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Eisfeld, D.: Gutachten zur Auswirkung des Hängegleiterbetriebes auf die felsbrütenden Federwildarten (Wanderfalke und Kolkrabe) im Naturschutzgbiet Belchengipfel - 1989

Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung   

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Klettern, Tourenskilauf, Wandern/Geländelauf

 

INHALT

Im Rahmen des Gutachtens soll geklärt werden, welche Auswirkungen der Hängegleiterbetrieb auf die felsbrütenden Federwildarten (Wanderfalke und Kolkrabe) im Naturschutzgebiet (NSG) "Belchengipfel" haben kann. Hierbei werden folgende Aspekte untersucht:

  • das Verhalten der Vögel während der Brut- und Aufzuchtzeit (Mitte Februar-Ende Juli) für die Jahre 1987/88,
  • das Verhalten der Vögel während des eingeschränkten Flugbetriebes von August - November für das Jahr 1987,
  • der Vergleich der Besiedlung des Naturschutzgebietes "Belchengipfel" durch Felsbrüter vor und nach Einschränkung des Flugbetriebes sowie
  • die Reaktionen von Wanderfalken auf Störexperimente mit Drachenfliegern außerhalb des NSG.

Die Untersuchungsergebnisse werden für die jeweilige Art ausführlich dargestellt und diskutiert.
Darüber hinaus werden auch andere potentielle "Störer" für das Gebiet genannt und kommentiert.
Zur Einordnung der Untersuchungsergebnisse werden auch Beobachtungen anderer Gutachter aus dem Schwarzwald, dem Schweizer sowie dem Französischen Jura herangezogen.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Im Schwarzwald ist schon häufig beobachtet worden, daß Wanderfalkengelege durch Schnee verschüttet werden und dadurch verloren gehen (S. 6).

Wertung der Beobachtungsergebnisse (S. 8ff.)

Die dauerhafte Ansiedlung eines Wanderfalkenpaares seit 1987 sowie die Brut der Wanderfalken und Kolkraben an dem Frühjahr 1989 belegen, daß das NSG "Belchengipfel" einen geeigneten Lebensraum für diese beiden felsbrütenden Vogelarten darstellt.

Bis 1986 uneingeschränkter Hängegleiterbetrieb Õ Ausbleiben von Bruten der Wanderfalken und Kolkraben (seit 1981) sowie Abwanderung von zwei angesiedelten Wanderfalkenpaaren.

Nach zeitlicher und räumlicher Einschränkung des Flugbetriebes 1987 Õ dauerhafte Ansiedlung eines Wanderfalkenpaares, ab 1989 Bruten der Wanderfalken und Kolkraben.

Diese Zusammenhänge lassen vermuten, daß der Hängegleiterbetrieb Ursache für das Ausbleiben von Bruten und das Abwandern der Wanderfalken ist. "Ein Beweis für die kausalen Verknüpfungen kann aber nicht geführt werden" (S. 9).

Bei den Wanderfalken ist in den Jahren 1987/88 ein Einfluß von Hängegleitern aber mit ziemlicher Sicherheit auszuschließen. Ursache war wahrscheinlich eher die ungünstige Witterung bzw. Partnerwechsel. Auch für die Jahre vor 1987 kann nicht davon ausgegangen werden, daß es ohne die Störung der Drachenflieger in jedem Fall zur Brut gekommen wäre. "Das Ausbleiben der Störung durch Drachenflieger scheint eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Besiedlung des Belchen durch die beiden Felsbrüterarten zu sein, sie ist aber nicht die allein entscheidende" (S. 9).

Die Situation bei den Kolkraben in den Jahren 1987/88 ist nicht eindeutig genug, um daraus Schlüsse ziehen zu können.

Feste Sicherheitsabstände für die Felsbereiche des "Belchen" sind nicht sinnvoll definierbar, da viele Faktoren einen modifizierenden Einfluß haben (z. B. die individuelle Erfahrung der betroffenen Tiere, der Stand des Brutgeschäfts usw.).

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 405) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Naturschutzgebiet (=NSG) "Belchengipfel", Schwarzwald, Baden-Württemberg

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Beobachtung des Wanderfalken und Kolkraben während der Brut- und Aufzuchtzeit (Mitte Februar bis Ende Juli): Anzahl der auftretenden Individuen, wenn möglich individuelle Identifikation (Farbberingung), Beobachtung der Ansiedlung, Balz- und Brutgeschehen, Erfassung aller Störungen (natürliche, anthropogen verursachte).

Beobachtung der Reaktionen von Wanderfalken und Kolkraben auf Hängegleiter im Zeitraum von August bis einschließlich November (nur für 1987).

Soweit möglich gezielter Einsatz von Hängegleitern an Horsten außerhalb des NSG und Beobachtung der Reaktion der Vögel, Übertragung der Ergebnisse auf den "Belchen".

Vergleich der Besiedlung des NSG durch die felsbrütenden Arten vor und nach Einschränkung des Hängegleiterbetriebes.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Bruterfolg

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Das NSG "Belchengipfel" wird sehr stark von verschiedenen Freizeitaktivitäten beansprucht (Spazierengehen, Wandern, Skilaufen, u.a.).

Aufgrund der Geländeausformung gibt es im Gebiet auch weitgehend von menschlicher Nutzung ungestörte Bereiche, in denen seltene Tier- und Pflanzenarten der Hochlagen- und Felsregionen des Schwarzwaldes vorkommen.

Obwohl Wanderfalken als auch Kolkraben auf Bäumen brüten können, sind sie im Schwarzwald offenbar an Felsen gebunden (alle bekannten Horste befinden sich auf Felsen).

Trotz geeigneter Lebensraumbedingungen für die beiden felsbrütenden Vogelarten in der Umgebung des "Belchen", gelang es keiner der beiden Arten, dort dauerhaft zu bleiben; Vermutung: Störung durch die Drachenflieger.

Aufgrund dieser Vermutung: Bescheid des Regierungspräsidiums Freiburg vom 24.7.86 mit der Unterbindung des Hängegleiterbetriebes am "Belchengipfel". Der Protest der Drachenflieger sorgte für einen Erlaß (vom 20.7.87), der für 1987 und 1988 einen eingeschränkten Probebetrieb erlaubte: Starten nur in der Zeit von August bis November, Einschränkung des Flugbetriebes über dem NSG auf 2 Flugkorridore, die die Felsregionen aussparen. Damit sollten die Störungen möglichst gering gehalten werden.

Diese Periode sollte genutzt werden, um die Auswirkungen zu untersuchen.

Der Probebetrieb war so gestaltet, daß es kaum zu einer Konfrontation zwischen Vögeln und Hängegleitern kam (Aug.-Nov. sind die Vögel nur in geringem Maße an die Brutfelsen gebunden und können in ungestörte Bereiche ausweichen). Die Untersuchungsmöglichkeiten waren somit eingeschränkt. Deshalb wurden die Beobachtungen von Aug.-Nov. nur 1987 durchgeführt.

 

Wanderfalke

Geschlechter sind erkennbar an Körpergröße und geringfügigen Färbungsunterschieden.

In Baden-Württemberg wird der überwiegende Teil der ausfliegenden Jungvögel von der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz farbig beringt. Farbkombinationen geben somit Auskunft über das Alter des jeweiligen Vogels.

Die Wanderfalken tragen kein Nistmaterial zusammen, sondern legen die Eier auf dem am Horstplatz vorgefundenen Untergrund.

Situation der Wanderfalken im Schwarzwald (Zeitraum vor 1987):

Anfang der 70er Jahre: Wanderfalken fast ausgestorben,

Ende der 70er Jahre: angesiedelte Paare brüteten regelmäßig,

1980: Neuansiedlungen an bisher verwaisten Felsen, u.a. auch am "Belchen",

kontinuierliche Zunahme der Brutpaare, Reviere blieben besetzt, regelmäßige Bruten mit Ausnahme des "Belchen".

Die regelmäßigen Kontrollen der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz haben ergeben, daß das Brutrevier "der Belchen" in der Zeit des uneingeschränkten Hängegleiterbetriebes 2x von einem angesiedelten Wanderfalkenpaar aufgegeben wurde, d.h. von 1981-86 gab es keine Bruten zu verzeichnen.

 

Kolkrabe

Beobachtungen am Kolkraben sind weniger eindeutig, da die Unterscheidung der Geschlechter lediglich am Verhalten festgestellt werden kann. Die Gefiederfärbung kann nicht herangezogen werden, ebenso existiert kein Beringungsprogramm.

Kolkraben bauen Reisighorste, so daß die Brutversuche eine Zeit lang sichtbar bleiben.

Situation der Kolkraben im Schwarzwald (Zeitraum vor 1987):

1966 wurde erstmals wieder ein Kolkrabenpaar im Schwarzwald gesehen,

seit 1971: Anstieg der Brutpaare,

1980: 10 festangesiedelte Paare waren bekannt

1981: Bau eines Horstes am "Belchen", jedoch ohne Brutbestätigung,

1982: Ausbesserung des Horstes, aber keine Brut

bis 1986: häufige Beobachtung zweier Raben im NSG "Belchengipfel", Horst konnte trotz regelmäßiger Kontrollen nicht mehr gefunden werden.

 

EINWIRKUNGSDAUER

keine Angaben

  

EINWIRKUNGSART

optischer Reiz am Himmel

 

EINWIRKUNGSGRAD

bei den Störexperimenten genaue Angaben über Höhe und horizontalen Abstand des Drachenfliegers zum Wanderfalkenhorst

 

TIERART

Wanderfalke (Falco peregrinus)

Kolkrabe (Corvus corax)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Besiedlung des "Belchen" durch Felsbrüter

 

Wanderfalke (S. 4ff.)

1987: Es kam zu einem Brutversuch eines erwachsenen Paares, der jedoch scheiterte. Vermutung: Das beteiligte Weibchen zog kurz vor oder nach Ablage des 1. Eies in ein anderes Brutrevier um. Auslöser könnten die schlechten Witterungsbedingungen (Zuschneien des Horstes) oder die Verdrängung durch ein vorjähriges Weibchen gewesen sein. Das Brutrevier wurde später durch ein zweijähriges Männchen und ein einjähriges Weibchen besetzt.

1988: Während der Brutzeit hielt sich ein erwachsenes Paar am "Belchen" auf. Annahme, daß eine Brut stattgefunden hat (Beobachtung der Begattung), die aufgrund ungünstiger Witterungsbedingungen scheiterte (Schnee, Regen). Diese Witterung behinderte ebenso das Beuteschlagen des Falken. Dauern solche Perioden länger an, verschlechtert sich die Kondition der brütenden Vögel und können zum Eifraß führen. Auch dies könnte ein Grund für das Scheitern der Brut gewesen sein und würde außerdem erklären, warum kein Nachgelege entstanden ist wie es sonst bei frühen Gelegeverlusten üblich ist.

1989: Das Wanderfalkenpaar vom Vorjahr besiedelte einen Horst am "Belchen" und begann dort dauerhaft zu brüten.

Kolkrabe (S. 7ff.)

1987: das Kolkrabenpaar am "Belchen" zeigte Anfang April einen Brutversuch, Abbruch der Brut, Grund ungeklärt. Beteiligung des einsetzenden Drachenflugbetriebes ist nicht auszuschließen (Startplatz außerhalb des NSG, Aufwinde am "Belchen" werden zum Kreisen genutzt).

1988: Beobachtung von Rabenpaaren und Einzelraben , dennoch keine eindeutigen Hinweise auf Horstbau, Brut oder erfolgreiche Jungaufzucht.

1989: Beobachtung eines Kolkrabenpaars am "Belchen" beim Horstbau, ab 19.3. wurde in diesem Horst gebrütet.

 

Störexperimente am Wanderfalkenbrutplatz

(Experimentelle Untersuchung der unmittelbaren Reaktion der Vögel auf Drachenflieger an Horsten außerhalb des NSG, aus verschiedenen Gründen waren nur zwei Testflüge möglich):

 

1. Testflug (3.6., Spätnachmittag)

Situation vor dem Flug: Falkenjunge saß im Horst, Fütterung war vor 30 Min., Männchen saß 3 m neben dem Horst unter einem Überhang, Weibchen war nicht zu sehen.

Hängegleiter näherte sich in ca. 150 m über dem Horst, Altvogel zeigte keine Reaktion, evtl. konnte er den Drachenflieger wegen des Überhangs nicht sehen.

Drachenflieger flog seitlich versetzt, der Altvogel wurde aufmerksam. Der Drachenflieger verlor an Höhe, kreiste über dem Horst in einigen hundert Metern Abstand und flog dann ca. 20 m über Horstniveau in ca. 200 m Abstand am Horst vorbei ins Tal. Der Altvogel verfolgte ihn aufmerksam, blieb aber sitzen und warnte nicht.

Eine wesentliche Störung war somit nicht festzustellen.

 

2. Testflug (9.6., früher Abend)

Situation vor dem Flug: Jungvogel und ein Elternvogel am Brutfelsen sitzend, zweiter Elternvogel ruhte im Horstbereich.

Drachenflieger näherte sich in ca. 80 m Höhe dem Brutplatz, kreiste 3x unter Höhenverlust im Bereich des Felsens (zuletzt unter Horstniveau) und flog dann Richtung Tal. Der horizontale Abstand zum Felsen betrug beim Kreisen etwa 80 m.

Schon beim Anflug des Drachenfliegers erhoben sich die drei Falken in die Luft und flatterten aufgeregt warnend über dem Felsen. Ein Angriff der Elternvögel auf den Drachenflieger erfolgte nicht. Die starke Erregung der Elternvögel dauerte vom Auftauchen bis zum Abflug des Drachenfliegers ins Tal (insges. 6 Min.). Sie beruhigten sich danach bald und landeten kurz darauf wieder im Fels.

Drachenflieger stellten beim 2. Testflug eine Bedrohung dar, die Störung schien aber nicht länger nachzuwirken.

Aufgrund der Aufgabe der Brut konnten bei den Kolkraben keine Störexperimente durchgeführt werden.

 

Sonstige Störungen am "Belchen"

Eindeutige Störungen durch Drachenflieger oder sonstiger Art für die Vögel waren im NSG nicht zu beobachten, potentielle Störer der felsbrütenden Vögel dagegen häufig anzutreffen:

Fußgänger

die in die Felsen steigen, stellen die unmittelbarste Gefahr für Bruten dar. Besonders in Bereichen, in denen die Felsen leicht begehbar sind und mit ihrer Terrassenform zum Lagern einladen. Bereits einzelne Fußgänger reichen aus, um die scheuen Vögel aus dem Felsbereich zu vertreiben.

 

Skifahrer

beunruhigen bei entsprechender Schneelage die sonst ungestörten Bereiche, wenn sie in den Rinnen zwischen den Felsgraten durch den Tiefschnee fahren.

 

Hängegleiter

Durch das häufige Abweichen aus den vorgegebenen Flugkorridoren haben die Hängegleiter auch in den Jahren 1987/88 zur Beunruhigung der Felszonen beigetragen.

 

Gleitschirmflieger

Als eine neue Nutzergruppe im Gebiet, hielt sie sich weder an den vorgegebenen Zeitraum (Aug.-Nov.) noch an die Flugkorridore.

So wurde der Schutz vor Störungen, der mit der Einschränkung des Hängegleiterbetriebes gewährleistet werden sollte, unterlaufen.

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

keine Angaben