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Engst, Thomas (1995): Die Auswirkungen von Gleitschirmfliegern auf Gemsen (Rupicapra rupicapra L.) am Hochgrat bei Oberstaufen (Allgäu)

Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin    

 

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Wandern/Geländelauf

  

INHALT

Im Rahmen dieser Arbeit wird versucht, allgemeingültige Kriterien bei der Beurteilung von Auswirkungen des Gleitschirmfliegens auf Gemsen abzuleiten. Dazu wird insbesondere untersucht ob und unter welchen Bedingungen Reaktionen von Gemsen auf Gleitschirmflieger auftreten, ob sich die raum-zeitlichen Verteilungsmuster der Gemsen durch die Präsenz der Gleitschirmflieger verändern und inwiefern das Gleitschirmfliegen eine zusätzliche anthropogene Belastung für die Tiere darstellt.

  

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Auswirkungen des Gleitschirmfliegens auf Gemsen am Hochgrat werden als nicht gravierend bezeichnet (S. 54).

Die Nutzbarkeit des Lebensraumes der Gemsen wird entscheidend durch den Wanderbetrieb eingeschränkt (S. 51).

Das Gleitschirmfliegen stellt am Hochgrat keine zusätzliche Belastung im Sinne einer Störung dar (S. 52).

Es ist nicht die Zahl der Wanderer für die Beurteilung des Störeffektes auf die Gemsen ausschlaggebend, sondern der Zeitpunkt, wann die ersten Wanderer unterwegs sind (S. 46).

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 100) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)

Schwäbisch Oberbayerische Voralpen, Bayern

Hochgrat bei Oberstaufen, südliches Oberallgäu, Lage im Bereich eines der am stärksten erschlossenen Gebiete der Bayerische Alpen, ganzjährige Freizeitnutzung (S. 5/6).

Raumstruktur des Untersuchungsgebietes: 39 % offene Weide, 27 % Wald, 12 % Büsche, 9 % Baumzeilen, 7 % Fels, 6 % Gräben (S:28).

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)

Ganztägige und stundenweise Beobachtungen des Raum-Zeit-Verhaltens der Tiere von April bis November 1993.

Beobachtung der unmittelbaren Reaktion bei Geißen mit Kitzen bei Überflügen.

 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Überflughöhen

Die unmittelbaren Reaktionen bei Geißen mit Kitzen wurden unterschieden in: Keine Verhaltensänderung, Sichern, Flucht (S. 42).

Die Wirkung von Passierflügen im Vergleich zu Überflügen wurden nicht unterschieden (S. 51).

 

Raumstrukturen

Intensität/Frequenz des Flug- und Wanderbetriebs, Vergleich von Raumnutzung und Tagesrhythmik an Tagen mit und ohne Gleitschirm- und Wanderbetrieb (S. 22/25).

Dauer des Flugbetriebs

Regelmäßigkeit des Flugbetriebs

Anderweitige anthropogene Einflüss

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Überflugereignisse wurden nur am Nordhang dokumentiert, da die Gemsen am Südhang zu den Zeiten des Gleitschirmbetriebs dort nicht überflogen wurden (S. 44).

 

EINWIRKUNGSDAUER

Gleitschirmbetrieb seit 1986.

90 % aller Flüge am Nordhang vor allem im Sommer, 10 % der Flüge am Südhang zumeist im Herbst und Winter.

Flüge von 8 bis 18 Uhr, Schwerpunkte zwischen 11 und 12 Uhr, bzw. zwischen 14 und 15 Uhr je nach Flugroute.

Ganzjährige Frequentierung eines ausgeprägten Wanderwegenetzes.

Wanderbetrieb häufig von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, Hauptaktivitäten von 8 bis 16 Uhr.

 

EINWIRKUNGSART

- optischer Reiz am Himmel

- optischer und akustischer durch Wanderer am Boden

 

EINWIRKUNGSGRAD

  • Flughöhen: 61 % über 150 m, 13 % 100-150 m, 17 % 50-100 m, 9 % unter 50 m (S. 35).
  • Flüge unter 100 m zumeist über stark von Gemsen genutzten Gebieten (S. 35).
  • Unterschiedlich dicht aufeinanderfolgende Gleitschirmflieger (Flugintensität im Tagesverlauf)

 

TIERART

Gemsen (Rupicapra rupicapra)

 

ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Bei 74 untersuchten Überflugsereignissen wurde 42 mal keine Reaktion festgestellt, 20 mal Sicherungsverhalten und 11 mal Fluchtverhalten (Fluchten erfolgten nur bei Übeflughöhen unter 100 m) (S. 43).

Spontane Fluchtreaktionen traten nur in Ausnahmefällen in deckungslosem Gelände und bei geringen Überflugshöhen auf (S. 54).

Reaktionen der Gemsen waren abhängig von den Raumstrukturen des Geländes;

der Flughöhe und Flugintensität der Gleitschirme, der Zeitdauer, seit der in dem Gebiet schon geflogen wird und von den anderweitigen menschlichen Aktivitäten im Gebiet (S. 49).

Raumstrukturen

Bei den beobachteten Fluchtreaktionen befanden sich die Tiere auf freien Flächen mit wenig bis gar keiner Deckung und flüchteten immer zur nächstgelegenen Deckung. In der Deckung verweilten die Tiere mindestens für 20 Minuten. Es wurden aber auch Überflüge von auf freien Flächen äsenden Gemsen beobachtet, auf die keine sichtbaren Reaktionen folgten (S. 44).

Die Gemsen verließen bei Auftauchen der ersten Wanderer die deckungsarmen Abschnitte des Südhanges und suchten die reichlich strukturierten Gebiete des Nordhangs auf und verblieben dort den ganzen Tag auch bei intensivem Gleitschirmbetrieb (S. 51).

Flughöhe

Kritische Höhe, bei deren Unterschreitung durch die Gleitschirmpiloten möglicherweise Störungen auftreten, liegt zwischen 100 und 150 m (S. 51).

Flugintensität/Verteilung/Dauer der Befliegung im Gebiet

Flugintensität am Hochgrat nicht so entscheidend, weil dort immer regelmäßig geflogen wird (S. 51).

Der Vergleich der Aktivitätskurven an Tagen mit und ohne Gleitschirmbetrieb zeigte, daß sich dieser nicht störend auswirkt, da die Hauptaktivitätsphase der Gleitschirmflieger in der Zeit lag, in der die Aktivität der Gemsen natürlicherweise gering ist (S. 52).

Die Flugfrequenz als auch die Regelmäßigkeit der Befliegung am Hochgrat hatte zur Gewöhnung der Gemsen an den Flugbetrieb beigetragen; durch den Rückgang der Befliegung wurden aber in dieser Hinsicht in den nächsten Jahren keine gravierenden Veränderungen erwartet (S. 51).

Einfluß des Wanderbetriebs

Auf Wanderer reagierten die Gemsen mit Flucht sobald morgens der erste Wanderer im Gebiet auftauchte; die Fluchtdistanzen bei Wanderern betrugen zwischen 100 und 200 m; bei plötzlichem unvermutetem Auftauchen waren die Fluchtreaktionen heftiger (S. 46).

Die Gemsen hielten sich bei Gleitschirmbetrieb wegen des (früher einsetzenden Wanderbetriebs) praktisch immer in deckungsreichen Abschnitten auf (S. 50).

Hinsichtlich der Reaktionen sowie der Fluchtstrecken und Fluchtwege gab es keine Unterschiede zwischen den Auslösern "Wanderer" und "Gleitschirm" (S. 46).

 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

keine Angaben