Bundesamt für Naturschutz

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Georgii, Bertram; Pietsch, Christian (1991) Rehwild in Grunewald und Forst Düppel. Raum-Zeit-Verhalten und Reaktionen auf Störungen


Die Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

 

SPORTARTEN

Jagd, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Rehe leben in den Wäldern von Berlin im Vergleich zu anderen stadtnahen Wäldern in Deutschland unter ungewöhnlichen Bedingungen: Zum Einen sind einige der Waldgebiete (Forst Grunewald oder Wannsee) so von Wasser und Stadtrand umgeben, dass die dort lebenden Rehe fast ganz von den Rehwildvorkommen der Umgebung isoliert sind. Zum Anderen werden die Wälder sehr stark vom Menschen in Anspruch genommen. Die Erholungs- und Freizeitbelastung ist rund siebzigmal so hoch wie in bundesdeutschen Wäldern. Große Teile der Waldgebiete werden zudem von den Alliierten Streitkräften fast das ganze Jahr über für Manöver genutzt. Zudem wird der Rehwildbestand bejagt.  

  • Wie nutzen die Rehe des Grunewaldes ihren Lebensraum?
  • Werden ihre Raumnutzungsmuster durch das dichte Straßen- und Wegenetz beeinflusst?
  • Reagieren die Rehe mit ihrem Raumverhalten auf die Besucherfrequentierung des Waldes?
  • Lässt das Aktivitätsmuster der Tiere Einflüsse der besonderen Lebensraumbedingugen erkennen?
  • Wie reagieren Rehe auf Menschen abseits von Wegen?
  • Meiden die Rehe Gebiete, in denen Manöver stattfinden?
  • Wie reagieren Rehe auf Bejagung?

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Die Ergebnisse der Studie weisen darauf hin, dass die Lebensraumqualität von Grunewald und Duppeler Forst für Rehe wahrscheinlich pessimal ist. Große Teile der Einstandsgebiete einzelner Rehe sind - trotz einer "offenkundigen Gewöhnung der Tiere an die enorme Frequentierung des Waldes durch Menschen" - wegen der ständigen Präsenz von Erholungsuchenden nur bedingt für die Rehe nutzbar.
  • "Problematisch sind Störungen eventuell zur Setzzeit, sofern sie zu häufigerer Trennung zwischen Geißen und Kitzen fuhren." In sehr kalten Winterperioden können Störungen zu einem erhöhten Energieverbrauch mit Wirkungen auf die Fitness führen, weil der Stoffwechsel der Tiere stark reduziert und nicht "auf häufiges Flüchten-Müssen" eingestellt ist. Während dieser Monate wäre ein Wegegebot empfehlenswert. Dieses lässt sich aber in einem stadtnahen Erholungswald kaum durchsetzen. "Auch ohne diese Rücksichtnahme sehen wir jedoch keine wirklich ernsthaften Probleme für die Tierart."
  • Der Rehwildbestand ist verglichen mit anderen Waldgebieten niedrig. Als Gründe werden angeführt: Verfügbarkeit und Qualität der Nahrung sind für Rehe nicht günstig und viele Rehkitze werden Opfer des hohen Schwarzwildbestandes. Eine Zufütterung zur Verbesserung der Ernährungssituation innerhalb der Reh-Population wird aus Gründen des naturnahen Waldbaus abgelehnt. Vielmehr wird eine stärkere jagdliche Nutzung des Schwarzwildbestandes empfohlen, um die Wildschwein-bedingte erhöhte Mortalität der Rehkitze zu reduzieren.

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2570) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Berlin: Forst Düppel (1239 ha) und Grunewald (3040 ha)

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Es war geplant, etwa 10 bis 14 Rehe beiderlei Geschlechts zu fangen und mit Halsbandsendern auszurüsten. Es gelang jedoch nur 4 Rehe (eine Geiß und 3 Böcke) mit Sendern zu versehen. Über die Sender lassen sich sowohl die Aufenthaltsorte der Tiere ermitteln als auch verschiedene Aktivitäten (Ruhen, Äsen etc.) registrieren. Zwei der Tiere hielten sich im Forst Düppel auf, zwei im Grunewald.

Von März bis Mitte August wurde das Verhalten und der Aufenthaltsort der Rehe protokolliert. Dananch wurden Störungen im dreitägigen Abstand experimentell herbeigführt. Die Experimente (n=51; 22 während der Aktiv- und 29 während der Ruhephase) simulierten das Entfernen Erholungssuchender von den Wegen und das sich Zubewegen auf ein Versuchstier. Hierbei wurde die Fluchtdistanz gemessen, die als Toleranzschwelle interpretiert wird. Nach 10 bis 30 Minuten wurde der neue Aufenthaltsort des gestörten Rehs telemetrisch neu festgestellt; die zurückgelegte Fluchtstrecke wurde als "Maß für das Beunruhigt sein" interpretiert, wobei die Fluchtstrecke dort ihren Endpunkt erreichte, wo das Reh wieder äste oder ruhte.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Definition der Aktionsareale der telemetrierten Rehe und Feststellung der bevorzugt aufgesuchten Kernareale. Einfluss von Straßen und Wegen. Direkte Begegnungen Mensch-Reh.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Hohe Nutzungsintensität durch Erholungssuchende (siehe Einwirkungsdauer); zeitweilig intensiver Manöverbetrieb; gering intensive Ansitzjagd auf Rehe, jedoch intensive Jagd auf Wildschweine.


EINWIRKUNGSDAUER

150 Erholungssuchende/Jahr/Hektar; jeder Hektar Wald wird rechnerisch im Durchschnitt 26439 Stunden im Jahr genutzt. Dies entspricht rechnerisch einer ununterbrochenen und gleichzeitigen Anwesenheit von 3 Personen über den gesamten Zeitraum von 24 Stunden. Pro Hektar wird der Wald durch etwa 100 m Wegstrecke erschlossen, welches dem 2-3fachen in bundesdeutschen Wäldern entspricht.

 

EINWIRKUNGSART

 

EINWIRKUNGSGRAD

 

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Reh (Capreolus capreolus L.) Die Rehe nutzen das Gelände vergleichsweise weiträumig: Die reellen Einstandsgebiete waren mit Flächen von knapp 100 Hektar, die potenziellen mit einer Ausdehnung von rund 150 Hektar doppelt bzw. dreifach so groß, wie das für Rehe aus anderen Wald- oder Wald-Feld-Landschaften bekannt ist.
Die Aktivitätszentren, also jene Bereiche der Einstandsgebiete, die von den Rehen bevorzugt aufgesucht wurden, und von denen es in jedem Einstandsgebiet mehrere gab, sind hingegen klein. Sie entsprechen mit durchschnittlichen Flächen zwischen 5 und 10 Hektar den Erfahrungen aus anderen Rehstudien.
Die (Äsungs-)Aktivität der Rehe zeigt das übliche Muster: eine von Tag zu Tag sehr variable zeitliche Lage der Aktivitätsphasen, zwei ausgeprägte Aktivitätsmaxima in den Dämmerungszeiten, relativ hohe Aktivität in der Nacht, nur wenig Aktivität am Tage.
Die tägliche Gesamtaktivität schwankt um die 10 Stunden; die Rehe waren selten mehr als 14 Stunden unterwegs.
Die untersuchten Störungen lassen den Schluss zu, dass sich die Rehe recht gut an die enorme Frequentierung des Waldes durch Menschen gewöhnt haben. So fällt auf, dass sich die Tiere normalerweise vom Betrieb auf Waldwegen nicht stören lassen. In 23% der Fälle haben sie sich näher als 50 Meter vom nächsten Weg aufgehalten, in 62 % in weniger als 100 Meter Entfernung.
Empfindlich reagieren sie auf Annäherung von Menschen abseits der Wege, sobald die Distanz weniger als 40 Meter beträgt (bei den vier untersuchten Tieren variierte diese zwischen 21 und 43 Metern). Dann ziehen sie relativ gemächlich weg oder flüchten über einige hundert Meter davon, selten mehr als 300 Meter. Diese Werte hängen stark vom Individuum ab; verschiedene Individuen reagieren unterschiedlich intensiv auf Störungen.
Ganz unverkennbar ist auch das Bestreben in solchen Fällen, die Deckung nicht verlassen zu müssen, wie überhaupt keines der Tiere sein Einstandsgebiet für länger als ein bis zwei Stunden verlassen hat, selbst wenn sie massiv oder wiederholt gestört wurden.
Auch der Manöverbetrieb hatte keine erkennbaren Auswirkungen auf das Raumverhalten der Rehe
Die großen Einstandsgebiete der Tiere sprechen dafür, dass die beiden Waldgebiete keine sehr günstigen Rehwildlebensräume sind: Die Nahrungsbasis ist für Rehe eher karg und größere Teile ihrer Einstandsgebiete sind wahrscheinlich aufgrund der ständigen Präsenz des Menschen nur bedingt für die Tiere nutzbar.
Problematisch könnten nach heutigem Kenntnisstand menschliche Störungen höchstens während der Setzzeit oder in besonders kalten Winterperioden werden. Bei Störungen sind sie in der Regel nicht zu bewegen, das Einstandsgebiet zu verlassen.