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Dietrich, Katharina; Koepff, Christa: Untersuchungen der Zusammenhänge zwischen dem zu Erholungszwecken durchgeführten Befahren des Wattenmeeres mit Wasserfahrzeugen und dem Verhalten der Vögel und Meeressäuger


Diese Auswertung wurde erstellt von: Institut für Landschaftsentwicklung, TU Berlin     

  

SPORTARTEN 

Wassersport 

  

INHALT 

Die quantitative, aber auch die qualitative Zunahme (neue Sportarten, z. B. Surfen) des Wassersports im Wattenmeer haben Auswirkungen auf die Wat- und Wasservögel sowie die Seehunde. Bei geringem Tiefgang bestimmter Wasserfahrzeuge können sich diese in flachen Uferzonen bewegen und Vögel im Watt oder Hochwasserrastplätzen stören. Boote mit größerem Tiefgang können dicht an die Sandbänke heranfahren, auf denen die Seehunde ruhen, und diese dadurch vertreiben. Auch die Ausflugsfahrten zu den Seehundsbänken führen zur Beunruhigung und bei zu dichter Annäherung zur Flucht der Tiere.

Die vorliegende Untersuchung im ostfriesischen Wattenmeer hatte das Ziel, die Auswirkungen dieser Freizeitaktivitäten auf das Verhalten der Vögel und Robben quantitativ zu bestimmen.

Da sich die Ergebnisse der Untersuchung der Seehunde nicht für eine detaillierte Auswertung eignen, erfolgt hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen (S. 48-79; 86-91):

Zur Einschätzung der Reaktion der Seehunde auf Störungen nahmen die Autorinnen an Ausflugsfahrten zu den Seehundsbänken teil (1983: 16 Fahrten, 1984: 13 Fahrten). Es wurde versucht, die Distanz zwischen Seehunden und Schiff einzuschätzen, das Verhalten der Seehunde zu beobachten und die Tiere zu zählen. Die Kopfheberate diente als Maß der Beunruhigung (Häufigkeit und Dauer des Kopfhebens). 

Die Kopfheberate der Seehunde war bei Störungen durch das Ausflugsschiff erhöht (bis zu 100 % möglich). Die Werte bei ungestörten Gruppen lagen unter 30 %. Es besteht allerdings keine feste Beziehung zwischen Entfernung der Störquelle und Kopfheberate. Die Tiere reagierten sehr unterschiedlich.

Die Kopfheberate nimmt nach Störung nur langsam wieder ab (Bsp. Kopfheberate erreichte einen Wert um 30 % erst 25 Minuten nach Abfahrt des Ausflugsschiffes). Das Vorbeifahren einzelner Booten in gewissen Zeitabständen kann durchaus zu Dauerstreß für die Tiere führen.

Die Flucht der ganzen Gruppe an die Wasserkante oder auch in das Wasser wurde beobachtet bei einem nah vorbeifahrenden Motorboot und einem Überschallknall. Die stärkste Reaktion war bei dem Überschallknall zu verzeichnen: alle Tiere robbten ins Wasser und tauchten nicht mehr an ihrem Liegeplatz auf. Im anderen Fall verschwand nur ein Teil der Tiere im Wasser, die übrigen blieben an der Wasserkante liegen.

Je mehr Tiere in das Wasser geflohen waren, desto länger dauerte es, bis die ursprüngliche Anzahl liegender Tiere wieder erreicht wurde.

Die Seehunde robbten auch ohne erkennbare Störung zur Wasserkante, allerdings verlief die Flucht dann wesentlich langsamer.

Eine stärkere Störung geht von kleineren Wasserfahrzeugen aus, da sich diese bis an den Rand der Sandbank nähern und die Mitfahrenden auch aussteigen können. Aber auch Ausflugsschiffe beunruhigen die Tiere bereits bei einer Distanz von 200 m.

Jahreszeitliche Unterschiede in der Störanfälligkeit waren nicht erkennbar, würden aber wahrscheinlich bei Müttern mit Jungtieren auftreten (die in dieser Phase besonders empfindlich reagieren). Die Gruppengröße hat auf die Beunruhigung (Kopfheberate) keinen Einfluß. Es konnte ebenfalls kein Zusammenhang zwischen Kopfheberate und den jeweiligen Witterungsbedingungen sowie zwischen Kopfheberate und Tageszeit festgestellt werden.

  

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN 


  • Segel- und Motorboote störten die Vögel am seltensten, da sie bedingt durch ihren Tiefgang sich nicht beliebig dem Ufer nähern konnten (S. 80). Am häufigsten wurden Surfer in der Nähe der Limikolenrastplätze beobachtet. Sie können durch ihren niedrigen Tiefgang und die gute Manövrierbarkeit des Bretts dicht am Ufer fahren. Hier traten auch die häufigsten Störungen auf.
  • Paddelboote und Surfer waren meist vor HW zu beobachten, Segel- und Motorboote waren weniger von den Gezeiten abhängig.
  • Viele Faktoren wie Wind Wetter, Zeitpunkt der Störung, Richtung aus der sich die Störquelle nähert sowie die Größe des Vogelschwarms können die Reaktion der Vögel beeinflussen. In den meisten Fällen reagierten die Vögel vor HW empfindlicher als danach, auch die Wasserstände spielten dabei eine Rolle.
  • Es wurde mit Hilfe der beobachteten Fluchtdistanzen (unterschieden nach Paddelboot und Surfer) eine Reihung nach abnehmender Störanfanfälligkeit erstellt: die größte Fluchtdistanz wurde beim Knutt beobachtet, die geringste beim Austernfischer.

BEZUG/QUELLE 

Institut für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland"

An der Vogelwarte 21

26386 Wilhelmshaven 

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 32) sortiert.

Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 


Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland)  

Ostfriesische Seemarschen, Wesermarschen, Niedersachsen

Untersuchungsgebiete (S. 8-11): (die detaillierte Beschreibung der Untersuchungsgebiete ist kaum von Bedeutung, da die Ergebnisse nicht nach Untersuchungsgebieten unterschieden werden)

Pakenser Groden (Crildumersiel): Teil des Landschaftsschutzgebiet "Ostfriesisches Wattenmeer", Fläche von 6 ha. Seedeich als Begrenzung im Westen, im Süden grenzt der Badestrand an, im Osten begrenzt durch die Außenjade, im Norden reicht die Wasserkante bis zum Deichfuß. Vegetation: Andelwiese, im Watt Seegraswiesen, Schafbeweidung auf dem Deich, Schafe verstreuten sich auch auf dem Groden. Das Watt bei Crildumersiel ist ein Rastgebiet von internationaler Bedeutung.

Bockhorner Groden: südwestl. von Dangast, Fläche von ca. 3,7 ha. Der Jadebusen ist die nordöstliche Begrenzung des Gebietes, im Südosten der Seedeich und im Westen der Cäciliengroden. Vegeation: anthropogen beeinflußte Salzwiese, Schafbeweidung. Nutzung des Gebiets durch Surfer und Spaziergänger des Kurbades Dangast.

Nordender Groden: Teil des Naturschutzgebietes (NSG) "Jadebusen", Zählungen/Beobachtungen wurden in einem Teilgebiet von 1,2 km vorgenommen. Dem Deich vorgelagert befindet sich eine hier ca. 400-500 m breite Salzwiese. Abgrenzung des Groden im Nordwesten (von einem Badestrand) durch einen breiten Graben, im Südwesten durch den Seedeich, im Nordosten reichen die Salzwiesen ohne natürliche Begrenzung bis zur Vareler Schleuse. Vier Steinbuhnen ragen von der Kante des Groden ins Meer. Bei auflaufendem Wasser sammeln sich die Vögel in den kleinen Buchten zwischen den Buhnen. Vögel ziehen sich bei normalem Hochwasser meist auf zwei Pütten im Groden zurück, die jeweils mit einem Priel mit dem Meer verbunden und abhängig vom Wasserstand auch teilweise mit Wasser bedeckt sind. Nordwestlicher Teil: Beweidung durch Rinder, südöstlicher Teil unbeweidet. Nutzung des Gebietes durch Strandfliederpflücker, Badegäste oder Angler.

Schweiburgersiel: ebenfalls Teil des NSG "Jadebusen", Versuchsfläche ist eine durch zwei Buhnen begrenzte Bucht (Länge 500 m), Gebiet von Entwässerungsgräben durchzogen, höhere Vegetation als Nordender Groden , da unbeweidet. Der gesamte Jadebusen gehört zu den Rastgebieten internationaler Bedeutung. 

   

UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse) 


  • Beobachtungen in den Jahren 1983 und 1984. 
  • Erfassen des ungestörten Verhaltens der Vögel (aus einem Beobachtungshäuschen) und ihrer Reaktion auf Störungen. Einteilung der Reaktionen in 6 Kategorien: Rufaktivität nimmt zu, Umherlaufen, Flügel schlagen, Flügel heben (Säberschnäbler), Auffliegen, Auffliegen und Verlassen des Gebietes. 
  • Experimente mit einem Paddelboot und einem Surfer (in den 4 Untersuchungsgebieten mit unterschiedlicher Häufigkeit) 
  • Zur Bestimmung der Fluchtdistanzen wurden normierte Entfernungen mit Fahnenreihen abgesteckt. 

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN 

Fluchtdistanzen

 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE 

Crildumersiel: im Sommer und Frühherbst war die Störungshäufigkeit durch Badende und Spaziergänger so groß, daß die Rastbestände zurückgingen und nur noch unempfindliche Arten zurückblieben.

 


Ergebnisse

EINWIRKUNGSART 

optischer Reiz 

  

EINWIRKUNGSGRAD 

unterschiedliche Fahrtrichtung: parallel zur Küste oder direkt darauf zu. 

  

TIERART & ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG


Alpenstrandläufer(Calidris alpina)

 

Alpenstrandläufer reagierten auf Störungen in allen Fällen mit Auffliegen.                                                                                                     Fluchtdistanz gegenüber

  • Motorbooten: 600 m (nur 1 Beobachtung), Vögel verließen daraufhin das Gebiet.
  • Paddelbooten und Surfern: gegenüber zeigten die Alpenstrandläufer geringere Empfindlichkeit. Vor HW betrug die durchschnittliche Fluchtdistanz 250 m.
  • Nach HW betrug die Fluchtdistanz der Vögel beim Paddelboot um die 68 m. Bei einer Annäherung des Surfers auf 60-70 m flogen die Vögel auf. Ein Teil des Schwarms verließ das Gebiet, der andere landete wieder im Groden.
  • Bei den verschiedenen Untersuchungen wurde deutlich, daß die Fluchtdistanz mit der Schwarmgröße steigt. Darüber hinaus ist sie auch abhängig von den Gezeiten. Nach Hochwasser reagierten die Alpenstrandläufer toleranter als bei auflaufendem Wasser (S. 14-17).

 

Knutt (Calidris canutus)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Paddelbooten: Fluchtdistanzen reichten von 100 m bis 400-500 m. Vor HW ergab sich bei Fahrten parallel zur Küsten eine mittlere Fluchtdistanz von 300 m. Bei direktem Kurs auf die Küste betrug sie 400-500 m. Bei Fluchtdistanzen ³ 300 m - unabhängig von der Fahrtrichtung des Bootes - landeten die Vögel wieder im Gebiet, bei geringeren Abständen verließen es die Knutts. Die Fluchtdistanz kann sich noch erhöhen, wenn die Knutts mit empfindlicheren Vögeln im Schwarm rasten.
  • Surfern: Bei direktem Kurs auf die Vögel zu, betrug die Fluchtdistanz um 300 m, bei der Parallelfahrt flogen die Knutts erst bei 150-200 m auf (S. 18 f.).

Kiebitzregenpfeifer (Pluvialis squatarola)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Segelbooten und Motorbooten: 700 m bei einem Motorboot (nur 1 Beobachtung), bei Segelbooten zwischen 300 und 1000 m.
  • Paddelbooten und Surfern: Fluchtdistanzen der Kiebitzregenpfeifer sind schwierig zu bestimmen, da sie sich häufig mit anderen empfindlicheren Arten im Schwarm aufhalten. Die Fluchtdistanz eines Schwarmes, der überwiegend aus Kiebitzregenpfeifern bestand, lag bei Annäherung eines Paddelbootes bei 150 m. Der Schwarm verließ das Gebiet. Ähnliche Werte gelten auch für die Reaktionen auf Surfer. Auch bei dieser Art ist die Reaktion abhängig von den Gezeiten (S. 20 ff.).

Pfuhlschnepfe (Limosa lapponica)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Paddelbooten und Surfern: die Fluchtdistanz bei diesen Wasserfahrzeugen lag zwischen 200 und 300 m. Hier flogen die Pfuhlschnepfen auf, ohne jedoch das Gebiet zu verlassen. Die Fahrtrichtung der Wasserfahrzeuge spielte bei dieser Art ebenfalls eine Rolle (S. 22 f.).

Brachvogel (Numenius arquata)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Segelbooten: lag bei 450-500 m (nur 1 Beobachtung).
  • Paddelbooten: Nach HW reagierten die Brachvögel toleranter (als bei auflaufendem Wasser). Sie reagierten bei 180 m, flogen aber erst bei 110-150 m auf (S. 24 f.).
  • Surfern: die Brachvögel flogen bereits bei einer Entfernung des Surfers von mehr als 500 m auf und verließen das Gebiet.
  • Schwarmgröße und Gezeitenrhythmus beeinflußten das Verhalten der Brachvögel (S. 23 ff.).

Rotschenkel (Tringa totanus)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Segelbooten und Motorbooten: die Entfernung des Segelbootes bei Auffliegen der Rotschenkel betrug 400-500 m (vor HW), bei einem Motorboot 250 m.
  • Paddelbooten: hier lag die mittlere Fluchtdistanz um 170 m, vor HW betrug sie 240 m, nach HW nur noch ca. 90 m.
  • Surfern: die mittlere Fluchtdistanz lag vor HW etwa bei 330 m.
  • Die Fluchtdistanz stieg bei den Rotschenkeln mit der Gruppengröße. Auch sie reagierten auf den Gezeitenrhythmus und waren vor HW empfindlicher als danach. Außerdem reagierten Rotschenkel empfindlicher auf Surfer als auf Paddelboote (S. 26ff.).
  • In Crildumersiel konnten kaum Säbelschnäbler beobachtet werden, in den drei übrigen Untersuchungsgebieten jeweils kleinere Trupps.

Säbelschnäbler (Recurvirostra avosetta)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Paddelbooten: Streuungsbereich der Fluchtdistanzen zu groß. Fahrtrichtung des Wasserfahrzeugs spielt eine Rolle.
  • Surfern: Fluchtdistanz lag bei 200-300 m, die Säbelschnäbler verließen das Gebiet (nur 1 Beobachtung) (S. 28-34).

Austernfischer (Haematopus ostralegus)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Segelbooten und Motorbooten: da sich die Segelboote den Austernfischern nicht mehr als 400 m/Motorboote nicht mehr als 500 m nähern konnten, war keine Reaktion zu beobachten.
  • Paddelbooten: die Austernfischer reagierten mit Laufen und später Auffliegen bei einer Entfernung von 50 m. Kurz darauf landeten sie wieder in einer Entfernung von 50-100 m vom alten Rastplatz.
  • Surfern: auch auf Surfer reagieren die Austernfischer unempfindlich. In 1 Fall liefen die Austernfischer weg, als sich ihnen ein Surfer bis auf 100 m genähert hatte.

Austernfischer reagierten insgesamt sehr unempfindlich auf Störungen, ließen sich aber durchaus auch von anderen auffliegenden Schwärmen mitreißen. (S. 34 ff.).


Brandgans (Tadorna tadorna)

 

Fluchtdistanz gegenüber


  • Paddelbooten: Die Brandgänse schwammen weg, als das Boot Richtung Ufer fuhr und ca. 300-500 m von ihnen entfernt war.
  • Surfern: hier reagierten die Vögel bereits bei einer Entfernung des Surfers von 400-500 m mit Flucht. Größere Gruppen verhielten sich gegenüber Störungen toleranter als kleinere (S. 36 ff.).