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Barth, Hans-Jürgen (1997): Auswirkungen des Skilanglaufs auf die Vegetation in Feuchtgebieten


Barth, Hans-Jürgen

Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung     
 


SPORTARTEN


Skilanglauf


INHALT

1995 wurden Vegetationsuntersuchungen im Bereich von vier Loipenstrecken mit folgendem Ziel durchgeführt:

  • (1) Analyse und Bewertung der Auswirkungen des Loipenbetriebs und -unterhalts auf empfindliche Pflanzenbestände innerhalb von Feuchtflächen (Pflanzenbestände gemäß Art. 6d(l) BayNatSchG), Rote-Liste-Arten, landkreisbedeutsame Arten)
  • (2) Feststellen der aktuellen Entwicklungen (u.a. Loipenfrequentierung, Meinungen der Langläufer)
  • (3) Erarbeitung von Empfehlungen für einen naturschonenderen Betrieb der Loipen
  • (4) Dokumentation der Auswirkungen des Loipenspurens.

SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

  • Die Schäden und die Empfindlichkeit der jeweiligen Gesellschaften steigen mit zunehmendem Feuchte (F)-Wert an. Ab einem F-Wert von 7 (feuchte Verhältnisse) sind Schäden an der Vegetation nicht auszuschließen.
  • Die nachgewiesenen Beeinträchtigungen durch den Langlaufbetrieb auf die Vegetation von Feuchtgebieten des Bayerischen Waldes beschränken sich auf die Loipentrasse. Mögliche Sekundäreffekte (z.B. Austrocknungsbereiche) wirken sich maximal auf eine Breite von 10 m bis 20 m aus.
  • Vegetationsschäden wurden nur durch das Loipenspurgerät (Auflagedruck 500 kg/qm), nicht jedoch durch Langläufer verursacht. Die Einsatzbedingungen für das Loipenspurgerät müssen deshalb klar definiert werden.
  • Beeinträchtigungen könnten unter Beachtung der entscheidenden Risikofaktoren (Geländeausformung, Bodenfeuchte, Bodenart und Vegetationsempfindlichkeit ausgeschlossen werden. Beeinträchtigungen an der Vegetation ließen sich dadurch am besten vermeiden, wenn hochsensible Bereiche (vor allem Braunseggenriede, Bestände des Scheidigen Wollgrases und gegebenenfalls Fadenbinsenwiesen) durch geeignete Routenwahl und Trassenfestlegung konsequent gemieden werden.
  • Eine Befragung von Langläufern ergab eine sehr hohe Bereitschaft, in begründeten Fällen zeitliche Einschränkungen der Loipennutzung oder räumliche Verlagerungen hinzunehmen.

BEZUG/QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2615) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 


 

Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland) 

Bayerischer Wald, je zwei Loipen in den Gemeinden Straubing-Bogen und Freyung-Grafenau, Bayern. 


UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse) 

Als repräsentative Untersuchungsgebiete wurden in St. Englmar und Mauth je zwei geeignete Streckenabschnitte (insgesamt vier Probeflächen) anhand folgender Kriterien ausgewählt: unterschiedliche Höhenlagen (Schneelage, Nutzungsdauer), ausreichende Repräsentanz gebietstypischer Vegetationsbestände auf feuchtnassen Standorten (organische und mineralische Böden), unterschiedliche Loipennutzung (häufig und weniger häufig frequentierte Strecken) und Streckenführungen mit bzw. ohne Zwangspunkte (d.h. jährlich gleiche Streckenführung).

Jede Probefläche wurde in zwei Bezugsräume (A, B) eingeteilt, in welchen die Untersuchungen mit unterschiedlichem Programm durchgeführt wurden. Programm für den Untersuchungsbereich A (Loipenverlauf mit Umfeld): Dokumentation und Kennzeichnung des Streckenverlaufs im Winter, Einbeziehung der Vegations- und Nutzungskartierung aus dem weiteren Loipenumfeld (Übernahme von Erhebungen aus dem Landschaftsplan im Maßstab 1:5000), Analyse und Bewertung von Grundlagendaten (unter anderem Nährstoff- und Wasserhaushalt, Topografie, Kleinklima, bestehende Nutzungen), Durchführung von Stichprobenzählungen und Befragungen (Einsatz des Loipenspurgerätes, Langläufer auf bzw. außerhalb der Loipe), Dokumentation der Sommer- und Winternutzung. Programm für den Untersuchungsbereich B (Transekte innerhalb des Untersuchungsbereichs A): Auswertung eines lückenlosen Transekts (10 bis 15 Quadrate zu je 1m x 1 m quer zur Loipentrasse) hinsichtlich des Vorkommens und Deckungsgrades von 45 ausgewählten Zeigerarten (Degradations- und Qualitätszeiger, ökologische Artengruppen), Anfertigung eines Geländeprofils parallel zum Transekt, Fotodokumentation zur Bestandsentwicklung.

Am 14.1996 wurde das Spuren einer Loipe dokumentiert. 63 Loipenbenutzer wurden befragt (Verhalten auf der Loipe, Wissen über die Empfindlichkeit des Gebietes, Bereitschaft, Einschränkungen zugunsten von Natur und Umwelt hinzunehmen). 

 
BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Zur Beurteilung, ob die Veränderungen als Beeinträchtigung einzustufen sind, die erheblich bzw. nachhaltig wirken, wurden folgende Parameter herangezogen: (1) Der Rote-Liste-Status der betroffenen Gesellschaft in Bayern; stark gefährdete Gesellschaften werden höherwertiger eingestuft als nicht gefährdete Gesellschaften, z.B. in der Abfolge: Braunseggensumpf (stark gefährdet), Fadenbinsenwiese (gefährdet). Seegrasseggenbestand (nicht gefährdet). (2) Die Identität der Gesellschaft (Vorkommen von Charakter- oder Trennarten). Vorkommende Arten werden danach beurteilt, ob sie für den Bestand typisch ("Qualitätszeiger") oder untypisch sind ("Störzeiger"). (3) Der durchschnittliche Feuchte-Wert (F-Wert) des Pflanzenbestandes nach den Zeigerwerten von Ellenberg (1982). Je höher der F-Wert, desto empfindlicher die Gesellschaft gegenüber Bodenverdichtung und Befahren. (4) Die Einschätzung der lokalen Verbreitung / Gefährdung und qualitativen Identität der Gesellschaft: Auswertung durch den Landschaftsplan. Beispielsweise ist es für die Bewertung relevant, dass die Klinglbachloipe den besterhaltensten und ökologisch hochwertigsten Feuchtgebietskomplex der Gemeinde St. Englmar durchquert. 
 

KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Der Winter 1995/96 war im Vergleich zu den Vorjahren besonders lang und kalt, so dass der Boden teilweise über 1 m tief gefroren war. Auf Grund dessen verursachte der Loipenbetrieb in den empfindlichen Feuchtflächen - im Vergleich zu den Vorjahren - geringere Boden- und Vegetationsschäden. 
 

Ergebnisse

VEGETATIONSEINHEIT UND ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG/AUSWIRKUNG

Calthion

Schlangenknöterich- Gesellschaft / Kohldistelwiese (Angelico-Polygonetum); Fadenbinsenwiese (Juncetum filiformis); Waldsimsenflur (Scirpetum sylvatici)

Je nach Ausgangsbestand, Bodenfeuchte und Geländemorphologie führt die Loipennutzung in den Feuchtgebietsbereichen zu einer Nivellierung von Standortgradienten oder zur Ausbildung von Standortextremen, vor allem hinsichtlich der Bodenfeuchte, was kurz- bis mittelfristig Auswirkungen auf Flora, Vegetation und Tierwelt zeigt.

Filipendulion

Seegrasseggenbrache (Carex brizoides- Gesellschaft); Mädesüßflur (Filipendula ulmaria-Ges.)

In acht von neun Fällen kommt es zu einer zumindest partiellen Vernässung und Bodenverdichtung im Bereich der Loipentrasse, wodurch verdichtungstolerante Nässezeiger Konkurrenzvorteile erlangen (z.B. die Grausegge Carex canescens).

Juncion

saure Pfeifengraswiese (Molinia caerulea-Ges.)

In mindestens fünf von neun Fällen können ausgeprägte Schwankungen der F-Werte entlang des Transektes im unmittelbaren Loipenbereich beobachtet werden, da die Loipenspurung ein Kleinrelief ähnlich einem sogenannten Bult-Schlenken-Komplex erzeugt, d.h. feuchte Mulden und trockene Buckel, die sich abwechseln. Natürliche Bult-Schlenken-Komplexe sind für die untersuchten Vegetationseinheiten untypisch und weisen außerdem keine Bodenverdichtungen auf. Die Veränderungen fördern in der Regel bestandsfremde Strukturen und bestandsuntypische Arten, wodurch sich der Bestandscharakter mit der Zeit verändert.

Caricion

Braunseggensumpf (Caricetum fuscae): Scheidiges Wollgras (Eriopherum vaginatum-Ges.); Schnabelseggenried (Caricetum rostratae)

Die Reaktion der untersuchten Vegetationsbestände auf die Loipennutzung kann folgendermaßen zusammengefasst werden: (1) Wirtschaftsgrünland und auch extensiv, also zweischürig genutztes Grünland auf Mineralboden wird augenscheinlich nicht beeinträchtigt. Es konnten auch keine Ertragseinbußen (optische Aufwuchsmenge, Dichte) festgestellt werden. (2) Im Calthion-Bereich sind die Auswirkungen auf brachliegende Waldsimsenbestände vernachlässigbar. (3) Verbrachende Fadenbinsenwiesen werden zum Teil erkennbar beeinträchtigt oder die Auswirkung kann momentan nur sehr schwer eingeschätzt werden. Ein Verlust der Identität der Gesellschaft scheint aber nicht zu erfolgen. (4) Seegrasseggenbestände oder hochstaudenreiche Feuchtbrachen reagieren kaum auf die winterliche Loipennutzung. Bei Seegrasseggenbeständen konnte mit einer Verdopplung der Artenzahlen bestandstypischer Sippen auf der Trasse ein positiver "Bewirtschaftungseffekt" dokumentiert werden, der allerdings, das zeigen zwei andere Beispiele, nicht verallgemeinert werden darf. (5) In den Groß- und Kleinseggenwiesen (Caricion), den Wiesen mit der höchsten Bodenfeuchte sind die Auswirkungen der Loipenquerung schwach bis sehr stark beeinträchtigend, was mittelfristig zu einer nachhaltigen Veränderung und naturschutzfachlichen Entwertung bis hin zum Verlust der Gesellschaftsidentität führen kann. Das gilt sowohl für den Braunseggensumpf wie auch für die Gesellschaft mit dem Scheidigen Wollgras. Das eher artenarme Schnabelseggenried wird nach vorliegenden Erkenntnissen nur schwach beeinträchtigt, durch die Loipenspurung entstehen aber deutlich sichtbare Bodenschäden.
 

ÜBERTRAGBARKEIT AUF ÄHNLICHE LEBENSRÄUME?

"Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß aufgrund der nur einjährigen Untersuchungszeit und der besonderen Witterungsbedingungen die Untersuchungsergebnisse nur bedingt aussagefähig sind. Auch unter Berücksichtigung der spezifischen Witterungsbedingungen im Untersuchungszeitraum 1995/96 konnten jedoch Schäden bzw. Veränderungen registriert werden. Die Palette reicht von kaum optisch bemerkbaren Veränderungen bis hin zur Verdrängung geschützter Vegetationsbestände und Einzelarten. Aber auch positive Beispiele einer Zunahme der Artenvielfalt bestandstypischer Sippen konnte belegt werden."