Bundesamt für Naturschutz

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Dierschke, V. (1998): Anthropogene und natürliche Störreize für Küstenvögel im Windwatt von Hiddensee


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung     

  

 

SPORTARTEN 

Motorflug 

  

INHALT 

In dieser Arbeit werden die Auswirkungen des Tourismus (anthropogenen Störreize) auf die Vogelwelt, verglichen mit natürlichen Störreizen in Form von Greifvögeln quantitativ verglichen. Die Ergebnisse sind im Feld "Bemerkungen" tabellarisch dokumentiert. 

  

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN 


  • Angesichts des rund um das Windwatt am Bessin stattfindenden Massentourismus scheint das Ausmaß der Störungen für Küstenvögel gering zu sein. Da zudem in vielen Fällen eine Störwirkung ausblieb, ist hier möglicherweise für einige Störreize eine Gewöhnung eingetreten. Dies betrifft in erster Linie den Bootsverkehr, der im Sommer annähernd pausenlos dicht am Windwatt vorbei (im Fahrwasser) stattfindet. Drangen einzelne Boote ins Schutzgebiet ein, wichen Rastvögel meist nur über kurze Distanzen aus.
  • Überraschend gering war die von Sportflugzeugen ausgehende Störwirkung, die im Wattenmeer aufgrund anderer Studien als besonders hoch eingeschätzt wird. Zu bedenken ist aber, dass Vögel auch ohne sichtbare Verhaltensänderungen Streß erleiden können, was sich bspw. in einer erhöhten Herzschlagrate niederschlagen kann.
  • Die anthropogenen Störreize dürfen aber nicht isoliert betrachtet werden, denn sie wirken additiv zum natürlichen Maß an Beunruhigungen, die Küstenvögel beispielsweise durch jagende Greifvögel erfahren. Deutlich wird dies besonders beim Vergleich der tageszeitlichen Muster des Auftretens. Die Küstenvögel wurden insbesondere zu greifvogelfreien Tageszeiten durch Aktivitäten des Menschen beunruhigt. Für das Sommerhalbjahr gilt deshalb, dass die Küstenvögel im Windwatt am Bessin nicht nur eine erhöhte Rate, sondern auch ganztägig Störreize zu verkraften haben.
  • Angesichts der zur Zeit mangelhaften Überwachung der Schutzbestimmungen des Nationalparks muss daher vor einer weiteren Zunahme potenzieller Störreize gewarnt werden, insbesondere vor einem Ausufern des Wassersports. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, weil alle anderen Bereiche des Boddens wegen der starken Nutzung durch Wassersportler sowieso schon als Rastgebiet ausfallen.

BEZUG/QUELLE 

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 869) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)  

Bereich des 180 ha großen Windwattsockels am Bessin (Nordteil der Insel Hiddensee) im Vitter Bodden, Mecklenburg-Vorpommern 

  

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse)  

Von Juli 1995 bis Oktober 1996 wurden während 570 Beobachtungsstunden alle menschlichen Aktivitäten (z. B. Spaziergänger, Bootsbetrieb, Flugverkehr) als potenzielle anthropogene Störreize notiert. Ausgenommen blieben Fährschiffe und Segelboote, die im zugelassenen und durch Tonnen gekennzeichneten Fahrwasser verkehrten, welches die Grenze des Beobachtungsgebietes darstellte. Die Störwirkung jedes potenziellen Störreizes wurde einer der drei folgenden Kategorien zugeordnet: "kein Auffliegen von Rastvögeln" (d. h. keine sichtbare Reaktion), "Ausweichen einiger dem Störreiz benachbarter Rastvögel" bzw. "Auffliegen vieler Rastvögel". In gleicher Weise wurden in 833 Beobachtungsstunden von Juni 1994 bis Juni 1996 alle Flüge von Greifvögeln innerhalb des Beobachtungsgebietes als natürliche Störreize erfaßt. Erfasung des Bootsverkehrs in 5-Minuten-Intervallen an 20 Tagen (18,2 Stunden lang).  

  

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN 

Bewertung der Intensität des Bootsverkehrs im Vitter Bodden (Juni-August 1996, n=218 Zählungen); Beschreibung des Verhaltens auf einen Störreiz  

  

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE 

Das Untersuchungsgebiet, das weder betreten noch befahren werden darf, grenzt an ein Gebiet, das jährlich von 700.000 Personen besucht wird. Im Monatsdurchschnitt können zwischen 1400 und > 8000 Vögel gezählt werden, die gleichzeitig anwesend sind. 

 

Ergebnisse

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Tierart: Kormorane, Enten, Wattvögel, Möwen, Seeschwalben


  • Potenzielle anthropogene Störreize waren besonders von April bis September zu beobachten. Bei der maximalen Rate von 0,55 Störungen/h trat ein solcher Störreiz im August etwa alle zwei Stunden auf.
  • Im Sommer konzentrierten sich die anthropogenen Störreize auf die Mittags- und Nachmittagszeit.
  • Fast alle Störungen wurden durch Boots- und Flugverkehr ausgelöst und lassen sich, da die meisten Überflüge durch Sportflugzeuge erfolgten, auf Tourismus zurückführen.
  • Bei etwas weniger als der Hälfte aller anthropogenen Störreize waren Ausweich- oder Fluchtreaktionen der Küstenvögel festzustellen.
  • Auffallend hoch war der Anteil der Fälle mit Störwirkung bei überfliegenden Hubschraubern, Paddel-und Ruderbooten, durch das Flachwasser gezogenen Booten und Fußgängern (außer bei Vereisung).
  • Im Gegensatz zu den anthropogenen Störreizen waren Greifvogelflüge besonders im Winterhalbjahr zu registrieren.
  • Mit maximal 10,6 Störungen/h im Januar übertrafen sie die maximale Rate anthropogener Störreize bis zu 19-mal. Dies lag in erster Linie an den bei Vereisung zu beobachtenden Ansammlungen von Seeadlern (Haliaeetus albicilla) (im Winter 1995/96 gleichzeitig bis zu 27 im Vitter Bodden), aber auch an einem im Windwattgebiet überwinternden Wanderfalken (Falco peregrinus).
  • Von April bis August flog dagegen nur etwa einmal pro Stunde ein Greifvogel innerhalb des Windwattgebietes.
  • Auch das tageszeitliche Muster der Flugaktivität der Greifvögel verlief komplementär zu dem der anthropogenen Störreize. Die Maxima fielen in die Morgen- und Abendstunden.
  • Fast alle Flüge von Greifvögeln führten zu Störwirkungen bei den Küstenvögeln.

Reaktionen auf verschiedenen Störreize, Störwirkung in %
potenzieller Störreiz n keine sichtbare Reaktion Ausweichen benachbarter Vögel Auffliegen zahlreicher Vögel Störwirkung (in %)
Flugverkehr 61 43 0 18 30
Ultraleichtflugzeug 1 0 0 1 100
Sportflugzeug 46 37 0 9 20
gr. Transportflugzeug 1 0 0 1 100
Düsenjäger 4 4 0 0 0
Hubschrauber 9 2 0 7 78
Bootsverkehr 84 45 28 11 46
Motorboot 27 20 6 1 26
Paddler/Ruderer 13 4 6 3 69
Surfer 21 12 6 3 43
Segler 8 4 3 1 50
Fußgänger ziehen Boot 15 5 7 3 67
Fußgänger 14 7 1 6 50
Badende 2 2 0 0 0
Spaziergänger Watt 1 0 1 0 100
Spaziergänger auf Eis 5 5 0 0 0
Vogelwart Neubessin 6 0 0 6 100
Greifvogelflüge 150 19 23 108 87
Seeadler Haliaeetus albicilla 77 10 14 53 87
Rohrweihe Circus aeruginosus 13 2 3 8 85
Habicht Accipiter gentilis 28 0 0 28 100
Mäusebussard Buteo buteo 6 3 1 2 50
Wanderfalke Falco peregrinus 18 1 4 13 94
sonstige 8 3 1 4 63