Bundesamt für Naturschutz

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Beck, Bettina (1994): Einfluß von Störreizen auf die Herzschlagrate und das Verhalten brütender Rotschenkel (Tringa totanus)


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung     

  

SPORTARTEN 

Wandern/ Geländelauf 

 

INHALT

  • 1. Als Basis zur Ermittlung der Herzschlagrate unter Erregung soll die Grundherzschlagrate bestimmt werden. Eine Abhängigkeit der Herzschlagrate von der Temperatur wird bei Vögeln beschrieben. Daher wird beim Rotschenkel ein Anstieg der Grundherzschlagrate mit geringer werdender Umgebungstemperatur infolge von Thermoregulation erwartet.
  • 2. Daran knüpft die Frage an, ob auch ein Zusammenhang zwischen Erregungs-Herzschlagrate und Umgebungstemperatur besteht.
  • 3. Zur Beurteilung von Störwirkungen soll neben der Herzschlagrate-Erhöhung die Abwesenheitsdauer nach erfolgter Flucht vom Gelege dienen. Bei Personenannäherungen sollen zusätzlich die Fluchtdistanzen über die Störwirkungen Auskunft geben.
  • 4. Bei häufig auftretenden gleichbleibenden Reizen wurde nachgewiesen, dass eine Gewöhnung (Habituation) eintritt. Deshalb soll untersucht werden, ob beim Rotschenkel ebenfalls eine Gewöhnung an bestimmte Reize auftritt.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Die Erfassung der Herzschlagrate beim brütenden Rotschenkel hat in Übereinstimmung mit Untersuchungen an anderen Arten gezeigt, daß Störreize lange vor dem Auftreten einer Fluchtreaktion Erregungszustände hervorrufen. Da Herzschlagrate-Erhöhungen energetische Kosten verursachen können, ist es nicht auszuschließen, dass dadurch der Fortpflanzungserfolg eines Individuums beeinträchtigt werden kann. Besonders während der Brutphase ist die Zeit zur Nahrungsaufnahme begrenzt, so daß hier energetische Defizite entstehen könnten. Damit diese negativen Auswirkungen so gering wie möglich gehalten werden, sind Schutzmaßnahmen wie z.B. die Erstellung von Wegegeboten zur Kanalisierung von Besucherströmen dringend erforderlich.


BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 371) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)


Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)  

Hallig Nordstandischmoor, Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer  

  

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)  

Durchführung von Messungen (Aufzeichnung der Herztöne, Temperatur) und (zeitsynchrone) Beobachtung von Störungen an drei Gelegen. Notiert wurden sich nähernde bzw. passierende Personen und überfliegende Möwen, Seeschwalben, Austernfischer und Artgenossen.

Weiterhin wurden definierte Reize in die experimentellen Versuche eingebaut: sich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit nähernde Versuchspersonen sowie akustische Reize definierter Lautstärke (Hubschrauber, Sportflugzeug, Sägezahnton, Weißes Rauschen, Alarmrufe von Austernfischern, Küstenseeschwalben oder Rotschenkeln).  

 

BEWERTUNGSMETHODEN/KRITERIEN

  • (1) Zur Beurteilung der störungsabhängigen Erregung wurde die Herzschlagrate bei Abflug vom Gelege bzw. der temperaturkorrigierte Herzschlagrate-Maximalwert ermittelt.
  • (2) Weiterhin wurde die Erhöhung der Herzschlagrate in Bezug zum temperaturkorrigierten Ausgangswert in Ruhe berechnet.
  • (3) Die Fluchtdistanz bei Personenannäherung wurde bestimmt.
  • (4) Die Abwesenheitsdauer vom Nest wurde gemessen.

KONTROLLZUSTAND/AUSGANGSLAGE

Nest 1: Entfernung zum Weg: 140 m. Personen bewegten sich normalerweise nicht direkt auf das Gelege zu. Die nächstmögliche Distanz zu sich auf dem Weg bewegenden Personen betrug 125 m, Personen, die sich auf der Salzwiese südlich des Geleges aufhielten, näherten sich bis auf 75 m.

Nest 2: Das Nest befand sich auf dem Friedhof der Hallig, der von Wattwandergruppen aufgesucht wurde, die sich jedoch in der Regel nicht auf den Friedhof begaben, sondern vor dem Zugang, einer schmalen Holzbrücke, haltmachten; von dort bis zum Gelege betrug die Distanz jedoch nur noch ca. 20 m. Der Weg befand sich in 225 m Entfernung zum Nest.

Nest 3: Südlich des Geleges verlief der Weg in 72 m Entfernung.


Ergebnisse

EINWIRKUNGSDAUER 

15 Personenannäherungen an ein Nest 

EINWIRKUNGSART 

Verlassen des Geleges 

  

EINWIRKUNGSGRAD 

Fluchtdistanzen sind größer als bei weniger Personenannährungen 

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Tierart: Rotschenkel (Tringa totanus)


  • Zwischen Ruhe-Herzschlagrate und der Temperatur existiert ein umgekehrt linearer Zusammenhang. Rechnet man den Temperatureffekt aus den Herzschlagrate-Ruhewerten heraus, so ergibt sich eine Grundherzschlagrate von durchschnittlich 158 Schlägen/min. Es gibt keine Unterschiede bezüglich der Grund-Herzschlagrate zwischen den drei untersuchten Gelegen.
  • Die Herzschlagrate unter Erregung ist ebenfalls temperaturabhängig, während die Herzschlagrate-Erhöhung vom Ausgangswert keine Abhängigkeit von der Umgebungstemperatur aufweist.
  • Die Fluchtdistanzen liegen bei Personenannäherungen im Mittel zwischen 94 und 117 m. Es gibt hinsichtlich der Fluchtdistanzen signifikante Gelegeunterschiede, die auf unterschiedlich hohe Störungsraten durch Personen zurückgeführt wurden. "Im Vergleich zum ruhiger gelegenen Schulgelege sind Fluchtdistanzen beim Gelege "Friedhof" (max. 15 Personennährungen pro Tag) signifikant größer." Dies wird auf eine gesteigerte Unruhe beim Vogel zurückgeführt, welche mit zunehmender Störungsintensität ansteigt. Dies ergibt sich auch aus einer Beobachtung, während der an einem Tag mit zunehmender Anzahl der Personennäherungen die Fluchtdistanz immer stärker anstieg.
  • Personenbedingte Abflüge vom Gelege führen zu mittleren Abwesenheitszeiten von 7 bis 14 Minuten, während die Abwesenheitszeiten beim Partnerwechsel immer weniger als 5 Minuten betragen. Die Abwesenheitszeiten nach Personenannäherungen weisen signifikante Unterschiede zwischen den Gelegen auf. (Eine Gelegekontrolle von 2 Minuten Dauer führte zu einer Abwesenheit von 42 Minuten vom Gelege; hier deutet sich an, dass schwere Störungen zu langen Abwesenheiten vom Nest führen und damit das Risiko, dass Eier auskühlen oder von Eiräubern erbeutet werden, ansteigt.)
  • Es besteht kein signifikanter Zusammenhang zwischen Fluchtdistanzen und Abwesenheitsdauer. Tendenziell treten aber bei großen Fluchtdistanzen geringere Abwesenheitszeiten auf.
  • Von sämtlichen auswertbaren Störreizen beträgt der Anteil anthropogener Reize 44 %. Weitere 44 % entfallen auf das Tonbandvorspiel akustischer Signale und die restlichen 12 % auf Vogelüberflüge.
  • Personenannäherungen lösen die drastischsten Herzschlagrate-Erhöhungen beim Rotschenkel aus. Im Extremfall können Verdreifachungen des Ausgangswertes auftreten. Dezelerationen kommen nur ausnahmsweise vor und sind von geringer Intensität.
  • Vogelüberflüge verursachen immer nur kurze Tachycardien von wenigen Sekunden und Erhöhungen bis zu 50 %. Bei keinem der Überflüge erfolgte ein Abflug des Brutvogels.
  • Beim akustischen Signalvorspiel zeichnen sich für Hubschrauber- und Flugzeuglärm die stärksten Reaktionen ab.
  • Personen, die nicht direkt auf das Gelege zukommen, sondern es auf häufig begangenen Wegen passieren, rufen keine oder lediglich geringe Herzschlagrate-Erhöhungen hervor. Eventuell deutet dies auf eine Gewöhnung an diese Reize hin. Bei direkten Annäherungen an das Gelege tritt keine Habituation auf.

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

Nach Abwesenheit vom Gelege ist je nach Vogelart eine Steigerung des Grundumsatzes um das 2,7-fache (Austernfischer) bis zum 4-5-fachen (Moorschneehühner) gemessen worden. Dies korrespondiert mit einem erhöhten Energie- bzw. Nahrungsbedarf. 

 

BEMERKUNGEN 

Überfliegende Sportflugzeuge, Hubschrauber und Düsenjets erzeugten bereits in kilometerweiter Entfernung einen extrem hohen Lärmpegel, der außerdem so lang andauerte, dass kurzfristige Veränderungen der Herzschlagrate nicht registriert werden konnten. Aussagen zur Auswirkung von Flugzeugüberflügen beschränken sich somit auf das Tonbandvorspiel von Geräuschen.