Bundesamt für Naturschutz

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Flore, B.-O. (1997): Brutbestand, Bruterfolg und Gefährdungen von Seeregenpfeifern (Charadrius alexandrinus) und Zwergseeschwalben (Sterna albifrons) im Wattenmeer von Niedersachsen


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung   

 

SPORTARTEN

Erholung am Gewässer

 

INHALT

Die Brutbestände der in Strand-Ökosystemen brütenden Seeregenpfeifer und Zwergseeschwalben im Wattenmeer von Niedersachsen und Hamburg haben von jeweils etwa 1.000 Paaren Anfang der 1950er Jahre auf 76 bzw. 329 Paare (1995) stark abgenommen. Mit Schwerpunkt auf der Ostfriesischen Insel Juist wurden von 1993-95 Untersuchungen zu Habitatwahl, Brutbestand, Bruterfolg und Gefährdungen in mehreren Gebieten auf Inseln und am Festland durchgeführt.

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Negativ auf den Bruterfolg der Seeschwalben wirkte sich ungünstiges Wetter sowie möglicherweise auch Nahrungsmangel aus (1993, 1995). Hochwasser-Verluste traten nur 1993 an Zwergseeschwalben-Nachgelegen auf. Prädation durch Silbermöwen kann den Verlust von jeweils 0,2 bzw. 0,1 juv./Paar bei Küsten- und Zwergseeschwalben verursacht haben, einzelne Möwen waren vermutlich hierauf spezialisiert. Tourismus kann den Bruterfolg beider Arten teilweise erheblich beeinträchtigt haben. Von Mai bis Juli dürften im Nationalpark "Niedersächsisches Wattenmeer" ca. 3.100 Personen das Seeregenpfeifer-Brutgebiet bei Bensersiel (Zwischenzone) und ca. 2.500 das Zwergseeschwalben-Brutgebiet auf Baltrum (Ruhezone) betreten haben. Flugzeuge verursachten nur ausnahmsweise Störungen.

 

Am Beispiel von Juist ("Kalfamer") wird die Blockierung eines Strandabschnittes für Brutvögel durch intensiven Tourismus deutlich: Nach Beruhigung des Gebietes durch Besucherlenkung und Intensivierung der Betreuung stiegen die Brutbestände von Seeregenpfeifern und Zwergseeschwalben auffallend an. Der Kalfamer ist seitdem für beide Arten das bedeutendste Brutgebiet in Niedersachsen und ein Beispiel für den Schutz in anderen Wattenmeer-Gebieten.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 969) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 

METHODEN

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Juist, Baltrum, Oldeoog, Bensersiel, Neuharlingersiel, Inseln und Wattenmeer, Niedersachsen, Hamburg

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Ein spezieller, auf störungsökologische Fragen abgestellter Untersuchungsansatz wurde nicht entwickelt. Es wurden lediglich Zahlen zur Frequentierung von Gebieten durch Erholungssuchende (v.a. Spaziergänger) und einzelne markante Beispiele von Erholungsaktivitäten in für Vögel sensiblen Bereichen geschildert.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Entwicklung der Vogelbestände nach Ausschalten von touristisch motivierten Nutzungsmöglichkeiten von Gebieten. Beschreibung der qualitativen Veränderung.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Erholungsaktivitäten in sensiblen Gebieten.

 

 

ERGEBNISSE

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Seeregenpfeifer, Zwergseeschwalbe

Die touristischen Aktivitäten summieren sich in ihrer negativen Wirkung, sodass die Anzahl der Brutpaare deutlich unter der Brutbiotop-Kapazität eines Gebietes bleibt (dokumentiert am Beispiel der Bestandsentwicklung der beiden Arten am Ostende der Insel ("Kafamer").

Dokumentierung eines Beispiels, wo in Folge einer Störung durch Spaziergänger ein Seeregenpfeifer-Küken Beute einer Möwe wurde.

 

BEMERKUNGEN

Die Arbeit legt ihren Untersuchungsschwerpunkt auf Faktoren, die den Bruterfolg von Seeregenpfeifer und Zwergseeschwalbe beeinflussen können. Hierbei konzentriert sich der Autor auf "natürliche" Faktoren wie Wahl der Nistbiotope, Brutbestand und Bruterfolg, Phänologie von Gelegen und Schlupf der Küken, ungünstige Einflüsse auf den Bruterfolg in den Jahren 1993-1995: Hochwasser, Wetter/Witterung, Prädation und Interaktionen mit anderen Vögeln sowie Tourismus und Flugverkehr. Ohne eine abschließende Kausalität anzunehmen, dokumentiert der Autor "Indizien", die einen negativen Einfluss von touristischen Aktivitäten wahrscheinlich machen. Passagen mit solchen Indizien werden hier dokumentiert:

  • "Zwar erzielten die Seeregenpfeifer bei Bensersiel, dem am stärksten durch Tourismus frequentierten Brutgebiet, mit zusammen 0,5 juv./Paar noch einen beachtlichen Bruterfolg, doch fällt der geringste Bestand und der ausbleibende Bruterfolg in das Jahr mit dem günstigsten Wetter (1994) und der höchsten Anzahl hier lagernder Personen.
  • Touristische Aktivitäten können die Ansiedlung der Strandvogelarten blockieren und den Bruterfolg minimieren. In Jahren mit ungünstigen natürlichen Bedingungen kann Tourismus diese negativen Einflüße verstärken und selbst bei günstigen Umständen ein Ausbleiben des Bruterfolges bewirken.
  • Es sind mehrere Beispiele für Strände bekannt, in denen nach Verringerung der Beeinträchtigungen durch touristische Aktivitäten die Brutbestände von Seeregenpfeifern und Zwergseeschwalben deutlich anstiegen. In einem Primärdünengebiet bei St. Peter-Böhl (Schleswig-Holstein), das zuvor durch Tourismus genutzt wurde, siedelten sich 1991 spontan jeweils 14 Paare Seeregenpfeifer und Zwergseeschwalben an, nachdem Tourismus hier ausgeschlossen werden konnte (STOCK 1992).
  • Eine Zwergseeschwalben-Kolonie auf Sylt (Morsum-Odde) verzeichnete durch Schutzmaßnahmen ab 1992 ebenfalls eine starke Zunahme sowie guten Bruterfolg (HÄLTERLEIN 1996).
  • Aus Großbritannien liegen ähnliche Beispiele für dieZwergseeschwalbe vor: Nachdem mehrere Strände für Spaziergänger gesperrt werden konnten, nahmen sowohl die Brutbestände als auch die Bruterfolge auffallend zu (HADDON & KNIGHT 1983, KNIGHT & HADDON 1982, SEARS & AVERY 1993).
  • Das Ostende von Juist (Kalfamer) stellt ebenfalls ein gutes Beispiel für den Schutz von Strandvogelarten dar. Der Kalfamer war von jeher ein beliebtes Ausflugsziel, längeres Verweilen und Lagerfeuer fanden statt (MAY 1991, H. KOLDE mdl.). 1987-89 war das Umrunden des Ostendes nur noch in den zwei Stunden um Niedrigwasser erlaubt, dennoch traten weiterhin erhebliche Störungen durch Wanderer und Radfahrer auf. Ab 1990 wurde das Betreten des Kaifamers zur Brutzeit vollständig untersagt (MAY 1991). [...] In Folge dieser Schutzmaßnahmen stiegen die Brutbestände von Seeregenpfeifern und Zwergseeschwalben deutlich an (Abb. 5). Inzwischen ist der Kalfamer das bedeutendste Brutgebiet für beide Arten im niedersächsischen Wattenmeer. 1993 befand sich hier sogar die größte Zwergseeschwalben-Kolonie Deutschlands. Diese Beispiele zeigen, daß geeignete Brutgebiete, die in Folge intensiver touristischer Nutzung für Seeregenpfeifer und Zwergseeschwaiben blockiert waren, durch angemessene Besucherlenkung und Gebietsbetreuung wieder eine große Bedeutung für gefährdete Arten erreichen können."