Bundesamt für Naturschutz

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Bauer, Hans-Günther; Stark, H.; Frenzel, P. (1992): Der Einfluß von Störungen auf überwinternde Wasservögel am westlichen Bodensee


Bauer, Hans-Günther; Stark, H.; Frenzel, P.


Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung    
 
 

SPORTARTEN

Angeln, Erholung am Gewässer, Fischerei, Kanu, Kajak, Motorboot/ Wasserski/ Parasailing, Rudern, Segeln, Surfen, Wassersport
 

INHALT

In dieser Arbeit untersuchen die Autoren anhand dreier Gebiete im westlichen Bodensee die Auswirkungen von hauptsächlich anthropogenen, aber auch natürlichen Störungen auf überwinternde Wasservögel. Hierzu unterteilen sie die Untersuchungsgebiete weiter in verschiedene Teilareale. Aufgenommen wurden die Bestände und die Störungen mit den darauffolgenden Reaktionen der Tiere. Unterschieden wurde dabei nach der Art und Intensität der Störung und der Stärke der Reaktion der verschiedenen Vogelarten.

Bei den Bestandsaufnahmen konnten Gesamtbestände von bis zu 30.000 Tieren gezählt werden. Für die Anzahl der Störereignisse ergaben sich Werte zwischen 0,2 und 1,1 Störereignissen /h. Es zeigte sich, dass die Wasservögel sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Störquellen reagierten. Kanus und Ruderboote verursachten die stärksten Störungen bei den Vögel. 

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Störungen im "Konstanzer Trichter" führen dazu, dass manche Bereiche von Wasservögeln kaum genutzt werden können. Somit werden bei gleichbleibender Störungshäufigkeit im Winter nur die resistenten Vögel diesen Bereich als Rastplatz nutzen.
  • Eine Schutzmassnahme wäre die Sperrung nahrungsökologisch bedeutender oder als Rastplatz genutzter Wasserflächen. Eine weitere Möglichkeit wäre eine konsequente Beschränkung der Boote auf eine gekennzeichnete Fahrrinne und eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 10 km/h. Zudem sollte der Wasser- und der Freizeitangelsport auf offenen Flächen in der Zeit zwischen Oktober und März eingstellt werden.
  • Um die großen Überwinterungszahlen von Tauchenten besser schützen zu können, sollten die Schutzzonen vergrößert werden. In den Wintermonaten fallen weite Teile der Flachwasserbereiche trocken und stehen den Tieren somit nicht mehr zur Verfügung. Ein Ausweichen auf tiefere Bereiche wird durch die anthropogen Nutzung beschränkt. Durch eine ausreichende Größe einer Schutzzone können auch Vögel mit hohen Fluchtdistanzen das Gebiet nutzen. Als Orientierungswert sollte eine Pufferzone von 500 m zwischen der genutzten Fläche der Vögel und des Menschen liegen.
  • bedeutende Vogelrastplätze bedinden sich noch außerhalb des Schutzgebietes (Hegnebucht), in dem die Vögel durch Angel- und Wassersport erheblich gestört werden. Es traten zwar im Vergleich zu den anderen Gebieten weniger Störereignisse auf, jedoch hatten diese eine weitaus größere Störwirkung. Um die Rastplätze schützen zu können benötigt man eine starke Ausweitung der Schutzzone im Gnadensee und ein Verbot des Wasser- und Angelsports während der Mauser-, Zug- und Überwinterungszeit.

 

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 598) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 

Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland) 

Die Untersuchungen wurden von Oktober bis April in den Winterhalbjahren 1988/89, 1989/1990 und 1990/1991 durchgeführt. Es wurden drei Gebiete im westlichen Bodensee bei Konstanz untersucht. Sie befinden sich am Westrand des Obersees bzw. im Übergangsbereich zum Untersees. Alle Gebiete wurden in unterschiedliche Teilareale aufgegliedert. 


  • Hegnebucht (im folgenden: Heg): Der Ostteil der Bucht ist Teil des Naturschutzgebietes "Wollmatinger Ried-Untersee-Gnadensee". Die untersuchte Wasserfläche betrug ca. 2 km²
  • Ermatinger Becken (Erm): Die Untersuchte Wassefläche betrug ca. 5 km². Der nordostliche Teil gehört ebenfalls zu dem oben genannten Naturschutzgebiet
  • Seerhein und Konstanzer Trichter (R/T): Die untersuchte Wasserfläche betrug ca. 2 km², nur der deutsche Teil wurde erfasst

UNTERSUCHUNGSANSATZ

  • quantitative Bestandserhebungen der Wasservögel in den Untersuchungsgebieten
  • qualitative und quantitative Aufnahme der Störfaktoren und Reaktion der Tiere

BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

  • Bestandserhebungen wurden von verschiedenen Bearbeitern gleichzeitig durchgeführt. In jedem Winter wurden mindestens 70 Zählungen durchgeführt. Im Minimum wurden 2, im Maximum 7 Zählungen pro Dekade durchgeführt. Bestanderhebungen wurden im Erm und Heg in allen drei Wintern durchgeführt. Im R/T erfolgte dies nur in den ersten beiden Wintern. In den frühen Mittagsstunden wurden die Zählungen begonnen und mit Kenntnis aller Vogelbestände abgeschlossen. Es wurden alle Wasservogelarten erfasst und protokolliert. Eine Ausnahme waren lediglich die kleinen Möwen.
  • Störungen wurden getrennt notiert. In die Protokolle wurden folgende Parameter aufgenommen: Zeitpunkt, Teilfläche, Auslöser und Folgen der Störung. Im einzelnen unterschied man: Fischerboote, Motorboote, Ruderboote, Kanu bzw. Kajak, Behördenfahrzeuge, Personen am Ufer/ auf dem Eis, Surfer, Flugzeuge, Großmöwen, Greifvögel und Säugetiere bzw. sonstiges.
  • Reaktionen der Vögel auf Störungen wurden wie folgt unterschieden: Ausweichen durch Wegschwimmen, kurzes Auffliegen, bei dem die Tiere gleich nach der Störung wieder an ihren Ursprungsort zurückkehren, Verlagerung der Wasservögel in störungsfreie Teilareale eines Untersuchungsgebietes, Vollständiges Verlassen des Untersuchungsgebietes.

 

Ergebnisse

EINWIRKUNGSART

optische und akustische Beeinträchtigungen

 

EINWIRKUNGSGRAD

Je nach Störfaktor unterschiedlich

 

TIERART UND ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG / AUSWIRKUNG 

Enten -  Tauchenten: Schellente, Tafelente, Reiherente, Bergente; Schwimmenten: Spiess-, Löffel- und Krickente

Singschwäne

Limikolen

 

 

Störereignisse

  • Insgesamt wurden die Vögel im Erm in den drei Untersuchungsjahren im Mittel 0,2 - 1,1 mal pro h gestört bzw. 1,5 - 8,6 Störereignissen pro Einheitstag ( 8h ). Boote bewirkten hier in 53 - 58 % der Fälle Störungen.
  • Für die Heg ergaben sich im gleichen Zeitraum Werte von 0,2 - 0,4 Ströereignissen / h bzw. 1,9 - 3,5 Störereignisse / Einheitstag. Boote bewirkten hier in 71 % aller Fälle Störungen.
  • Im R/T wurden 1988/1989 Werte von 0,87 Störereignissen / h bzw. 6,96 Störereignisse / d ermittelt. Boote bewirkten hier nur in 39 % aller Fälle Störungen.
  • Es wurden auch Unterschiede in den Störreizen von Booten nach Jahreszeit und Boottyp untersucht. Kanus und Ruderboote verursachten die häufigsten Störreaktionen, während Motor-, Verwaltungs- und Fischerboote nur in bis zu 50 % der Fälle eine Störreaktion verursachten. Vom Oktober bis Februar wirken Boote im Erm in etwa 80 % der Fälle störend. Im März sinkt der Anteil stark ab und im April wurde kein Boot mehr als störend registriert.
  • Als langfristige / andauernde Störquellen wirkten sich nur stationäre Fischerboote aus, die die Nahrungsplätze z.B. von Haubentauchern und Schellenten blockierten.

Störreaktionen der Wasservögel

An störungsfreien Tagen wurden die Gebiete von Wasservögeln gleichmäßig und in großer Zahl genutzt, Gesamtbestände von 30.000 rastenden bzw. überwinternden Tieren konnten registriert werden.

Bei Beständen von 5000 und mehr Vögeln erfolgt auf Störreize in über 50 % der Fälle eine Reaktion der Tiere. Bei niederen Beständen ist die Störreaktion wesentlich geringer.

Bei den Untersuchungen der verschiedenen Bootstypen und den davon ausgehenden Reaktionen der Wasservögel erhielt man folgende Ergebnisse: offene Boote (Kanus und Kajaks) lösten die heftigsten Reaktionen aus. Fast 90 % der Vögel reagierten mit dem Aufsuchen eines anderen Teilareals im Untersuchungsgebiet oder gar dem Verlassen des Gebietes. Für geschlossene Boote wurden meist schwächere Reaktionen festgestellt.

Die Geschwindigkeit von Booten hat einen großen Einfluss auf die Störwirkung, da schnellere Boote weitaus größere Fluchtdistanzen verursachen.

Vor allem das Gebiet des Konstanzer Trichters ist für die Tiere als Nahrungs- und Rastplatz von große Bedeutung. (Im Erm und Heg überwintern nur kleinere Trupps). In diesem Bereich ist der Bootsverkehr der Hauptstörungsfaktor. Ab 4 und mehr Booten sinkt die Anzahl der Tiere um 25%.

In den Untersuchungsgebieten sind bis auf einzelne enge Stellen im Seerhein und im Schutzgebiet im Heg genügend Flächen zum Ausweichen vorhanden. Sind Teilbereiche blockiert, entweder durch ein Zufrieren der Flachwasserbereiche oder durch Boote im Tiefwasserbereich, oder treten gleichzeitig mehrere Störfaktoren auf, werden auch die "unempfindlichsten" Arten zum Auffliegen gezwungen. Während der Untersuchung konnten mehrere solcher "Totalbeunruhingungen" beobachtet werden.

Bei der Schellente ist der störungsbedingte Energieverbrauch besonders gravierend, da sie die Energieverlste nicht durch nächtliche Nahrungaufnahme kompenisieren kann. Sie benötigt die kurzen Wintertage zur visuellen Nahrungsaufnahme. Bei kürzeren Störungen kann die Schellente ihre Tauchplätze zwar schnell wieder besetzen. Sind jedoch ihre Ausweichplätze auch gestört, so muss sie schon in den Mittagsstunden ihren Schlafplatz aufsuchen.Sportangler blockieren durch ihre Aktivität ganze Seebereiche der Schellente.Gegenüber Motorbooten sind Schellenten, aufgrund deren Geschwindigkeit und Motorgeräusch sehr sensibel und zeigen große Fluchtdistanzen.

Spiess-, Löffel- und Krickenten und Singschwäne bevorzugen eher die tieferen Seebereiche des Flachwassers und sind somit mehr dem Bootsverkehr ausgesetzt. Die Krickente hat sich aufgrund zunehmender Störungsereignisse auf nächtliche Nahrungssuche in der Rheinrinne und Erm verlegt, um tagsüber meist in weniger gestörten Tiefwasserbereichen der Heg zu ruhen.

Ufernah Nahrung suchende Schwimmenten und Limikolen wurden vor allem durch Personen am Ufer aufgeschreckt. m Seerhein und Konstanzer Trichter konnte bei mehreren (Schwimm-)entenarten ein Gewöhnungseffekt mit niedrigen Fluchtdistanzen beobachtet werden. Als Ursachen kommen die Fütterung und die relativen Störungsarmut (Verbauung des direkten Zugangs zum Wasser durch das erhöhte und befestigte Ufer) in Betracht.