Bundesamt für Naturschutz

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Bossert, Andreas (1980): Winterökologie des Alpenschneehuhns (Lagopus mutus Montin) im Aletschgebiet, Schweizer Alpen


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung     

  

SPORTARTEN 

Skilanglauf, Tourenskilauf, Wintersport 

  

INHALT 

Im Lebensraum der Schneehühner herrschen im Winter besonders harte Witterungs- und Ernährungsbedingungen. Einer Nahrungsverknappung kann durch das Aufsuchen von ausgedehnten Birken- und Weidenbeständen begegnet werden.  

Die Äsung erfolgt selektiv, der Nährstoffgehalt der Pflanzen spielt eine wichtige Rolle.  

Wesentlich ist die Verdaulichkeit der Nahrung. Die Anpassung des Verdauungssystems an die rohfaserreiche Winternahrung erlaubt eine Erhöhung der Verdauungsleistung. In einigen Untersuchungen wird der Nahrungs- und Energiebedarf berechnet und eine Reihe von Arbeiten befasst sich mit der Frage, wieweit sich Witterungseinflüsse, Nahrungsqualität, Predation und andere Faktoren auf die Bestandsentwicklung auswirken.  

Im Alpenraum kann die, für nordische Schneehühner wichtige, qualitativ hochwertige Winternahrung oft nur eingeschränkt aufgenommen werden. Großflächige Birkenbestände sind selten, und zumindest im ericaceenreichen Aletschgebiet stehen auch Weiden im Hochwinter kaum zur Verfügung.  

Die vorliegende Arbeit untersucht Nahrung und Ernährungstaktik der Schneehühner in Abhängigkeit von Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Schneeschmelze. Die Anpassungsmöglichkeiten an außergewöhnlich strenge Winterbedingungen bilden dabei den Schwerpunkt. Der Vergleich von Nahrungsbedarf und Angebot sowie Nährstoffanalysen der wichtigsten Nahrungspflanzen geben Anhaltspunkte zur Beurteilung eventueller Beschränkungen in der Nahrungsversorgung.  

  

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN 

Brutterritorien im Gebiet liegen ausschließlich an Nordhängen; zur Nahrungsaufnahme werden bevorzugt die Südhänge oder tiefergelegene Nordhangbereiche aufgesucht. Territorien (ca. 10-12 ha groß) bleiben dann dauerhaft besetzt, wenn im Laufe der Schneeschmelze 3-5 % der Fläche schneefrei sind. Entscheidend für die Ernährung im Winter ist die Zugänglichkeit der Bodenvegetation, die durch Schneemächtigkeit, Windverfrachtung, Schneeschmelze und Schneebeschaffenheit bestimmt wird. Relief, Sonnen- und Windexposition bestimmen meist die Zugänglichkeit der Nahrungsressourcen. Aufgrund schnell wechselnder Witterungsverhältnisse verändert sich die Nahrungsverfügbarkeit ständig.  

Im Untersuchungsgebiet waren nur nach Neuschneefällen weniger als 3 % des Gebietes schneefrei. (Kommentar: Potenzielle Konflikte mit Wintersportaktivitäten treten deshalb verstärkt v. a. nahe oder in den schneefreien Bereichen mit Nahrungspflanzen auf. Aufgrund der Zufälligkeit, mit der die Vegetation nach Schneerutschen, Windschutz etc. zur Verfügung steht, lassen sich Konfliktbereiche kaum voraussagen. Aufgrund der abrutschenden Schneemassen treten v. a. an steilsten Südhängen und Hangkanten, Felsbändern oder Graten Konflikte potenziell am stärksten auf).  

Bei milden Witterungsverhältnissen werden bevorzugt Grat und die obersten Hangteile als Aufenthaltsort genutzt; zum Übernachten fliegen die Schneehühner gerne an die Nordhänge und wandern am folgenden Morgen äsend zum Grat. Bei strengeren Witterungsverhältnissen und großen Schneemengen halten sie sich hauptsächlich an den tiefergelegenen steilen Südhängen auf.  

Berechnungen der nutzbaren Trockensubstanz (TS) von Nahrungspflanzen zeigen, dass für eine 20-köpfige Schneehuhnpopulation in den "oberen Teilen des Untersuchungsgebietes" etwa 15 kg TS vorhanden sind, was bei einem Tagesbedarf von ca. 50 g TS zwei Wochen lang zur Ernährung der Population ausreichen würde. In den tieferen Südlagen, die bei strengen Witterungsverhältnissen hauptsächlich aufgesucht werden, ist reichlich Nahrung vorhanden, die für 200 Tage reichen würde.  

Entscheidend ist, ob die zur Ernährung notwendige Zeit verfügbar bleibt, um den täglichen Nahrungsbedarf zu decken. Hierzu wurden die Aktivitätsmuster und der Zeitaufwand zum Nahrungserwerb ermittelt. Schneehühner werden 30-45 min vor Sonnenaufgang aktiv. Starker Wind verzögert den Aktivitätsbeginn. Am Abend endet die Akitivität 25-45 min nach Sonnenuntergang. Die Nachtruhe reduziert sich von Januar (13 h 52 min) auf 7 h 45 min im Mai. Im Regelfall besteht ein zweigipfliger Aktivitätsrhythmus mit einer Abnahme der Aktivitäten um die Mittagszeit. Der Schwerpunkt der Nahrungssuche fällt auf die zwei Stunden vor Aktivitätsschluss; hier ist die Pickfrequenz (als Maß für die Intensität der Nahrungssuche) höher als am Morgen.  

Zum Aussuchen der Nahrungsbiotope wird viel Zeit benötigt. Mit der Tageslänge ändert sich auch die Zeitspanne, die zur Nahrungssuche zur Verfügung steht (Januar bis April: 11-12 h; Mai: etwa 17 h pro Tag). Von Januar bis April wenden die Schneehühner - individuell verschieden - je nach Witterungssituation einen mehr oder weniger großen Zeitaufwand für Ortswechsel (zwischen 3 und 6 h) zum Zwecke des Nahrungserwerbs auf. Im Mai sind es 5-7 h. Mit zunehmender Schneeschmelze verringert sich der Zeitaufwand, die Entfernung zwischen den stetig wachsenden Äsungsflächen zurückzulegen.  

1 bis 2 5-stündige Äsungsphasen wechseln mit entsprechenden oder längeren Ruhephasen ab. Die effektive Äsungszeit ohne größere Ortswechsel dürfte im Hochwinter etwa 4, im Mai etwa 6 h betragen. Zur Überbrückung der Nacht legen die Schneehühner einen Nahrungsvorrat in ihrem Kropf an. Sie sind in der Lage, bis zu zwei Tagen kaum Nahrung aufzunehmen. (Kommentar: Hieraus ergibt sich, dass einerseits Störungen zu einer deutlichen Reduzierung der zur Nahrungsaufnahme zur Verfügung stehenden Zeit führen können, wobei die Rückwegkosten zu den Nahrungsbiotopen wahrscheinlich besonders hoch sind. Kritisch sind Störungen v. a. am Abend, wenn zum Normalbedarf auch Nahrung für die Nacht aufgenommen werden muss. Andererseits verfügen die Schneehühner aber auch über einen "Puffer gegenüber Störungen", da sie bis zu zwei Tagen ohne Nahrungsaufnahme auskommen können.)  

In der Zeit der Mauser - Gefiederwechsel vom Winter bis zum Sommer - benötigen die Schneehühner v. a. proteinreiche Pflanzennahrung (u. a. Salix spec.). Gleichzeitig ist der Nahrungsbedarf durch vermehrte Aktivität (Territorial- und Sexualverhalten) erhöht. (Kommentar: Störungen in dieser Phase können Wirkungen auf die Kondition der Tiere haben, wenn keine Zeit mehr vorhanden ist, Zeitverluste zu kompensieren).  

 

BEZUG/QUELLE 

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2681) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)


Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)  

Aletschgebiet, Zentralalpen, Schweiz   

  

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)  

Monatliche Zählungen von 1973 bis 1977, und später die Erfassung der Herbst-, Mittwinter- und Frühjahrsbestände lassen Aussagen über die Bestandsentwicklung zu. Die Untersuchungen zur Nahrungsökologie bzw. zu ernährungsphysilogischen Fragestellungen erfolgten durch Analyse der abgegebenen Verdauungsprodukte, Erfassung der zur Ernährung genutzten Pflanzen (Verbiss und tatsächlich genutzte Pflanzenarten), Nährstoffanalysen und Verhaltensbeobachtungen ungestörter Tiere (etwa im Zweiwochenrhythmus und 2 bis 5 Tage andauernd). 


Ergebnisse

EINWIRKUNGSGRAD 

Im Untersuchungsgebiet (4 km²) seit 1970 Zunahme des Wintertourismus, seit 1976 bis zu 20 Skifahrer/h, seit 1977 täglich Hunderte von Skifahrern.  

  

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Tierart: Schneehuhn     

  

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME? 

Die Studie dokumentiert die Schlüsselfaktoren im Lebensraum des Alpenschneehuhns. Freizeitaktivitäten haben dann eine negative Wirkung auf die Schneehühner, wenn in Minimumfaktoren eingegriffen wird oder Störugnen zu Zeiten erfolgen, in denen eine Kompensation der Störung nicht oder nur schwierig möglich ist.  

  

BEMERKUNGEN 

Die Arbeit untersucht nicht unmittelbar die Wirkungen von Skifahrern oder sonstiger Wintersportaktivitäten auf die Schneehuhnpopulation des Gebietes. Die wesentlichen Ergebnisse wurden vor Inbetriebnahme der Skilifte erarbeitet. Die Arbeit liefert zentrale Grundlagen zu den ultimaten Faktoren im Lebensraum des Schneehuhns und dokumentiert den Aktivitätsrhythmus der Art. Aufgrund dieser Fakten ist es möglich, deduktiv auf das Risiko hinzuweisen, das von Wintersportaktivitäten ausgehen kann. 

Der Schneehuhnbestand in der Schweiz fluktuiert um bis zu 20 % der Populationsgröße (European Bird Populations. Estimates and Trends. 2000). Hierin zeigt sich die besonders schwierige ökologische Situation unter der die Schneehühner überleben, aber auch ihre Anpassungsfähigkeit und somit die Kompensationsmöglichkeit von Bestandsverlusten. Vorstellbar ist jedoch, dass Sportaktivitäten einen zusätzlichen signifikanten Belastungsfaktor darstellen, wodurch die Kompensationsmöglichkeiten an Grenzen stoßen können.