Bundesamt für Naturschutz

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Boldt, Andreas (2003): Habitat use and activity of female Alpine chamois (Rupicapra rupicapra) in winter affected by air traffic, snow and weather


Diese Auswertung wurde erstellt von: Andreas Boldt   

  

SPORTARTEN 

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Luftsport, Motorflug 

  

INHALT 

Alpine Huftiere wie Gämsen suchen häufig die offenen Weiden oberhalb der Waldgrenze zur Nahrungsaufnahme auf. Die gleichen Gebiete werden auch häufig von Gleitschirmen oder Helikoptern überflogen. Besonders im Winter, wenn die Nahrungsgrundlagen knapp oder nicht erreichbar sind, kann dies zu Problemen führen. Flugbetrieb kann in vielen Arten heftige Reaktionen hervorrufen. Die bisherigen Studien beschränkten sich aber mehrheitlich auf den Sommer und auf die unmittelbaren Reaktionen der Tiere auf den Flugbetrieb (z. B. Fluchtverhalten). Kaum untersucht wurden bisher mittel- und langfristige Folgen für die Tiere, wie eine veränderte Habitatnutzung oder Aktivität. Um Naturschutz- oder Management-Massnahmen gezielt anwenden zu können, sind aber fundierte Kenntnisse der Konsequenzen menschlicher Aktivitäten nötig.

In der vorliegenden Studie wurde untersucht, wie sich Flugbetrieb sowie andere Faktoren (Schnee, Wind, Strahlung, Temperatur) mittelfristig auf die vertikalen Bewegungen, die räumliche Nutzung und die Aktivität der Gämsen auswirken. Dazu wurden am Männlichen oberhalb von Wengen (Berner Oberland, Schweiz) 30 Gämsen mit Schlingenfallen gefangen und mit Halsbandsendern versehen. Die Tiere wurden in den Wintern 2000/01 und 2001/02 während drei- bis viertägigen Sessionen jede Stunde gepeilt. Das Peilsystem umfasste drei fixe Empfangsstationen in Wengen und wurde vor und während der Datenaufnahme intensiv getestet und geeicht. Mit einer neu entwickelten Methode wurden die Lokalisationen berechnet und mit einem individuellen Lokalisationsfehler gewichtet. Die Senderdaten zur Aktivität und zum Höhenaufenthalt der Gämsen wurden durch zwei Datenlogger automatisch aufgezeichnet. Mittels multivariater Modellanalysen wurden die für die Habitatnutzung und Aktivität der weiblichen Gämsen relevanten Umgebungsfaktoren identifiziert, separat für die Hell- und Dunkelperioden.

Die täglichen Vertikalbewegungen bildeten ein regelmässiges Muster und kamen auf allen mittleren Höhenlagen vor. Eine Abwärtsbewegung von den offenen Weiden in den Waldbereich konnte vom ersten Flugobjekt des Tages ausgelöst und das Ausmass der Bewegung von der Intensität des Flugbetriebs beeinflusst werden, falls die Tiere am Morgen im Offenen waren. Dies war jedoch häufig nicht der Fall. Entsprechend wurde die Nutzung des Waldbereichs und der offenen Weiden in erster Linie vom Grad der Schneebedeckung (und teilweise auch vom Wind) beeinflusst und nicht vom Flugbetrieb. In Perioden hoher Schneebedeckung hielten sich die Gämsen in tieferen mittleren Lagen und damit während längerer Zeit im Waldbereich auf. Da die Gämsen auch in tieferen Lagen genügend Nahrung fanden (bevorzugt in den halboffenen Gebieten in den Gräben und entlang der Waldränder), war die Aktivität von diesen räumlichen Verschiebungen nicht betroffen und es war keine spätere Kompensation (z. B. in der Nacht) festzustellen.

  

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN 

Über eine ganze Wintersaison betrachtet, waren die Einflüsse anderer Faktoren (v. a. Schnee) wesentlich grösser als derjenige des Flugbetriebs. In einzelnen Perioden konnte dies durchaus auch anders sein, wie das Beispiel vom März 2002 zeigte, einem Zeitraum mit sehr intensivem Flugbetrieb. Andere Gründe für den geringen Einfluss des Flugbetriebs waren u. A. auch die Art und Weise wie am Männlichen geflogen wurde.

Die Studie zeigt, dass unmittelbare Reaktionen der Gämsen auf Flugbetrieb nicht unbedingt weitere negative Konsequenzen nach sich ziehen müssen. Mit den Bedingungen, wie sie am Männlichen im Winter herrschten, kommen die Gämsen jedenfalls gut zurecht. Diese Erkenntnisse bilden eine wertvolle Grundlage, um den Einfluss von Flugbetrieb in anderen Gebieten beurteilen und allfällige Maßnahmen problemgerecht anwenden zu können.

  

BEZUG/QUELLE 

Dr. Andreas Boldt

WildARK

Tillierstrasse 6a

CH-3005 Bern

andreas.boldt@wildark.ch

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2911) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)  

Gebirgswald und alpine Weiden im W-SW-Hang des Männlichen (2343 m ü. M.), Wengen, Berner Oberland, Kanton Bern, Schweiz  

  

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)  

30 Gämsen wurden mit Schlingenfallen gefangen und mit Halsbandsendern versehen. Die Tiere wurden in den Wintern 2000/01 und 2001/02 während drei- bis viertägigen Sessionen jede Stunde gepeilt. Das Peilsystem umfasste drei fixe Empfangsstationen in Wengen und wurde vor und während der Datenaufnahme intensiv getestet und geeicht. Mit einer neu entwickelten Methode wurden die Lokalisationen berechnet und mit einem individuellen Lokalisationsfehler gewichtet. Die Senderdaten zur Aktivität und zum Höhenaufenthalt der Gämsen wurden durch zwei Datenlogger automatisch aufgezeichnet. Mittels multivariater Modellanalysen wurden die für die Habitatnutzung und Aktivität der weiblichen Gämsen relevanten Umgebungsfaktoren identifiziert, separat für die Hell- und Dunkelperioden.  

  

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN 

Der Flugbetrieb wurde charakterisiert durch: Auftreten des ersten täglichen Luftfahrzeugs, Auftreten des letzten täglichen Luftfahrzeugs, Anzahl der täglichen Luftfahrzeuge, Art der Luftfahrzeuge (Gleitschirm, Helikopter, Kleinflugzeug), überflogene Gebiets-Sektoren, Intensität des Flugbetriebs (berechnet sich aus den anderen Parametern).

Als weitere Umgebungsfaktoren flossen in die Analyse ein: Schneebedeckungsgrad, Neuschneemenge, Schneehöhe, Lufttemperatur, Sonneneinstrhlung (div. Parameter), Windgeschwindigkeit.

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE 

Verglichen wurden:


Individuen an Tagen mit starkem und schwachem (bzw. ohne) Flugebtrieb.

zwei Gruppen, die wegen unterschiedlichem Home Range unterschiedlich starkem Flugebterieb ausgesetzt waren.

Ergebnisse

EINWIRKUNGSDAUER 

kurzfristig (Minuten bis 2 Stunden)

mittelfristig (2 bis 24 Stunden)

  

EINWIRKUNGSART 

Optische (seltener akustische) Störung durch direkten Überflug oder Passierflug innert < 500 m. Keine andere anthropogene Störung.  

  

EINWIRKUNGSGRAD 

Variabel; zwischen 0 und 69 Luftfahrzeuge. 

  

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Tierart: Gemse 


  • Die tägliche Abwärtsbewegung kann vom ersten Luftfahrzeug ausgelöst werden.
  • Die täglich zurückgelegte Höhendifferenz wird nur sehr schwach von der Intensität des Flugbetriebs beeinflusst.
  • Der Energieverbrauch ist durch den Flugbetrieb nicht wesentlich erhöht.
  • Der mittelfristiger Höhenaufenthalt ist nicht vom Flugebtrieb beeinflusst.
  • Kurzfristige Wechsel in den Wald können von Luftfahrzeugen ausgelöst werden.
  • Die mittelfristige Habitatnutzung ist nicht beeinflusst.
  • Die Aktivität (Äsverhalten) ist mittelfristig nicht beeinflusst.
  • Kompensationsmechanismen kommen nicht vor.

 

 ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME? 

Übertragbarkeit ist prinizipiell gegeben. Kritische Aspekte sind: 


  • Die Vorgeschichte (Erfahrung der Tiere, Gewöhnung, Geschichte des Flugbetriebs)
  • Die Existenz alternativer Äsgründe
  • Die kleinräumige Strukturierung des Gebiets (Entfernung zum Wald)

BEMERKUNGEN 

Einzelne Teile der Arbeit werden als eigenständige Publikationen eingereicht.