Bundesamt für Naturschutz

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Gander, Hans; Ingold, Paul (1995) Verhalten von Gemsböcken (Rupicapra rup. rupicapra) gegenüber Wanderern, Joggern und Mountainbikefahrern


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung

 

SPORTARTEN

Laufen, Mountainbiking, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Wie verhalten sich Gemsböcke gegenüber Wanderern, Joggern und Mountainbikefahrern? Wie wirken sich diese drei Tourismus- und Freizeitsportformen auf den Aufenthalt der Tiere im Weidegebiet (Nahrungsbiotop) aus?

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Obwohl sich die Jogger und Mountainbikefahrer in den Experimenten mit größerer Fortbewegungsgeschwindigkeit näherten, reagierten und flüchteten die Gemsböcke nicht auf größere Distanz als in den Wanderer-Experimenten; auch suchten sie keine anderen Orte auf. Die Tiere reagierten zwar auf Jogger und Mountainbikefahrer insofern etwas heftiger als auf Wanderer, als sie sich später am Morgen über weitere Strecken verzogen. Unter Berücksichtigung sämtlicher Parameter kommen die Autoren jedoch zu dem Schluss, dass die Reaktion der Gemsböcke in den Wanderer-, Jogger- und Mountainbike-Experimenten nicht grundsätzlich verschieden war.

Diese Erkenntnis darf aber nicht ohne weiteres auf Gemsböcke in anderen Gebieten übertragen werden (wo sie zum Teil schon längere Zeit Kontakt mit Joggern und Mountainbikefahrern haben) oder auf die allgemein empfindlicher reagierenden Geißen.

Offen bleibt auch, wie die Tiere reagieren, wenn Mountainbikefahrer querfeldein und für die Tiere allenfalls überraschend dahergefahren kommen. Mountainbikefahrer, eventuell auch Jogger, könnten zudem zu einer zeitlichen Ausdehnung des Betriebes führen, wenn sie - anders als die meisten Wanderer - den Rückweg relativ spät antreten. Das hätte zur Folge, dass die Tiere von ihren bevorzugten Weiden noch länger fernbleiben würden als bei Wanderbetrieb.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 291) sortiert. Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer).


UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Die Untersuchung erfolgte im Sommer 1993 in der Nordwestflanke des Augstmatthorns (Berner Oberland) im Abschnitt Bodmialphang. Hier befindet sich zwischen 1500 und 2100 m ü. M. das Sommereinstandsgebiet von rund 45 Gemsböcken. Große, offene Weideflächen wechseln ab mit strukturierten Abschnitten (Felsen, Geröll, Grünerlen). Im Untersuchungsgebiet verlaufen mehrere Wanderwege, welche regelmäßig von Wanderern, ausnahmsweise auch von Joggern und Mountainbikefahrern benutzt werden. Einer davon, der sogenannte Querweg, führt mitten durch das von den Gemsböcken bis in den Spätsommer bevorzugte Äsgebiet.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Auf dem Querweg wurden insgesamt 37 Experimente durchgeführt. Am frühen Morgen, bevor die ersten Touristen das Untersuchungsgebiet betraten, betätigte sich jeweils eine Person als Wanderer, Jogger oder Mountainbikefahrer. Eine zweite Person trug vor Experimentbeginn die Position aller im Untersuchungsgebiet sichtbaren Gemsböcke in einen Plan ein und gab der Versuchsperson per Funk das Startzeichen. Dabei erfasste sie von der erstreagierenden Gemse alle nötigen Angaben, damit nach dem Experiment folgende Parameter ermittelt werden konnten: Reaktionsdistanz (Distanz Person-Gemsbock, wenn dieser den Kopf gegen den Experimentator richtet), Fluchtdistanz (Distanz Experimentator-Gemsbock im Augenblick des Fluchtbeginns), Fluchtstrecke (Strecke zwischen dem Ort der ersten Reaktion und jenem, wo der Bock nach der Flucht mindestens 30 sec. äst oder sich hinlegt) und Aufenthaltsort nach der Flucht. Die Position aller im Untersuchungsgebiet sichtbaren Gemsböcke wurde nach dem Experiment wieder in einen Plan eingezeichnet. Bedingung war, dass das Focustier die Versuchsperson auf weite Distanz sehen konnte und sich unterhalb des Querweges befand. Reaktionsdistanzen, Fluchtdistanzen und Fluchtstrecken wurden mit allgemeinen linearen Modellen analysiert. Dabei wurden nebst dem Experimenttyp das Alter der Tiere und der Zeitpunkt der Experimente berücksichtigt. Aufenthaltsorte nach der Flucht wurden mit dem "Fisher's exact test" verglichen (Wanderer-vs. Jogger- und Mountainbike-Experimente), die Verteilung der Böcke vor und nach den Experimenten mit dem "Wilcoxon signed ranks test".

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Reaktionsdistanz; Fluchtdistanz; Fluchtstrecke; Fluchtort

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Ungestört äsende Gemsböcke, die experimentell Störreizen ausgesetzt werden, die von Joggern, Wanderern oder Mountainbikern ausgehen.

 

 

EINWIRKUNGSDAUER

keine Angabe

 

EINWIRKUNGSART

Sichtbarwerden eines Wanderers, Joggers oder Mountainbikers

 

EINWIRKUNGSGRAD

 

 

TIERART ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG
Gemse Die Gemsböcke reagierten und flüchteten gegenüber den Wanderern, Joggern und Mountainbikefahrern nicht auf unterschiedliche Distanz. Der Median der Reaktionsdistanzen lag bei 180 m (62 - 331 m, n = 32), jener der Fluchtdistanzen bei 103 m (43 - 250 m, n = 29).
Die Fluchtstrecken der Gemsböcke wurden durch den Experimenttyp und die Tageszeit beeinflusst: In den Jogger- und Mountainbike-Experimenten waren die Fluchtstrecken um so größer, je später die Experimente durchgeführt wurden (Median = 173 m, 30 - 550 m, n = 18), hingegen nahmen die Fluchtstrecken in den Wanderer-Experimenten mit zunehmender Tageszeit ab (Median = 67 m, 40 - 189 m, n = 11).
Die Tiere verzogen sich bei den Jogger- und Mountainbike-Experimenten nicht häufiger ins Geröll als in den Wanderer-Experimenten, außerdem hielten sich nach Experimenten von allen drei Typen weniger Gemsböcke in den Weiden auf als zuvor. Ein Teil von ihnen hatte sich in strukturiertes Gebiet verzogen.