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Bögel, Ralf (2001): Lebensraumansprüche der Gemse in Wechselwirkung zu Waldentwicklung und Tourismus im Nationalpark Berchtesgaden untersucht mit telemetrischen Methoden


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung     

 

SPORTARTEN 

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Motorflug, Pistenskilauf (Ski Alpin), Tourenskilauf, Wandern/Geländelauf 

  

INHALT 

Das Ziel dieser Arbeit ist die Entwicklung eines Managementkonzeptes, das konfliktbeladene Überschneidungsbereiche zwischen den Habitatansprüchen der Gemse sowie menschlichen Aktivitäten und Nutzungsansprüchen minimiert. Dies wurde am Beispiel der Gemse (Rupicapra rupicapra) im Nationalpark Berchtesgaden durchgeführt, wobei populationsbiologische, forstliche und störungsökologische Untersuchungen durchgeführt wurden. Im folgenden werden jedoch nur die störungsökologisch relevanten Analysen mit ihren Methoden und Ergebnissen näher erläutert.

Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen auf der Ebene der Erregung und des Verhaltens einen deutlichen Einfluß menschlicher Aktivitäten auf die Gemse. 

  

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN 


  • Gemsen in abgelegenen Lebensräumen reagieren empfindlicher auf anthropogene Störungen als in vom Menschen erschlossenen Gebieten.
  • Das täglich variierende Besucheraufkommen beeinflusst weder das Fluchtverhalten, noch das Sicherungsverhalten. Nach Auffassung des Autors deutet dies auf Habituations(Gewöhnungs)effekte hin.
  • Die Störungsursache hat einen signifikanten Einfluss auf das Fluchtverhalten. Motorisierte Flugobjekte lösen viel schneller Fluchtreaktionen aus als unmotorisierte, und tieffliegende Objekte eher als hochfliegende. Bei abfahrenden Skifahrern reagieren und flüchten die Gemsen früher, als bei aufsteigenden. Am längsten werden Wanderer und (aufsteigende) Skitourengeher von den Tieren toleriert. Nähern sich größere Wandergruppen werden die Gemsen zwar schneller unruhig, flüchten aber nicht früher oder über längere Strecken, als bei einzelnen Wanderern.
  • Zwar hat die Störungsursache einen Einfluß auf die Reaktions- und Fluchtdistanzen, beeinflusst aber nicht die Länge der Fluchtstrecke und den Sicherungsaufwand. Die Länge der Fluchtstrecke der Gemsen ist unabhängig von Gewöhnungseffekten und wird durch die örtlichen Gegebenheiten z. B. verfügbare Rückzugsgebiete und dem Verlauf der Störung z. B. weitere Annäherung oder Abwenden bestimmt. Die Tiere flüchten bevorzugt bergauf, die Richtung hat aber keinen Einfluss auf die Länge der Fluchtstrecke. Auch die Annäherungsrichtung einer Störung hat keinen Einfluss auf die Länge der Fluchtsrecke und Fluchtrichtung.
  • Im allgemeinen zeigen Gemsen im Winter eine höhere Störungstoleranz. Die Schneebedeckung hat keinen Einfluss auf die Fluchtreaktion.
  • Es zeigen sich klare geschlechtsspezifische und jahres- und tageszeitliche Unterschiede in der Störungsempfindlichkeit. Böcke sichern häufiger, aber reagieren später als Geißen auf Störungen. Bei Geißen ist auch die Wirkungsdauer einer Störung größer als bei Böcken. Im Sommer flüchten Geißen und Geiß-Kitz-Rudel früher und legen größere Strecken zurück als im Winter oder während der Setzzeit. Die Flucht- und Reaktionsdistanzen und die Wirkungsdauer einer Störung steigen mit der Rudelgröße. Am frühen Morgen flüchten die Tiere schneller als im Verlauf des späteren Vor- oder Nachmittags. Größere Geiß-Kitzrudel haben jedoch im Sommer die niedrigste Toleranz gegenüber anthropogenen Störungen.
  • Bei bodengebundenen Störungen fliehen die Gemsen meist in Felsbereiche und bei Störungen aus der Luft hauptsächlich in Wälder und Krummholzbereiche, jedoch auch in Felsgebiete.
  • Nach der Auffasung des Autors sind Wegegebote, Ausweisung von "Tabuzonen" oder die Bereitstellung von Ausweichflächen, bedingt durch die Datenlage der bodengebundenen Störungen nicht notwendig.

Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)  

Untersuchungsgebiet ist das Biosphärenreservat Berchtesgaden (Bayern) mit einer Gesamtfläche von 470 km²; es setzt sich aus dem Nationalpark (210 km²) und dem nördlich angrenzenden Vorfeld (260 km²) zusammen. Die Höhenlagen reichen von 400 m ü. NN bis über 2700 m ü. NN. Die beiden Gebirge Untersberg (1972 m ü. NN) und Lattengebirge (1738 m ü. NN), sowie der Berchtesgadener Talkessel und die Ramsauer und Bischofswiesener Talzüge bilden das Vorfeld. Der Nationalpark gliedert sich in die drei Trogtäler Königssee, Wimbachtal und Klausbachtal, die wiederum durch die vier Gebirge Hagengebirge (2350 m ü. NN), Watzmann (2713 m ü. NN), Hochkalter (2607 m ü. NN) und die Reiteralm (2286 m ü. NN) voneinander getrennt sind.

Die störungsökologischen Untersuchungen wurden im Großraum Jenner, östlich des Königssees durchgeführt. Die Auswahl der Untersuchungsgebiete im Großraum Jenner erfolgte entlang eines Gradienten unterschiedlicher Störungsintensitäten. Die Testflächen wurden in Abhängigkeit von den saisonalen Einstandswecheln der Gemsen und der Routenwahl von Skifahrern und Wanderern ausgewählt. Die Testflächen der Wintereinstände waren das Obere Weidbachtal (Morbach), die Hohen Rossfelder, das Königstal und die Rotspielscheibe. Bei den Sommereinständen handelte es sich um den Krautkaser - Hohes Brett und den Fagstein. 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (TYP DER ANALYSE)

  • Reaktionsmessungen
  • Statistische Auswertungen

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN 

Messung der Reaktion der Gemsen auf Störungen

  • Die Aufzeichnungen umfassen folgende Parameter: Datum und Uhrzeit, Wetter und Schneebedeckung, Allgemeines Besucheraufkommen (gering/mittel/hoch/sehr hoch), Störquelle (Art und Anzahl), Reaktionsdistanz (Entfernung der Störquelle bei erster Reaktion), Fluchtdistanz (Entfernung der Störquelle bei Fluchtantritt), Fluchtstrecke (Länge der Fluchtstrecke und Höhendifferenz), Fluchtrichtung (relativ zum Geländerelief), Habitatwechsel (Einstand vor bzw. nach der Flucht), Art der Reaktion (Sichern/langsames Ausweichen/Flucht), Annäherungsrichtung der Störquelle (von oben/von unten/hangparallel), Dauer der Störung (Zeit bis zur Wiederaufnahme derselben Aktivität), ethologischer Kontext (Aktivitätsstatus vor der Störung) und sozialer Kontext (Rudelgröße und -Zusammensetzung)
  • Die Messwerte über die Reaktionsdistanz, Fluchtdistanz und Fluchtstrecke wurden mit einem Laser-Messfernglas (LEICA VECTOR 1500 DAES) mit einer Genauigkeit (+-1m) ermittelt. Ebenfalls konnten dadurch die horizontalen und vertikalen Entfernungen getrennt erfasst werden. Die Bearbeiter klassifizierten die Annäherungsrichtung der Störquelle zur Gemse bei Höhenunterschieden über 10 m als "von oben" bzw. "von unten". Lag der Wert unter 10 m, so betrachtete man diese als hangparallele Annäherung.
  • Waren nicht Einzeltiere, sondern Rudel betroffen, so wurden die Reaktionsdistanz und die Fluchtdistanz zu dem Individuum vermessen, das als erstes reagierte. Die Fluchtstrecken hingegen bezogen sich auf das Tier, dass die größte Entfernung zurücklegte.
  • Kummulative Sicherungszeiten wurden mit einer Additions-Stoppuhr gemessen und Sicherungsfrequenzen mit einem Schußzähler bestimmt.

Statistische Auswertungen (Statistikprogramm SPSS)

  • Zur Differenzierung nach Art und Gruppengröße einer Störquelle, mussten, aufgrund der geringen Datenmenge, Fotographen und Wanderer mit Hunden ausgenommen werden und Hubschrauber, Ultraleichflugzeuge und Motorflugzeuge wurden zusammengefasst.
  • Den Einfluß der Gruppengrößen auf die Fluchtreaktion der Gemsen untersuchten die Bearbeiter, aufgrund der Datenlage, anhand der Größe von Wandergruppen.
  • Die Analyse des Einflusses des Besucheraufkommens wurde in den Testgebieten Morbach, Krautkaserhänge und Hohes Brett durchgeführt.
  • Bei den Untersuchungen über den Einfluß von Tages- und Jahreszeit auf die Sensibilität der Tiere gegenüber Störungen wurden die Tageszeiten, abhängig von der Sonnenscheindauer in Morgen, Vormittag, Mittag und Nachmittag unterteilt. Hierfür wurden nur die Fluchtreaktionen, aufgrund von bodengebundenen Störungen ausgewertet. Ebenfalls wurde auch der potenzielle Einfluß der Jahreszeit untersucht. Hierbei unterschied der Autor die drei Jahresabschnitte Winter, Setzzeit und Sommer.
  • Um geschlechtsspezifische Unterschiede der Fluchtreaktion auf bodengebundene Störungen zu ermitteln, unterteilten die Bearbeiter die Daten in drei Klassen, einzelne Böcke, Bock-Jährlingsverbände und Geiß-Kitzrudel. Zusätzlich analysierte man, anhand von Geißen und Geiß-Kitzrudeln, den Einfluß der Rudelgröße auf die Fluchtreaktion.
  • Um den Einfluß der Entfernung zum nächsten Rückzugsgebiet auf die Fluchtreaktion der Gemsen zu erkennen, wurden alle Ausgangspunkte der beobachteten Fluchten im Testgebiet Oberes Weidbachtal/Krautkaser/Hohes Brett digitalisiert und im GIS (Geographischen Informnationssystem) die Entfernung zum nächsten potentiell geeignete Rückzugsgebiete in Fluchtrichtung vermessen. Als "potenziell geeignete" Rückzugsgebiete galten steile Felspartien, weite Krummholzbereiche, jegliche Form von Wäldern und jedes unzugängliche Gelände. Bei dieser Analyse wurden lediglich bodengebundene Störungen ausgewertet.

Ergebnisse

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Tierart: Gemse (Rupicapra rupicapba)

 

Reaktionsmessungen

• Insgesamt wurden 174 Reaktionsdistanzen, 188 Fluchtdistanzen und 168 Fluchtstrecken ermittelt.

Störungen in den Wintereinständen

Insgesamt wurden 122 Störungen ermittelt. 73 lagen in der Testfläche Oberes Weidbachtal, 13 auf den Hohen Roßfeldern, 21 im Königstal und 15 auf der Rotspielscheibe. Den größten Anteil an den Störquellen hatten Skitourengeher beim Aufstieg (n= 41), Bergsteiger (n=14), Skifahrer bei der Abfahrt (n=11), Motorflugzeug/Hubschrauber (n=4) und Bergsteiger mit Hund (n=3).

Reaktionsdistanz: Insgesamt wurden 90 Reaktionsdistanzen ausgewertet. Die Werte schwankten zwischen 43 (Oberes Weidbachtal) und 390 m (Rotspielscheibe). Die durchschnittliche Distanz lag bei 123 m. Der Mittelwert im Oberen Weidbachtal lag bei 104 m, in den Hohen Roßfeldern bei 134 m, im Königstal bei 98 m und auf der Rotspielscheibe bei 222 m. Der Autor begründet die großen Unterschiede in den Reaktionsdistanzen der einzelnen Testgebiete durch die verschiedenen örtlichen Gegebenheiten.

Fluchtdistanzen: Insgesamt wurden 104 Fluchtdistanzen ausgewertet. Diese lagen zwischen 319 m (Rotspielscheibe) und 17 m (Oberes Weidbachtal). Der Mittelwert lag bei 85 m. Der Mittelwert im Oberen Weidbachtal lag bei 71 m, in den Hohen Roßfeldern bei 101 m, im Königstal bei 65 m und auf der Rotspielscheibe bei 154 m.

Fluchtstrecke: Insgesamt wurden 93 Fluchtstrecken vermessen. Der durchschnittliche Wert betrug 112 m. Das Maximum lag bei 500 m (Rotspielscheibe) und das Minimum bei 15 m (Oberes Weidbachtal). Im Oberen Weidbachtal lag der Mittelwert bei 108 m, in den Hohen Roßfeldern bei 111 m, im Königstal bei 97 m und auf der Rotspielscheibe bei 164 m. Die Fluchtstrecken auf der gering beeinflussten Rotspielscheibe waren tendenziell länger als in regelmäßig frequentierten Untersuchungsgebieten.

Störungen in den Sommereinständen

Insgesamt wurden 95 Störungen aufgenommen. 75 Störungen befanden sich im Testgebiet Krautkaser - Hohes Brett und 20 am Fagstein. Den größten Anteil hatten Bergsteiger (n=49), Paraglider/Drachenflieger (n=16), Bergsteiger mit Hund (n=4), Ultraleichtflugzeug (n=3) und Motorflugzeug/Hubschrauber (n=2). Störungen aus Luft kamen am Fagstein nicht vor.

Reaktionsdistanz: Insgesamt ermittelte man 84 Reaktionsdistanzen mit einem durchschnittlichen Wert von 207 m. Die Distanzen schwankten zwischen 18 und 1800 m. Die einzelnen Mittelwerte lagen im Krautkaser - Hohes Brett bei 216 m für alle Daten und bei 137 m nur für bodengebundene Störungen. Am Fagsein (nur Störungen am Boden) lag der Mittelwert bei 174 m. Im Vergleich der Distanzen bei bodengebundenen Störungen liegen die Werte am kaum beeinflussten Fagstein signifikant höher, als in der stark frequentierten Testfläche Krautkaser - Hohes Brett.

• Fluchtdistanz: Insgesamt wurden 88 Fluchtdistanzen ermittelt. Die Werte lagen zwischen 1600 m und 18 m. Der durchschnittliche Wert betrug 164 m. Die Mittelwerte betrugen hierbei im Krautkaser - Hohes Brett 174 m für allen Störungen und 106 m für bodengebundene Störungen. Am Fagstein lag der Mittelwert bei 133 m. Bei den Fluchtdistanzen zeigten sich die selben signifikanten Unterschiede, wie bei den Reaktionsdistanzen.

Fluchtstrecke: Insgesamt wurden 75 Fluchtstrecken ermittelt. Die durchschnittliche Strecke aller Gebiete betrug 126 m. Die Werte schwankten zwischen 15 und 392 m. Am Krautkaser - Hohes Brett berug der Mittelwert für alle Daten 121 m und 134 m bei Störungen am Boden. Im Testgebiet Fagstein ergaben sich 148 m als Mittelwert.

Einfluß von verschiedenen Störungsparametern

• Fluchtstrecken und -distanzen, sowie Reaktionsdistanzen für verschiedene Störquellen:

 

Medianwert der Reaktionsdistanz ca. (in m)

Medianwert der Fluchtdistanz ca. (in m)

Medianwert der Fluchtstrecke ca. (in m)

Wanderer

125

80

90

Tourengeher

90

60

95

Skifahrer

180

90

110

Paragleiter

300

240

180

Motorfluggeräte

820

620

40

• Gemsen reagierten und flüchteten bei aufsteigenden Skitourengehern viel später, als bei abfahrenden Skifahrern. Beim Vergleich der Flugobjekte zeigte sich, dass die Distanzen auf motorisierte Fluggeräte signifikant höher waren als bei Paragleitern.

• Die Tiere reagierten auf Gruppen mit drei und mehr Wanderern früher, zeigten aber keine größeren Fluchtdistanzen oder Fluchtstrecken.

• Bei der Analyse bodengebundener Störungen ergab sich, dass die relative Annäherungsrichtung der Störquelle keinen Einfluß auf die Fluchtreaktion hatte.

• Gemsen wurden durch das täglich variierende Besucheraufkommen nicht beeinflusst.

• Flucht- und Reaktionsdistanzen und Fluchtstrecken zu verschiedenen Tageszeiten:

 

Medianwert der Reaktionsdistanz ca. (in m)

Medianwert der Fluchtdistanz ca. (in m)

Medianwert der Fluchtstrecke ca. (in m)

Morgen

142

98

130

Vormittag

115

70

105

Mittag

80

70

90

Nachmittag

90

60

85

Die Flucht- und Reaktionsdistanzen nahmen im Tagesverlauf deutlich ab.

• Flucht- und Reaktionsdistanzen und Fluchtstrecken von Geißen und Geiß-Kitzrudeln zu verschiedenen Jahreszeiten:

 

Medianwert der Reaktionsdistanz ca. (in m)

Medianwert der Fluchtdistanz ca. (in m)

Medianwert der Fluchtstrecke ca. (in m)

Winter

93

77

95

Setzzeit

103

70

75

Sommer

145

103

155

Geißen reagierten in den Sommermonaten empfindlicher auf Störungen, als im Winter und der Setzzeit. Bei Böcken und Bock-Jährlingsverbänden erhielt man das gleiche Ergebnis. Ebenfalls konnte auch kein Einfluß der Schneebedeckung auf die Fluchtreaktion nachgewiesen werden.

• Beim Vergleich geschlechtsspezifischer Fluchtreaktionen ergab sich, dass nur bei den Fluchtdistanzen deutliche Unterschiede auftraten, besonders zwischen Böcken und Geiß-Kitzrudeln. Solitäre Böcke flüchten im Vergleich zu Geiß-Kitzrudeln später. Bei Geiß-Kitzrudeln mit über 15 Tieren reagierten und flüchteten die Gemsen deutlich früher als bei Rudeln mit 1 bis 2, 3 bis 5 und 6 bis 15 Tieren. Ebenso wurden auch längere Fluchtstrecken zurückgelegt.

• Insgesamt wurden bei 194 Fluchtreaktionen, von bodengebundenen Störungen und Störungen aus der Luft, die Habitattypen bestimmt. In 66 % der Fälle gingen die Fluchtreaktionen von alpinen Matten aus, in 19 % von Felsen, in 6 % von Almflächen, in 2 % von Nadelwäldern und 4 % von Krummholz und lichten Wäldern. Nach den Fluchtreaktionen standen noch 21 % der Gemsen auf den alpinen Matten und 1 % auf den Almflächen. 53 % der Fluchtreaktionen gingen in Felseinstände, 11 % in Krummholz, 5 % in lichte Wälder, 8 % in Nadelwälder und 1 % in Mischwälder. 48 % der Gemsen, die vor einer Störung auf alpinen Matten bzw. Almflächen standen, flüchteten in Felsen, 10 % in Krummholzbereiche und 12 % in Wälder und lichte Wälder. Lediglich 30 % der Tiere flüchteten wieder auf alpine Matten bzw. Almflächen. Somit waren Felsen das bevorzugte Rückzugsgebiet für Tiere, die von alpinen Matten bzw. Almflächen flohen. In 22 beobachteten Störungen aus der Luft flohen 54 % der Tiere in den Wald und in Krummholzbereiche. Lediglich 23 % flohen in Felsgebiete. Bei 172 aufgenommenen Bodenstörungen flohen 23 % in den Wald und ins Krummholz und 57 % in Felsbereiche. Somit sind bei bodengebundenen Störungen Felsen die bevorzugten Rückzugsgebiete, und bei Störungen aus der Luft Wälder und Krummholzbereiche.

• Bei der statistischen Analyse über den Einfluss des Habitattyps auf die Störungssensibilität der Gemsen konnte der Autor zwar deutliche Unterschiede in der Reaktionsdistanz nachweisen, jedoch werden weder die Fluchtdistanzen, noch die Fluchtstrecken durch den Habitattyp beeinflusst.

• Die Entfernung zu nächsten möglichen Fluchteinständen hat einen deutlichen Einfluß auf Reaktions- und Fluchtdistanz und auf die Fluchtstrecke.

Entfernung zum nächsten potentiellen Rückzugsgebiet (in m)

Median der Reaktionsdistanz ca. (in m)

Median der Fluchtdistanz ca. (in m)

Median der Fluchtstrecken ca. (in m)

0 - 40

75

55

95

41 - 71

105

70

80

71 - 100

140

75

90

> 100

120

90

130

• In mehr als 70 % aller Störungen flohen die Tiere, in 19 % der Fälle zogen sie sich langsam zurück und in 11 % sicherten sie nur. Bei langsamen Rückzügen wurden auch kürzere Fluchtstrecken zurückgelegt. Von den 197 aufgenommen Reaktionen auf Störungen flohen die Tiere in 47 % der Fälle bergauf, in 29 % hangparallel und in 24 % bergab. Somit flohen die Tiere bevorzugt bergauf. Bei Fluchten bergab und hangparallel wurden keine längeren Fluchtstrecken zurückgelegt, als bei den, energetisch ungünstigeren, Fluchten bergauf.

• Die durchschnittliche Dauer einer Störwirkung lag bei 8 Minuten und 24 Sekunden. Die kürzeste Störung betrug 2 Minuten und die längste 30 Minuten. Der Erregungszustand von Geißen und Geiß-Kitzrudeln dauerte deutlich länger, als bei Böcken und Bock-Jährlingsverbänden. Die Jahreszeit hatte dabei keinen signifikanten Einfluß. Die Störwirkung stieg auch mit zunehmender Rudelgröße deutlich an. Die Dauer der Störwirkung bei Rudeln mit 1 bis 2, 3 bis 5 und 6 bis 15 Tieren lag im Median bei ca. 5 Minuten. Bei Rudeln mit mehr als 15 Gemsen betrug er ca. 13,5 Minuten.

• Insgesamt konnte, anhand von 216 Fällen, die Zeit, die die Tiere für das Sicherungsverhalten aufwendeten ermittelt werden. Für jedes 5-Minuten-Intervall betrug die Sicherungszeit durchschnittlich 14 Sekunden. Die Sicherungsfrequenzen konnten anhand von 120 Fällen ermittelt werden. Durchschnittlich sicherten die Gemsen dreimal pro 5 Minuten und brauchten dabei jeweils ca. 5 Sekunden für das Sichern. Die Bearbeiter konnten keinen Zusammenhang zwischen der Sicherungsfrequenz bzw. Sicherungsdauer und der Besucherfrequentierung feststellen. Gemsen reagieren in weniger frequentierten Gebieten zwar früher, investierten jedoch nicht mehr Zeit in das Sicherungsverhalten. Die Jahreszeit hatte ebenfalls keinen Einfluß auf die Frequenz und Dauer des Sicherns. Man erkannte das einzelne, adulte Böcke deutlich häufiger und länger sicherten als Geißen, Geiß-Kitzrudel oder Jahrlingsverbände. In Hinsicht der Rudelgröße konnte man feststellen, dass mit zunehmender Größe die Häufigkeit und Dauer des Sicherns abnahm.