältnissen (nur Oberallgäu) flächig befahrenes Gelände: Tourenabfahrtsbereiche, die sich über ganze Berghänge verteilen

Abgrenzung von Rauhfußhühner-Lebensräumen in den Untersuchungsgebieten:

  • Kerngebiet: winterlicher oder auch ganzjähriger Verbreitungsschwerpunkt, in dem sich Direktbeobachtungen und indirekte Nachweise häufen; Gebiet aufgrund der günstigen Lebensraumbedingungen für den Erhalt der Art unverzichtbar
  • Brückengebiet: von den Lebensraumverhältnissen potentiell genauso geeignetes Gebiet für die jeweilige Art wie ein Kerngebiet, durch Liftanlagen oder häufiges Auftreten von Skifahrern aber entwertet, für den räumlichen Zusammenhang von Kerngebieten dennoch bedeutungsvoll (Trittstein)
  • Randgebiet: für die jeweilige Art weniger geeignetes, oft auch nur kleines Gebiet im Randbereich von Kerngebieten und isoliert von diesen, mit vergleichsweise geringer Nutzungsintensität durch Rauhfußhühner

Rauhfußhühner-Lebensräume sind dann beeinträchtigt, wenn

  • der räumliche Zusammenhang von Nahrung, Sicherheit und Klimaschutz bietenden Bereichen eines Überwinterungsgebietes gefährdet ist, bspw. wenn zwischen Nahrungs- und Sicherheitshabitatstruktur eine Skitour verläuft ® Skirouten sind so zu gestalten, daß Teillebensräume nicht voneinander isoliert werden
  • die Tiere häufig die Nahrungsaufnahme zum Sichern, zum Verstecken oder zur Flucht unterbrechen müssen
  • die Tiere oft zum Verlassen ihrer Tagesquartiere gezwungen werden
  • die Tiere andere Nahrungsgründe oder Quartiere (Ausweichräume) nur nach längeren Fußmärschen oder Flugstrecken erreichen können
  • das Balzgeschehen oft unterbrochen werden muß bzw. die Balzplätze oft verlassen werden müssen
  • wichtige Nahrungs- oder Ruheräume überhaupt nicht genutzt werden können, bspw. wegen flächigen Skibetriebs oder zu enger Skitourenverläufe

Rauhfußhühner-Bestände sind unter folgenden Umständen durch Skisport gefährdet:

  • Eingrenzung der Ausweichmöglichkeiten der Tiere durch hohe Schneelagen
  • fehlende Möglichkeit für die Tiere, die für sie entscheidenden Aktivitätszeiträume zu nutzten
  • Wiederholung mehrerer strenger Winter unter diesen Bedingungen

Untersuchungsgebiet NSG Ammergebirge

  • keine optimalen Lebensraumbedingungen für die vier Arten, betrifft sowohl die Lebensraumstruktur als auch das Nahrungsangebot, infolgedessen Vorkommen der Rauhfußhühner-Arten nur in geringer Dichte
  • ebenfalls nur bedingte Eignung als Skigebiet, aber Konzentration von Skiläufern in einigen Teilbereichen
  • Beeinträchtigungen der Lebensräume betreffen v. a. Birkhühner