Bundesamt für Naturschutz

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Boldt, A. (2005): Synthese der Wild-Tourismus-Daten in den Regionen Männlichen & Augstmatthorn

Diese Auswertung wurde erstellt von: Andreas Boldt

 

SPORTARTEN

Drachenflug/ Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Luftsport

 

INHALT

An der Universität Bern wurden in zwei Phasen des Forschungsprojektes "Tourismus und Wild" unter der Leitung von Prof. Paul Ingold zwei grundlegende Dissertationen zum Einfluss von Hängegleiten auf Wildtiere durchgeführt.

Schnidrig-Petrig (1994) dokumentierte in drei Untersuchungsgebieten im Berner Oberland die unmittelbare Reaktion sowie mittelfristige und langfristige Auswirkungen von Gleitschirmbetrieb auf Gämsen.

  • In zwei Gebieten (Allmenalp, Niesen) reagierten die Gämsen im Mittel auf 500 m und flüchteten auf 400 m vor den Gleitschirmen. Am Augstmatthorn jedoch reagierten die Tiere heftiger und flüchteten praktisch unmittelbar nach der ersten Reaktion zum nächstgelegenen Wald, als der Gleitschirm noch 800 m von ihnen entfernt war.
  • Mittelfristig wirkte sich Gleitschirmbetrieb auf die Gebietsnutzung aus, die sich stark von einem Gebiet ohne Flugbetrieb unterschied (Doldenhorn). Die Gämsen mieden die direkt überflogenen Weiden die meiste Zeit des Tages, sobald intensiver Flugbetrieb einsetzte, und blieben bis zu 8 Stunden im Wald (Allmenalp).
  • Im Gebiet Allmenalp wurden auch langfristige Auswirkungen festgestellt, welche sich in konditionellen Einbussen der Tiere seit Einsetzen des Gleitschirmbetriebs äußerten.

Boldt (2003) untersuchte in seiner Dissertation ebenfalls im Berner Oberland am Männlichen, wie sich Gleitschirmbetrieb im Winter auf Gämsen auswirkt.

  • Im Vergleich zu den Ergebnissen von Schnidrig-Petrig war die unmittelbare Reaktion mit einer mittleren Fluchtdistanz von 235 m moderat.
  • Raumnutzung und Aktivitätsmuster waren nur bedingt vom Gleitschirmbetrieb abhängig. Tägliche Abwärtsbewegungen aus den offenen Weideflächen in tiefergelegene Waldrandregionen konnten zwar durch Gleitschirme ausgelöst werden, waren aber in erster Linie von der Schneebedeckung abhängig.
  • Das Aktivitätsmuster hingegen wurde durch diese Auf- und Ab-Bewegungen nicht beeinflusst, weil offenbar auch im Waldrandbereich immer noch genügend schneefreie Stellen zum Äsen vorhanden sind.

Da diese Ergebnisse auf den ersten Blick eher widersprüchlich scheinen, wurde nun in einer Synthese nach den entscheidenden Faktoren gesucht, welche die unterschiedliche die Reaktionsempfindlichkeit der Gämsen gegenüber Gleitschirmen insbsondere in den Gebieten Augstmatthorn und Männlichen beeinflussen.

  • In einem ersten Schritt wurden am Männlichen Reaktions- und Fluchtdistanzen im Sommer ermittelt: Obschon zu erwarten war, dass die Gämsen aus Energiegründen im Winter schwächer reagieren, wurde kein saisnonaler Unterschied in der Reaktion festgestellt (Boldt & Bieri 2005).
  • Zur Erklärung der Differenzen wurden in einer gutachterischen Analyse weitere Faktoren beurteilt. Weder der unterschiedliche Zeithorizont der beiden Studien, noch die Aufnahmemethodik, noch die Populationsstruktur, noch Raumnutzungs- und Aktivitätsmuster, noch Habituation oder die Art des Flugbetriebs erwiesen sich als entscheidend zur Erklärung der festgestellten Unterschiede in der Reaktion der Gämsen auf Gleitschirme.
  • Als wichtigster Faktor kristallisierte sich Habitatstruktur und Topografie heraus. Am Männlichen sind die offenen Weiden oberhalb der Waldgrenze stärker gekammert, die Distanz zum nächsten Rückzugsgebiet (Wald) ist im Mittel geringer, die Waldflächen sind weniger geschlossen und bieten mehr alternative Äsflächen. Diese Unterschiede sind wohl der Hauptgrund dafür, dass die Gämsen am Männlichen weniger stark reagieren als am Augstmatthorn und dass sie keine negativen mittel- bis langfristigen Auswirkungen des Flugbetriebs erleiden.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Reaktion von Huftieren gegenüber Gleitschirmen kann nur zum Teil erklärt werden. Beim Vergleich von Daten aus verschiedenen Studien sind insbesondere zu beachten:

  • Zeithorizont der Studien
  • Methode der Datenaufnahme
  • Topographie und Habitatstruktur

Die Auswirkungen von Gleitschirmbetrieb auf Wildtiere von einem Untersuchungsgebiet auf andere zu extrapolieren ist nur bedingt möglich. Wenn allerdings die relevanten gebietsspezifischen Parameter (s.o.) bekannt und allenfalls quantifiziert sind, lassen sich die zu erwartenden Auswirkungen von Hängegleiten auf Wildtiere auch für andere Regionen abschätzen.

 

BEZUG/QUELLE

Bundesamt für Umwelt BAFU

Sektion Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität

CH-3003 Bern

www.umwelt-schweiz.ch

 

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2949) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

METHODE

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Zwei von Glietschirmbetrieb betroffene Gämseinstandsgebiete im Berner Oberland: Augstmatthorn und Männlichen.

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Vergleich der Reaktionsempfindlichkeit von Gämsen gegenüber Gleitschirmen in den 2 Gebieten.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • Statistischer Vergleich der unmittelbaren Reaktion der Gämsen anhand von Reaktions- und Fluchtdistanzen.
  • Gutachterliche Analyse und Eruieren der relavanten Faktoren, welche eine unterschiedliche Reaktionsempfindlichkeit der Gämsen in den 2 Gebieten bewirken.

 

ERGEBNISSE

EINWIRKUNGSDAUER

Kurz- bis mittelfristig

 

EINWIRKUNGSART

Veränderte Raumnutzung, zum Teil langfristige negative Auswirkungen.

 

TIERART

Gämse

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Bedingt, nur wenn die entscheidenden relevanten Faktoren wie Habitatstruktur und Topographie erfasst sind.

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