Bundesamt für Naturschutz

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Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) (Hrsg.) (1997): Hängegleiten - Wildtiere - Wald. Anleitung zum Erkennen, Bewerten und Lösen von Konflikten


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung     

SPORTARTEN

Drachenflug/Gleitschirmflug (=Hängegleiter), Wandern/Geländelauf 

  

INHALT 

Im Vordergrund der Praxishilfe steht die Entwicklung von freiwilligen Vereinbarungen über einen wildtierschonenden Hängegleitersport.

Die Praxishilfe vermittelt einerseits eine theoretische Einführung in die Thematik "Hängegleitersport und Wildtiere", andererseits zeigt sie praxisbezogen in einzelnen Arbeitsschritten auf, wie die Konflikte angegangen und letztlich gelöst werden können. Hierbei werden neben den Arbeitsschritten auch die einzubeziehenden Akteure benannt.

Die Basis der Praxishilfe bilden 2 Pilotprojekte, die im Berner Oberland durchgeführt wurden (vermutlich vom BUWAL initiiert) und unter Einbeziehung aller Interessengruppen erfolgreich beendet werden konnten.

Die Praxishilfe versucht diejenigen Informationen zu vermitteln, die "vor Ort" nicht erarbeitet werden können bzw. aufgrund vorhandener Erfahrungen nicht neu bearbeitet werden müssen. Es wird aufgezeigt wie man in einem gegebenen Gebiet auf einfach Art abschätzen kann, ob der Hängegleitersport überhaupt relevante Probleme verursacht, insbesondere auch im Vergleich zu anderen Freizeitaktivitäten. 

Hinweis: Bei dieser Praxishilfe handelt es sich um eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse zweier Pilotprojekte in der Schweiz. Aus diesem Grund fehlen jegliche Angaben zum Untersuchungsansatz/ -methode, Einwirkungsdauer/-art und -grad. Es erfolgt deshalb nur eine Zusammenfassung der von den Autoren formulierten Merksätze.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN 

Merksätze (allg. Aussagen zum Hängegleitersport) (S. 14)

  • Entscheidend bei der Problematik ist die Dauer des Flugbetriebes pro Tag (Zeitpunkt des ersten und des letzten Fluges) und die Anzahl der Flugtage. 
  • Gemsen und Steinböcke in offenen Gebieten reagieren auf Hängegleiterflüge meist mit Flucht auf große Distanz in den Wald und kann die Tiere bis zu mehreren Stunden in den Wald vertreiben. 
  • Flüge unterhalb der Waldgrenze haben auf die Wildtiere meistens keinen Einfluß. 

Verallgemeinerbare Erkenntnisse (aus der wissenschaftlichen Forschung) (S. 11 f.)

  • In der Reaktion auf Deltas und Gleitschirme gibt es keine relevanten Unterschiede. Auch die Farbe und die Art des Fluggerätes haben keinen bedeutenden Einfluß auf die Reaktion der Tiere.
  • Gemse, Reh, Steinbock und Rothirsch reagieren auf Überflüge i. d. R. mit Flucht in den nächstgelegenen Wald, wenn sie sich vorher weiter als ca. 50 m vom Wald entfernt aufhielten. Wenn sie sich näher oder gar im Wald aufhielten, reagieren sie wenig auf Hängegleiterflüge.
  • Reaktionen felsbrütender Vogelarten auf Gleitschirmüberflüge treten i. d. R. nur dann auf, wenn im Umkreis von einigen hundert Metern um den Horst geflogen wird - und dies vorwiegend während der Fortpflanzungszeit. Die Reaktionen der Vögel sind individuell sehr unterschiedlich.

Faustregeln für die Wirkungszeit menschlicher Anwesenheit auf Gemsen und Steinböcke

  • "Die Wirkung eines Ereignisses dauert 3 Stunden (gemiedene/verlassene Gebiete sind für die Tiere 3 Stunden lang nicht nutzbar)" (S. 31).
  • "Bei länger als 2 Stunden andauernder oder im Abstand von weniger als 2 Stunden am gleichen Tag auftretender menschlicher Anwesenheit können gemiedene/ verlassene Gebiete 1 Stunde nach Verschwinden des letzten Menschen von Tieren wieder genutzt werden" (ebd.).
  • "Für die "Setzzeit" (Mai/Juni) gilt wegen der besonders großen Empfindlichkeit der Muttertiere: Die Wirkung eines Ereignisses dauert den ganzen Tag (gemiedene/verlassene Gebiete sind für die Muttertiere am gleichen Tag nicht mehr nutzbar)" (ebd.).

"Faustregeln für die Wirkungsdistanz von Hängegleiter-Aktivitäten auf Gemsen und Steinböcke

  • Es besteht keine Wirkung auf Tiere bzw. deren Lebensräume im Wald und auf Flächen, die näher als 50 m am Wald liegen.
  • Die Tiere verlassen bzw. meiden Gebiete mit Sichtverbindung zum Flugobjekt, sofern diese weiter als 50 m vom Wald entfernt liegen und sich der Hängegleiter auf weniger als 600 m annähert" (S. 37).

Faustregeln für die Wirkungsdistanz von Boden-Aktivitäten auf Gemsen und Steinböcke

  • Fußgänger auf Wegen/Skifahrer auf Pisten/Langlaufläufer auf Loipen/ Mountainbiker: "Die Tiere verlassen oder meiden das vom Weg aus einsehbare Gebiet, soweit es näher als 200 m vom Weg liegt. Für Fels/Wald gilt eine Distanz von 100 m" (S. 38).
  • Fußgänger abseits der Wege/Varianten-Skifahrer/Tourenfahrer/Mountainbiker: "Die Tiere verlassen bzw. meiden das vom Fußgänger aus einsehbare Gebiet , soweit es näher als 200 m (hangaufwärts) bzw. 400 m (hangabwärts/ hangparallel) liegt. Für Fels und Wald gelten 100 bzw. 200 m" (ebd.).
  • Weitere Aktivitäten:"Die Wirkung wird soweit möglich aufgrund der lokalen Verhältnisse abgeschätzt. Im Zweifelsfall werden für die Aktivitäten am Boden die Fußgängerregeln, für Luft-Aktivitäten die Hängegleiterregeln verwendet (ebd.).

Besondere Hinweise zu Steinböcken

  • Die Fluchtbereitschaft der Steinböcke gegenüber Fußgängern ist gebietsweise sehr verschieden. Es sollten deshalb wenn immer möglich die für die einzelne Kolonie üblichen Distanzen eingesetzt werden. Wenn dazu keine befriedigenden Kenntnisse vorliegen, gilt gegenüber von Fußgängern auf Wegen eine Flucht-/Meidedistanz von 100 m (Steinböcke unterhalb oder gleich hoch wie der Weg) bzw. 50 m (Steinböcke oberhalb des Weges) (ebd.).

"Lenkungsmaßnahmen, die Überflughöhen vergrößern sollen, werden i. d. R. kaum zur Lösung der Probleme beitragen:


  • Überflughöhen sind schlecht kontrollierbar.
  • Überflughöhen können von Hängegleiterpiloten nicht frei gewählt werden.
  • sinnvolle Überflughöhen (mind. 600 m) bedeuten in der Praxis meist Nicht-Überfliegen" (S. 51).

Ergebnisse

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Tierarten: Gemse (Rupicapra rupicapra), Steinbock (Capra ibex), Murmeltier (Marmota Marmota)

(Reh und Rothirsch halten sich im Schweizerischen Alpenraum tagsüber nur ausnahmsweise über 50 m oberhalb der Waldgrenze auf, weshalb sie in der Praxishilfe nicht weiter untersucht werden).


  • Gemsgeißen reagieren gegenüber Hängegleiterflügen empfindlicher als die Böcke, während bei den Steinböcken beide Geschlechter ähnlich reagieren (S. 12).
  • Während und kurz nach der Geburt ("Setzen") der Jungtiere im Mai/Juni reagieren die Geißen beider Tierarten besonders empfindlich auf jegliche Art von Beeinträchtigung (ebd.).
  • Murmeltiere reagieren i. d. R. sehr schwach auf die Überflüge (ebd.).
  • Angaben für Gebiete, in denen seit Jahren regelmäßig geflogen wird (S. 12 f.):
  • Die Fluchtdistanzen von Gemsgeißen und Steinböcken beider Geschlechter gegenüber Gleitschirmen betragen im Fall des Überflugs im Mittel ca. 600 m. Die Tiere flüchten dann meist in den Wald, wenn dieser nicht weiter als 1 km entfernt ist. Andernfalls flüchten die Tiere auch in die Felsbereiche. I. d. R. vergehen mehrere Stunden bis die Tiere wieder zurückkehren. In Gebieten, in denen selten geflogen wird oder der Hängegleitersport neu ist, ist mit erhöhter Fluchtbereitschaft zu rechnen.
  • Oft überflogene Gebiete ohne Deckungsmöglichkeiten werden von Gemsen und Steinböcken (mindestens tagsüber während des regelmäßigen Flugbetriebs) gemieden.

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME? 

In der Praxishilfe sind diejenigen Informationen aus anderen wissenschaftlichen Untersuchungen zusammengefaßt, die als allgemeingültige Regeln über Beziehungen zwischen Wildtieren und Hängegleitern im Alpenraum gelten können und deshalb eine Übertragung auf den speziellen Einzelfall erlauben.