Bundesamt für Naturschutz

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Heinen, Franziska; (1986) Untersuchungen über den Einfluß des Flugverkehrs auf brütende und rastende Küstenvögel an ausgewählten Stellen des niedersächsischen Wattenmeergebietes (Kopie 1)

Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin

 

 

SPORTARTEN

Luftsport

 

INHALT

Die Untersuchung versucht einen Beitrag zur Beantwortung der Frage zu leisten, inwieweit ein Einfluß von Flugverkehr auf Brut- und Gastvögel im Wattenmeergebiet besteht.

Nach der Darstellung des komplexen und umfassenden Charakters dieser Fragestellung wird durch gezielt angelegte Beobachtungsreihen die Problematik detailliert analysiert.

Durch die gewonnenen Beobachtungsdaten sowie einem Vergleich verschiedener Störsituationen und Reaktionen der Vögel bei Störungen, soll die Informationsgrundlage für eine Bewertung der Belastung geschaffen werden.

 

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Geringere Störanfälligkeit der Vögel in einem Gebiet, kann durch das Abwandern von Arten mit niedriger Toleranzgrenze und den Verbleib von Arten mit hoher Toleranzgrenze bedingt sein. Beobachtete Gewöhnungsvorgänge dürfen daher nicht auf andere Gebiete übertragen werden und zu einer Bagatellisierung des Flugverkehrs führen (S. 73).
  • Die vergleichsweise größere Störanfälligkeit der Gastvögel wurde damit begründet, dass es sich bei den beobachteten Gastvögeln (Brachvögel und Ringelgänse) um allgemein sehr empfindliche Vogelarten handelt und die Brutvögel sich durch den längeren Aufenthalt im Gebiet besser an den Flugverkehr gewöhnen können (S. 71).
  • Die Beantwortung der Frage, ob sich Flugverkehr störend auswirkt, darf sich nicht an Arten orientieren, die allgemein anpassungsfähig sind und auch eine geringe Störanfälligkeit gegenüber Flugverkehr zeigen (z. B. Austernfischer, Silbermöwen). Ein Belastungswert muss sich an den am empfindlichsten reagierenden Arten orientieren (S. 74).
  • Der Flugverkehr stellt eine erhebliche Belastung für die Vogelwelt im Wattenmeer dar (S. 76).

BEZUG/QUELLE

Institut für Vogelforschung,

An der Vogelwarte 21

26386 Wilhelmshaven

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 107) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Insel Mellum, Juist, Wangerooge, Ostfriesische Inseln und Watten, Niedersachsen

Die Inseln Mellum, Juist und Wangerooge Ost im Niedersächsischen Wattenmeer, einem Gebiet mit besonderer Bedeutung als Rast-, Mauser- und Brutgebiet für Wasser- und Watvogelarten sowie als traditionelles Erholungsgebiet für den Menschen.

Insel Mellum: Wattflächen sind Naturschutzgebiet, wenig Flugverkehr.

Insel Juist: 3 getrennt liegende Beobachtungsgebiete; Teilbereiche sind Naturschutzgebiet, starker Flugverkehr

Insel Wangerooge Ost: Untersuchungsflächen im Schutzgebiet "Vogelfreistätten Wangerooge", starker Flugverkehr.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Alle Situationen, in denen Flugzeuge in den Luftraum über dem Beobachtungsgebiet einflogen wurden als potentiellen Störsituationen analysiert (S. 26).

Darüber hinaus wurde das Verhalten bestimmter Vogelarten ohne Flugverkehr dokumentiert (S. 54).

Die beobachteten Vögel wurden in Brut- und Rastvögel sowie nach Vogelarten eingeteilt (S. 26).

Differenzierung in 6 Stufen von Unruhereaktionen/ Verhaltensparametern (Stufe 1 "Plötzliches Strecken des Halses und/oder zunehmende Rufaktivität" bis Stufe 6 "Auffliegen ohne Rückkehr zum Untersuchungsgebiet") bzw. 3 Stufen bei Vogelschwärmen (Stufe 1 "Keine oder einzelne Exemplare fliegen auf", Stufe 2 "Einige Schwärme fliegen auf", Stufe 3 "Fast alle Exemplare auf der Wattfläche fliegen auf") (S. 28 ff.).

Die Reaktionen der Vögel wurden nur dann als Störreaktionen gewertet, wenn sie eindeutig erkannt wurden, zeitlich unmittelbar auf die hörbare oder sichtbare Annäherung eines Flugzeuges erfolgten und zur gleichen Zeit keine weitere Störquelle zu registrieren war (S. 28).

Die Untersuchung wurden in den Sommermonaten (Mai bis September) der Jahre 1984 und 1985 durchgeführt (S. 27 ff.).

 

BEWERTUNGSMETHODEN/KRITERIEN

  • Flugzeugtypen (Unterscheidung in Düsenflugzeug, Sportflugzeug, Motorsegler, Hubschrauber)
  • Flugroute/-richtung, (Überflug oder nicht)
  • Intensität des Flugverkehrs (viel und wenig Flugverkehr; nur bei Beobachtungen von Gastvögeln)
  • Fluglärm
  • Flughöhe, (3 Höhenklassen)
  • Brut- und Rastgebiete
  • Wasserstand (auflaufendes/ablaufendes Wasser)

KONTROLLZUSTAND/AUSGANGSLAGE

  • Im Zuge des ansteigenden Fremdenverkehrsaufkommens in der norddeutschen Küstenregion konnte eine besonders starke Zunahme sowohl des befördernden Luftverkehrs als auch des Sportflugverkehr verzeichnet werden (S. 4).
  • Außerdem wurde das Wattenmeer sehr intensiv von Militärflughäfen des Binnenlandes zu Tiefflugübungen genutzt (S. 6).
  • Fluchtreaktionen von Vögeln erfolgten auf Objekte, die ihrem natürlichen Flugfeindbild nahekamen sowie in Überraschungsmomenten, in denen nicht genügend Zeit für eine Abschätzung der Situation blieb (S. 62).
  • Besonders Motorsegler (große Flügelspannweite, langsam gleitende Flugbewegung) schienen dem natürlichen Feindbild von Gänsen besonders nahezukommen (S. 63).

EINWIRKUNGSDAUER

keine Angaben

 

EINWIRKUNGSART

optischer Reiz am Himmel

 

EINWIRKUNGSGRAD

Unterschiedlich intensiver Flugverkehr,

unterschiedlich hoch bzw. schnell fliegende Flugzeuge,

unterschiedlich laute Flugzeuge

 

 

TIERART

Brutvögel (Austernfischer, Kiebitz, Brandgans, Rotschenkel)

Rast-/Gastvögel (Großer Brachvogel, Ringelgans, Pfuhlschnepfe)

 

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Flugzeugtypen

  • Gewöhnungsvorgänge konnten festgestellt werden. Diese waren teilweise an bestimmte Flugzeugtypen gebunden (S. 72).
  • Vögel wurden besonders durch Flugzeugtypen gestört, die ihnen fremd waren und mit denen sie noch keine oder selten Erfahrungen machen konnten ("Seltenheitsprinzip") (S. 65).
  • Motorsegler (große Flügelspannweite, langsam gleitende Flugbewegungen) wiesen eine sehr hohe Störwirkung bei Arten auf, die besonders stark auf die Annäherung von Flugfeinden reagieren (S. 63).
  • Sportflugzeuge führten wegen des starken Fluglärms besonders bei Vogelarten zu Störungen, die besonders anfällig gegen Lärm reagierten (z.B. Ringel- und Brandgänse) (S. 63).
  • Signifikante Unterschiede in der Störwirkung von Düsen- und Sportflugzeugen konnten nicht festgestellt werden. Die schnellen Düsenjäger hatten sehr kurze Belastungsdauern und kamen dem Charakter eines langsam gleitenden Greifvogel nicht nahe. Nur lärmempfindliche Arten reagierten stark auf Düsenflugzeuge (S. 64).
  • Störungen durch Hubschrauber waren selten aber sehr massiv, weniger wegen des erzeugten Lärms als aufgrund des besonderen Frequenzspektrums (S. 64 ff.).

Vogelarten

  • Besonders die im Wattenmeer rastenden Gastvögel waren durch den Flugverkehr betroffen. Nichtdeckung des Nahrungsbedarfs und Energieverluste wurden befürchtet (S. 74).
  • Die Gastvögel (Ringelgänse und Brachvögel) reagierten empfindlicher (Auffliegen bei 57 % der Störreaktionen) als die Brutvögel (22 %) (Juist) (S. 71).
  • Bei den Brutvögeln reagierten Rotschenkel am empfindlichsten. In ca. 30 % der beobachteten Störreaktionen reagierten die Vögel im Brutgebiet mit Auffliegen, allerdings konnte in keinem Fall das Verlassen des Nestes durch einen brütenden Vogel beobachtet werden (Juist) (S. 70).

Flugrichtung

  • Direkte Überflüge riefen in der Regel stärkere Reaktionen hervor als passierende Flüge. Dies war jedoch von Vogelart und Gebiet abhängig (S. 66/68).
  • Die Flugrichtung spielt insbesondere dann eine Rolle, wenn die Reaktionen nicht durch eine starke Lärmwirkung des Flugobjekts ausgelöst wurden (S. 66 ff.).

Fluglärm

  • Die Störwirkung des Lärms spielte innerhalb der untersuchten Störfaktoren eine untergeordnete Rolle (S. 69).
  • Besonders bei Flugzeugen, die die Vögel nicht direkt überflogen, war starke Lärmentwicklung für Störreaktionen verantwortlich (S. 67).
  • Signifikante Werte, die auf eine Störung von Vögeln durch Fluglärm hinwiesen ergaben sich nur bei wenigen Arten (insbesondere Brandgänse, Ringelgänse und Austernfischer) in bestimmten Gebieten. Ein Überschallknall dagegen verursachte ausnahmslos bei allen beobachteten Vögeln panikartiges Auffliegen, häufig unter lautem Rufen (S. 53).
  • Die große Störwirkung des Überschallknalls schien auf dessen "plötzlichem" Erscheinen zu beruhen (S. 69).

Flughöhe

  • Es gab Grund zur Annahme, daß höher fliegende Flugzeuge weniger stören als niedrig fliegende (S. 69).

Flugintensität

  • In Gebieten mit starkem Luftverkehr (insbesondere Juist) lässt sich häufig eine Gewöhnung an Störungen durch Luftfahrzeuge feststellen (S. 73).
  • Beobachtungen von Brachvögeln und Ringelgänsen (Gastvögel) bei keinem oder wenig Flugverkehr zeigten, daß die beobachteten Störreaktionen nicht oder nicht in dem Maße auftraten wie an Tagen mit viel Flugverkehr (S. 54).
  • Die Ringelgänse auf Mellum (wenig Flugverkehr) reagierten weitaus empfindlicher als die Ringelgänse auf Juist (starker Flugverkehr) (S. 71).
  • Bei Ringelgänsen konnte ein relativ konstant proportionales Verhältnis zwischen der Anzahl der sichernden Gänse und der Größe der Gruppe festgestellt werden (57). Bei Flugverkehr sicherte ein wesentlich größerer Teil der Gänse; das proportionale Verhältnis ging verloren (S. 60).

Gewöhnung

  • Gewöhnungsvorgänge konnten festgestellt werden. Diese waren teilweise an bestimmte Flugzeugtypen, die im jeweiligen Gebiet häufig vorkamen, gebunden (S. 72).
  • In Gebieten mit starkem Luftverkehr (insbesondere Juist) ließ sich häufig eine Gewöhnung an Störungen durch Luftfahrzeuge feststellen (S. 73).
  • Eine ständige Unterschreitung der Toleranzgrenze der Vögel hinsichtlich der Flughöhe, machte in bestimmten Gebieten eine Gewöhnung unmöglich (S. 72).

Wasserstand

  • In einem Untersuchungsgebiet wurde eine erhöhte Unruhe und Aufflugneigung sowie eine erhöhte Störanfälligkeit bei den graduellen Störreaktionen der Vögel vor Hochwasser festgestellt (S. 69).

Wetter

  • Bei aufkommenden Schlechtwetter (Sturm, Regen) erschienen die Vögel besonders nervös; allerdings konnte dies wegen des ausbleibenden Flugverkehrs nicht genau untersucht werden (S. 70).

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

  • Beobachtungen in Gebieten mit sehr starkem Flugverkehr können nicht auf andere Gebiete übertragen werden (S. 73).