Bundesamt für Naturschutz

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Dietrich, K.; Koepff, C. (1986): Erholungsnutzung des Wattenmeers als Störfaktor für Seehunde


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung     

 

 

SPORTARTEN 

Naturbeobachtung  

 

 

INHALT 

Seehunde ruhen im Wattenmeer auf trockenfallenden Sandbänken, gebären und säugen hier ihre Jungen. Da die Liegeplätze für Boote leicht erreichbar sind, sind die Tiere hier Störungen durch den Wassersport ausgesetzt. Auch Ausflugsfahrten zu den Sandbänken mit Kuttern und größeren Schiffen werden durchgeführt. Die Autorinnen nahmen an solchen Ausflugsfahrten teil und beobachteten auch Seehundgruppen von Borkum, Spiekeroog und Mellum aus. 

 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN 

Auch wenn eine Seehundgruppe nicht flieht, geht eine merkliche Beunruhigung von Schiffen aus. Beim Passieren der Ausflugsschiffe stieg die Kopfheberate auf hohe Werte, häufig bis auf 100 % an; vermehrt robbten einzelne Tiere ins Wasser. Die Flucht ganzer Seehundgruppen wurde durch die Ausflugsfahrten in Einzelfällen ausgelöst, auf größere Distanz (> 100 m) nur im Bereich östlich der Weser, dem Hauptaufzuchtgebiet der Seehunde an der niedersächsischen Küste, in das sich Seehundmütter aus störungsreichen Gebieten zurückziehen. Die Flucht von Gruppen wurde im ostfriesischen Bereich sowohl bei Borkum als auch zwischen Spiekeroog und Langeoog, ausgelöst durch Motorboote, ein Segelboot und einen Überschallknall beobachtet. 

 

BEZUG/QUELLE 

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 873) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 

Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)  

Nordsee-Wattenmeer, Niedersachsen 

 

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)  

Teilnahme an 29 kommerziellen Ausflugsfahrten zu Seehundbänken. Fotografieren der Seehunde in definierten Abständen zur Seehundbank. 

   

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN 

Anzeichen einer Beunruhigung sind bei Seehunden zu erkennen, wenn sie den Kopf heben und zur Störquelle schauen. Deshalb wird die Aktivität "Kopfheben", die während der Liegezeit im Durchschnitt bei 18 % der Tiere erfolgt, mit der Kopfheberate bei Annährung des Bootes in definierten Abständen zur Seehundbank verglichen. Bei größerer Unruhe heben sie den Kopf höher und richten den Vorderkörper auf, bei einer weiteren Steigerung setzt dann die Flucht ein. 

  

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE 

Ausgangslage 

 

 

Ergebnisse

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Tierart: Seehund (Phoca vitulina)


  • Der Anteil an Seehunden, die auf den aufgenommenen Fotos den Kopf gehoben haben, erreichte sehr hohe Werte, in vielen Fällen 100 %. Da die Tiere oftmals den Kopf nicht permanent erhoben halten, sondern zwischendurch niederlegen, kann man annehmen, dass auch bei Werten unter 100 % vielfach alle Tiere einer Gruppe ihre Ruhe unterbrochen haben.
  • Die Kopfheberate ist, während das Schiff noch weiter entfernt ist und langsam heranfährt, schon fast so hoch wie bei maximaler Annäherung und bleibt auch bestehen, wenn das Schiff sich wieder entfernt.
  • Im Anschluß an eine Störung sinkt die Kopfheberate nur langsam wieder ab.
  • Eine Beunruhigung, die sich in erhöhter Kopfheberate zeigt, ist über den gesamten erfaßten Entfernungsbereich, d. h. auch noch bei Entfernungen über 200 m, zu erkennen. Eine Entfernung, bei der eine Beunruhigung ausgeschlossen werden kann, ist daraus nicht abzuleiten.
  • Aufblicken und Aufrichten zeigen vermehrte Aufmerksamkeit und damit Alarmbereitschaft an. Doch auch in den Bewegungen bzw. der Ortsverlagerung einzelner Seehunde, die bei den Fahrten beobachtet wurden, äußert sich Beunruhigung. Häufig bewegten sich ein oder mehrere Tiere von ihrem Platz, während das Schiff vorbeifuhr. Von diesen robbten 50 % (71,4 % in Gruppen bis zu 10 Seehunden, 39,5 % in größeren Gruppen, Unterschied p < 0,05) ins Wasser hinein, was in ungestörten Gruppen nur sehr selten vorkam und fast nur bei Tieren, die gerade das Wasser verlassen hatten (p < 0,001).
  • Die Häufigkeit der Verhaltensweise "Robben aus dem Wasser" zu "auf der Sandbank robben" zu "ins Wasser robben" beträgt bei den Gruppen ohne Störung 1 :1,46 : 0,03, bei Gruppen während der Ausflugsfahrten dagegen 1 :4,2 : 3,2. So sind die auf den Fahrten beobachteten Ortswechsel einzelner Tiere zumindest zum großen Teil als Fluchtbewegung zu deuten, die durch das vorbeifahrende Schiff ausgelöst wurde.
  • Die Ausflugsfahrten verursachten in drei Fällen auch eine Flucht der ganzen Seehundgruppe, was DRESCHER (1976) in Schleswig-Holstein generell feststellte: (1) durch einen Kutter, der an die bei steigendem Wasser bereits überfluteten Liegeplätze bis auf 30 m heranfuhr, bis alle Seehunde flohen, die ersten schon bei einer Annäherung bis 50 m; (2) durch ein Ausflugsschiff, das sich Seehunden näherte, die auf einer Sandbank lagen, auf die sie nach einer vorhergehenden Störung ausgewichen waren; (3) bei mehreren Seehundgruppen schon auf große Entfernung während zweier Fahrten in den Bereich der Tegeler Platte östlich der Wesermündung. Trotz größter Vorsicht flüchteten hier die Seehunde bei Abständen zwischen 100 m und 160 m und eine Gruppe aus drei Tieren sogar schon bei 500 m Entfernung ins Wasser.
  • Während im ostfriesischen Bereich eine Flucht ganzer Gruppen vor einem Ausflugsschiff nur in bestimmten Situationen beobachtet wird, kam sie auf den Fahrten östlich der Weser ohne erkennbare besondere Umstände auf relativ große Entfernung wiederholt vor, sodass Anlass zu der Annahme besteht, dass die Tiere hier empfindlicher reagieren.
  • Die Reaktionen der Seehunde auf Ausflugsschiffe zeigen, dass die Tiere sich bei Störungen sehr unterschiedlich verhalten können und auch dann eine Beunruhigung vorliegt, wenn keine Massenflucht einsetzt und die Störung damit auf den ersten Blick nicht sehr deutlich ist.
  • Auch während der Beobachtungen von den Inseln Spiekeroog und Borkum aus, kam es an fünf von sechs Beobachtungstagen insgesamt neunmal zur Flucht von Seehundgruppen (Ursachen: dreimal ein Motorboot, einmal ein Segelboot, einmal ein Überschallknall, viermal war keine Ursache zu erkennen), nicht dagegen an dem Liegeplatz nördlich Mellum, wo kein Wassersportverkehr auftrat