Bundesamt für Naturschutz

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Aßmann, O. (1997): Grundlagen und Vorschläge für ein Gesamtkonzept zur Regelung von naturschutzrelevanten Einflüssen auf die Ammerschlucht

Diese Auswertung wurde erstellt von: FÖA Landschaftsplanung    

  
SPORTARTEN

Angeln, Kanu, Kajak, Wandern/ Geländelauf, Wildwasser

  
INHALT

Aufgrund eines Beschlusses des bayerischen Landtages (siehe Bemerkungen) wurde die Erstellung eines Gesamtkonzeptes für die Ammerschlucht zwischen Altenau und Peißenberg beauftragt, Erholungs- und Freizeitaktivitäten konzeptionell neu zu gestalten sowie die rechtliche Neuregelung des Schutzstatus des Gebietes fachlich zu fundieren. Die vorgesehenen Ge- und Verbote waren auf ihre Wirksamkeit zu prüfen und ggf. zu modifizieren. Eine umfassende Bestandsaufnahme und Bewertung der ökologischen Grundlagen enthält eine Konfliktanalyse, in deren Rahmen u.a. auch störökologische Aspekte bearbeitet wurden. Im Mittelpunkt der störökologischen Fragestellung standen die Wirkungen von Kanuten (sowie Fußgängern und Anglern) auf Flussuferläufer und Gänsesäger sowie (untergeordnet) auf die Wasseramsel.


SCHLUSSFOLGERUNGEN DES/DER AUTOR(INN)EN

Konflikte

"Von Kanusportlern und sonstigen Bootsfahrern sind entlang der Ammer praktisch alle Bereiche unterhalb des Kammerl stark betroffen. Mit starken Störungen für den Flussuferläufer und andere gewässerbesiedelnde Vogelarten sind vor allem folgende Verhaltensweisen verbunden:


  • Anlanden in empfindlichen Bereichen
  • Befahren bei niedrigen Wasserständen
  • Andauernde Störungen durch hohe Bootszahlen
  • Befahren des Flusses in Großgruppen, Lärmen
  • Längerer Aufenthalt (Kehrwasserfahren, Üben) in empfindlichen Abschnitten.

Die direkt nachgewiesenen Verluste durch Kanusport beliefen sich 1996 auf drei Revieraufgaben (von insgesamt neun) und eine Gelegeaufgabe (von insgesamt neun). Alle traten im Abschnitt Kammerl - Rottenbuch auf, wo der Kanubetrieb deutlich stärker ist als im unteren Abschnitt. Sie waren auf anlandende bzw. startende Boote zurückzuführen. 1995 war je ein Brut- und Revierverlust auf Bootfahren zurückzuführen."

Angeln / Fischerei: Störungen durch angelfischereiliche Nutzung sind derzeit von geringerer Bedeutung, da die Befischungsintensität in den letzten Jahren vergleichsweise gering war. Sie bewirkte 1996 die Aufgabe eines Reviers.

Eine "Koexistenz" zwischen Flussuferläufer und Angelsport ist aber nur (dann) möglich, wenn lediglich einzelne Angler gleichzeitig im Gebiet sind und kritische Bereiche meiden bzw. schnell passieren. "Problematisch wird die Situation, wenn viele Angler gleichzeitig im Gebiet sind. Selbst wenn dann die unmittelbare Umgebung der Brutplätze gemieden wird, sind durch häufigeres Passieren von Brutplätzen nachhaltige Störungen möglich. Derzeit ist die Begehungsintensität wegen der niedrigen Fischbestände gering [...]. Sollte sie bei zunehmendem Fischbestand ebenfalls wieder zunehmen, wäre eine deutliche Zunahme von Konflikten wahrscheinlich. Dies gilt umso mehr, als Angler auch vom übrigen Erholungsverkehr kaum nutzbare Stellen aufsuchen, z.B. die für Kanuten unattraktiven Abschnitte oberhalb des Kammerl oder für Wanderer unzugängliche Schluchtbereiche."

Wirksamkeit der Einschränkung des Gemeingebrauchs

Allgemeinverfügungen der Landratsämter Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen - in den Verfügungen wurde das Betreten von 12 Uferbereichen und Inseln in für Flussuferläufer sensiblen Flussabschnitten geregelt und eingeschränkt - bewirkten, dass 1996 die Zahl erfolgreicher Brutpaare auf 17 gegenüber 12 Paaren im Jahre1995 anstieg.

Konfliktlösungsmöglichkeiten

Zum Schutz des Flussuferläufers und anderer gewässerbesiedelnder Vogelarten sind deutliche Reduzierungen der Störintensität erforderlich. Hierzu sind Lenkungen und stellenweise Einschränkungen der Erholungsnutzung, des Kanusportes und der Angelfischerei notwendig.


  • Minimierung von Konflikten durch Besucherlenkung (durch Verbesserung der Beschilderung, weitere Möglichkeiten zur Information, Verbesserung von Wegen, Einrichtung neuer Wegeverbindungen). In besonders sensiblen Fluss- und Uferabschnitten ist eine Beibehaltung der Betretungsregelung und Ausdehnung auf weitere Problembereiche erforderlich. Eine Ausweitung der Erholungsnutzung in sensiblen Bereichen, insbesondere auch durch neue Sportarten, muss unterbleiben.
  • Die bestehende Regelung zum Gemeingebrauch (Kanusport) sollte in den Grundzügen beibehalten und durch zusätzliche inhaltliche, räumliche und zeitliche Beschränkungen ergänzt werden. Insbesondere müssen Anlanden, Lärmen, das Fahren in größeren Gruppen und längerer Aufenthalt in sensiblen Bereichen unterbleiben. Außerdem müssen Sofortmaßnahmen zur Vermeidung hoher Bootszahlen im Zeitraum 1.5.-15.7. ergriffen werden (alternativ: Straßensperrung, Kontingentierung und jahreszeitliche Beschränkung). Wichtig ist eine bessere Information über die geltenden Regelungen und deren Kontrolle. Zur Lenkung wird die Einrichtung von drei Rastplätzen vorgeschlagen.
  • Von den Vertretern der Fischereivereine wurde ein freiwilliger Verzicht auf Ausübung der Fischerei im Bereich von Brutplätzen angeboten. Diese Lösung sollte zunächst verfolgt und auf ihre Wirksamkeit überprüft werden. Daneben sind durch Änderungen bei der Vergabe von Fischereischeinen mögliche starke Belastungen in kritischen Zeiträumen zu regeln.

 

BEZUG / QUELLE

Diese Publikation ist in der Präsenzbibliothek "Natursportinfo" im Freihandbereich der Zentralbibliothek der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule Köln einsehbar, wie übrigens die meisten in der Datenbank aufgeführten Publikationen. Die Arbeiten sind dort entsprechend ihrer Kennung (ID-Nummer, hier 2722) sortiert.
Bestellungen sind gegen Gebühr möglich mit Mail an natursportinfo@dshs-koeln.de unter Angabe der Kennung (ID-Nummer)

 

 

Methoden

UNTERSUCHUNGSGEBIET (Geo-Objekt, Naturraum, Bundesland) 

Ammerschlucht zwischen Altenau und Peißenberg, Bayern

  
UNTERSUCHUNGSANSATZ (Typ der Analyse) 

Das Gutachten fasst Untersuchungen von Werth (1995, 1996) zusammen. Es enthält keine Angaben zur genauen Erfassungsmethode. Jedoch ist den Ergebnissen zu entnehmen, dass die Verteilung der Vogelarten im Längsverlauf der Ammer in Abhängigikeit von möglichen Störquellen kartiert wurde.

  
BEWERTUNGSMETHODEN, KRITERIEN

Raumnutzung und Bruterfolg

  
KONTROLLZUSTAND, AUSGANGSLAGE

Jahreszeitliche Nutzung


  • Kanusportaktivitäten konzentrieren sich auf Mai und Juni, wenn relativ hohe Abflüsse vorherrschen und deshalb die Attraktivität der Ammer für Wildwasserfahrer höher ist. Aber auch im Verlauf des Sommers können hohe Bootszahlen erreicht werden.
  • Eine Nutzung konzentriert sich auf Wochenenden und Feiertage, Werktage werden weniger intensiv genutzt.
  • Die Nutzungsintensität ist stark witterungsabhängig. An niederschlagsreichen Tagen ist die Zahl der Kanuten auf der Ammer deutlich reduziert.
  • Es werden drei Nutzungsabschnitte an der Ammer definiert: A: die oberhalb des Kammerls liegenden Abschnitte von Halbammer und Ammer (geringe Wasserführung, nur selten von Kanuten genutzt); B: Kammerls - Rottenbucher Mühle (Wildwasser geringer bis mittlerer Schwierigkeit); C. Rottenbucher Brücke - Böblinger Brücke (leicht befahrbar). "Die Nutzungsintensität ist in Abschnitt B deutlich höher. Dies ist auf die höhere landschaftliche Attraktivität und Wildwasserschwierigkeit zurückzuführen. Die Masse der Bootsfahrer, die am Kammerl starten, befahren nur diesen Abschnitt bis zur Rottenbucher Brücke. Die meisten Kanuten, die Abschnitt C befahren, setzen erst an der Rottenbucher Brücke ein.
  • Es erfolgten Zählungen an Wochenenden und Feiertagen, da dann die Bootszahlen und die daraus resultierenden Konflikte am größten sind. An sechs Zähltagen in Abschnitt B wurden 1996 zusammen 617 Boote gezählt. Das Maximum wurde mit 221 Booten am 16.5. (Christi Himmelfahrt) ermittelt. An zwei weiteren Tagen (1.5., 14.7.) konnten mehr als 100 Boote gezählt werden. An einigen erfahrungsgemäß besonders stark von Booten frequentierten Tagen, z. B. Pfingsten, fanden 1996 wegen schlechter Witterung keine systematischen Zählungen statt. An 10 weiteren Tagen wurden im Rahmen unsystematischer Beobachtungen 164 weitere Boote gezählt, die allerdings nur einen geringen Teil der tatsächlichen Zahl umfaßten. In Abschnitt C wurden an sechs Zähltagen 188 Boote gezählt. Hier trat das Maximum mit 60 Booten am 6.6.1996 auf. An neun weiteren Tagen wurden im Rahmen unsystematischer Beobachtungen 107 weitere Boote beobachtet. Im Vergleich zu 1995 befuhren 1996 mehr Boote Abschnitt C. [...] Es ist davon auszugehen, dass 1996 aufgrund ungünstiger Witterung an Wochenenden und Feiertagen der Bootsverkehr relativ gering war und besonders an den Juni- und Juliwochenenden aufgrund der Witterung nicht das Ausmaß der Vorjahre erreichte. Während 1994 am 1.7. insgesamt 45 und am 2.7. insgesamt 112 Boote in Abschnitt B gezählt wurden (LANDESBUND FÜR VOGELSCHUTZ 1994), existieren Angaben von Fischereiverbänden von 600 Booten an einigen Wochenenden (HELLBERG 1990).
  • Tagessummen von über 300 Booten sind an der Ammer bei günstigen Witterungs- und Wasserstandsbedingungen an Wochenenden bzw. Feiertagen möglich. Tagessummen von mehr als 100 Booten dürften in der Regel an mehr als nur drei Tagen im Jahr (wie 1996) auftreten. Die mit Abstand größten Konzentrationen traten im Bereich Kammerl / Scheibum auf. Dort stauten sich, aufgrund der Schwierigkeit einiger Kurzpassagen, die Boote. Es wurde sehr häufig angelandet, um entweder die markanten Punkte vom Ufer aus zu inspizieren oder nach Kenterung das Boot auszuleeren. Weiter flussab verteilten sich die Kanuten, bis an den nächsten Kehrwässern oder schwierigen Stellen wieder Konzentrationen auftraten, insbesondere flussauf der Echelsbacher Brücke. An schwierigen Stellen halten sich Kanuten wesentlich länger auf (Besichtigung von Land, Anlanden nach Kentern, Kehrwasserfahren). In Abschnitt C traten Konzentrationen unmittelbar nach der Einsetzstelle an der Brücke bei Rottenbuch auf. Hier liegen an beiden Enden einer Brutinsel des Flussuferläufers Kehrwasserbereiche, die als Übungsstellen dienten. Die Brutinsel wurde 1996 regelmäßig von Kanuten betreten."

Tageszeitliche Nutzung  


  • "Vor 9 Uhr wurden nur sehr wenige Boote beobachtet. Normalerweise starten die meisten Bootsfahrer erst ab 10.30 Uhr. An Tagen mit hohen Bootszahlen werden die Befahrungszeiten jedoch in die späten Morgen- und Abendstunden ausgedehnt. Eine Reihe von Booten kam, aufgrund der späten Startzeit, erst nach 17 Uhr (Ende der genehmigten Befahrungszeit) an den Aussetzstellen an."

Gruppenstärke 


  • "1996 wurden in Abschnitt B 20 Einer-, 22 Zweier-, 21 Dreier, 11 Vierer -, 8 Fünfer-, 7 Sechser- , 8 Siebener- , 4 Achter- , 4 Neuner- , 4 Zehner-, 4 Elfer-, ein Zwölfer-, ein Dreizehner- und eine Fünfzehnergruppe festgestellt; in Abschnitt C 14 Einer-, 20 Zweier-, 9 Dreier-, 3 Vierer-, 2 Fünfer-, 4 Sechser, 3 Siebener, 2 Achter und eine Elfergruppe. Bei den restlichen Booten konnte keine sichere Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe getroffen werden. Große Gruppen von mehr als 4 Booten verhielten sich insgesamt lauter und landeten häufiger an."

Befahrensregeln


  • Es darf nur ab einem Pegelstand von 44 cm (Pegel Oberammergau) gefahren werden. Da dieser Pegel zwischen Mai und Ende Juli aber nur sehr selten unterschritten wird, hat die Reglung kaum eine lenkende Wirkung zur Vermeidung von störungsbedingten Verlusten von Jungvögeln. Erst ab Anfang August treten Pegelunterschreitungen mit zunehmender Häufigkeit auf.
  • Weiterhin gilt, dass vor dem 1. Mai nicht gefahren werden darf, was von einzelnen Kanunutzern jedoch ignoriert wird, und dass nur zwischen 9 und 17 Uhr gefahren werden darf, eine Regelung, die ebenfalls nicht eingehalten wird (s.o.).
  • Das nur in Notfällen zulässige Anlanden (abseits der vorgesehenen Ein- und Aussetzstellen) wird regelmäßig ignoriert. Nicht Notfall-bedingte Anlandungen wurden 1996 an 60 von 74 potenziellen Brutplätzen des Flussuferläufers festgestellt. Bei zwei Kontrollstellen landeten 1996 22% (Notfälle (Kentern): 4%) bzw. 16% (Notfälle <1%) aller boote an.

Ergebnisse

TIERART UND ART DER BEEINTRÄCHTIGUNG / AUSWIRKUNG 

Flussuferläufer (Actitis hypoleucos)

  • Verlagerung von Revieren / Revierverluste: 24 Brutpaare des Flussuferläufers gründeten / nutzten im Lauf der Brutperiode 31 Reviere; die Aufgabe und Neugründung von Revieren wird auf Störungen in der Phase der Revierbesetzung zurückgeführt, denen die Brutpaare auszuweichen versuchten. "Durch längeren Aufenthalt von Personen in, für den Flussuferläufer, geeigneten Flussabschnitten kann eine Ansiedlung in strukturell geeigneten Flussabschnitten von vornherein verhindert werden oder Reviere vor Beginn der Brut verlassen werden. Die Ursachen waren in je drei Fällen Fußgänger, bzw. Kanufahrer, in einem Fall Angler. Bei zwei Fällen ist die Ursache unbekannt." Sind Kiesbänke vom Land aus erreichbar und in der Nähe von Fußwegen, stellen "Fußgänger" die Hauptgefahr für Brutverluste dar. Bei den von der Landseite her nicht oder nur schwer zugänglichen Bereichen sind es vor allem Kanusportler, sonstige Bootsfahrer und Angler. (Kajakfahrer passieren 60 der potenziellen Brutplätze des Flussuferläufers. Gravierende Konflikte wurden an 22 pot. Brutplätzen registriert (S. 105)). Diesen anthropogen bedingten Verlusten stehen fünf natürlich bedingte Verluste durch Hochwasser und einer durch natürliche Feinde gegenüber. In drei Fällen blieben die Ursachen unbekannt.
  • Bruterfolg: 1996 wurden 31 Reviergründungen von 24 Paaren nachgewiesen. 21 Paare begannen zu brüten (Brutpaare), bei 17 wurden Jungvögel festgestellt, bei mindestens 11 Paaren auch flügge Junge. Im Vergleich zu 1995 ergibt sich, dass die Anzahl der Paare sich um drei Paare reduziert hatte, jedoch war die Brutpaarzahl mit 21 gleichgeblieben. 12 Paare brüteten 1995 erfolgreich, 1996 nahm die Zahl erfolgreicher Brutpaare auf 17 zu. "Die Zunahme des Bruterfolges ist zumindest teilweise auf die erlassene Allgemeinverfügung der Landratsämter Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen zurückzuführen." (In den Verfügungen wurde das Betreten von 12 Uferbereichen und Inseln in für Flussuferläufer sensiblen Flussabschnitten geregelt und eingeschränkt.)
  • Brutverluste: In acht Fällen wurden begonnene Bruten aufgegeben. Ursachen waren bei fünf Gelegen ein Ausnahme-Hochwasser (28.5.1996), bei je einem Gelege natürliche Feinde und eine Störung durch Fußgänger bzw. Kanufahrer. In einem Fall ist die Ursache unbekannt. Verluste von Erstgelegen können bis etwa Anfang Juni durch Nachgelege ausgeglichen werden. Diese sind für den Bruterfolg und damit für die Sicherung der regionalen Population von hoher Bedeutung. Während 1995 bei elf aufgegebenen Bruten lediglich zwei Nachgelege erfolgreich ausgebrütet wurden, waren 1996 bei fünf aufgegebenen Erstgelegen vier Nachgelege zu verzeichnen, von denen nur eines erfolgreich war. "Dies ist vor allem auf die, im Jahresverlauf zunehmend stärkeren, Störungen durch die Freizeitnutzung zurückzuführen. Insbesondere ab Mitte Juni nimmt der Freizeitbetrieb erheblich zu (Grillen, Sonnenbaden etc.). Ab Mitte Juli treten zudem gelegentlich Sommerhochwasserereignisse auf. Durch beide Faktoren wird der Erfolg von Nachgelegen an der Ammer erheblich beeinflusst."
  • Reaktion auf sich nähernde Boote, Angelfischer und Fußgänger: Am empfindlichsten reagieren die Tiere zur Zeit der Revierbesetzung, etwa im Zeitraum von Mitte April bis Ende Mai, wenn noch keine Eier gelegt wurden. Während der Brutzeit ist es entscheidend, dass die Brutbereiche nicht betreten werden, da sonst das Nest verlassen wird und die Eier auskühlen. Die geschlüpften Jungen werden insbesondere in den ersten Tagen häufig gehudert (durch die Altvögel gewärmt), so dass auch Störungen während der Aufzucht problematisch sind. Entscheidend sind die Entfernungen, die zu den Brutplätzen eingehalten werden und insbesondere, ob die Brutbereiche (Inseln, Ufer) betreten werden. Einzelne Störungen können bereits zur Aufgabe von Revieren oder Gelegen führen. Besonders kritisch sind aber häufige oder länger andauernde Störungen, z.B. durch hohe Bootszahlen, Lagern auf Kiesbänken, Anlanden oder Angelfischerei an der gleichen Stelle, aus welcher Richtung sie erfolgt und ob sie "vorhersehbar" ist: Wenn die Tiere das Herannahen schon aus größerer Entfernung bemerken können, regieren sie weniger empfindlich. Dies ist bei Booten, wahrscheinlich auch Anglern der Fall, da sie entlang des Flusses schon auf größere Entfernung bemerkt werden. Fußgänger erscheinen hingegen meist "plötzlich" von den Uferwegen aus auf den Kiesbänken, was Fluchtreaktionen auslöst. Wenn einzelne Kanuten zügig und ohne zu lärmen vorbeifahren erfolgt in der Regel keine Flucht.
  • Befahrung des Flusses in Großgruppen, Lärmen: "In den Untersuchungen durch WERTH (1995) konnte ein Zusammenhang zwischen dem Verhalten der Bootsfahrer und der Reaktion des Flussuferläufers festgestellt werden: Lärmten Bootsfahrer, flogen die Tiere in fast 80 % der Fälle ab, in 20 % wichen sie laufend aus. Bei ruhig vorbeifahrenden Booten blieben die Vögel hingegen öfter sitzen oder stehen. Lärmende Bootsfahrer wurden vor allem in größeren Gruppen festgestellt. Hielten die Boote an, flogen in fast 80 % der beobachteten Fälle die Flussuferläufer ab, in 12 % blieben sie stehen, in 8 % wichen sie aus (WERTH 1995)."
  • Fluchtreaktionen: "Die meisten Fluchtreaktionen gegenüber ruhig passierenden Bootsfahrern traten erst in kürzeren Entfernungen von 5 -10 m auf. Auch in Entfernungen von weniger als 10 m können Vögel stehen bleiben oder laufend ausweichen. Bei anlandenden oder lärmenden Booten hingegen war die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Vögel schon auf Distanzen ab 25 m mit Flucht reagierten. Neben den offensichtlichen Verhaltensweisen wie weglaufen oder wegfliegen, kann auch die Atemfrequenz als Indikator für das Ausmaß von Störungen herangezogen werden. Diese ist bei sitzenden Vögeln bei Beobachtung durch ein Fernrohr meßbar. Entsprechende Untersuchungen erfolgten bei einem Brutpaar, aus einem für die Vögel nicht wahrnehmbaren, getarnten Versteck. Aus diesen Detailbeobachtungen und weiteren Verhaltensbeobachtungen bei verschiedenen Brutpaaren wurden folgende Ergebnisse erzielt: Auf die ersten passierenden Boote am Tag reagierte der Brüter zunächst mit Beschleunigung der Atemfrequenz, die dann, trotz Anstieg der Bootsfrequenz abnahm. Hieraus kann geschlossen werden, dass sich brütende Flussuferläufer an einzelne, ruhig passierende Boote im Tagesverlauf gewöhnen können. Einzelne, ruhig passierende Bootsfahrer stellten für den brütenden Vogel keine erheblichen Störungen dar. Derartige Reizsituationen bewirkten in keinem Fall ein Verlassen des Geleges. Bei Lärmen (Schreien oder Paddelschlag gegen Stein) oder Anlanden nahm die Atemfrequenz wieder zu, der Vogel verließ dann das Nest. Dies ist als erhebliche Störung zu werten. Wenn ein Bootsfahrer ausstieg und die Kiesbank betrat, verließ der Vogel sofort das Nest. Dieses wurde erst wieder aufgesucht, wenn keine Boote mehr passierten. Das Gelege kann dann bei hohen Bootszahlen lange unbesetzt bleiben, auskühlen und absterben. Es wurde beobachtet, dass das Gelege bis zu zwei Stunden unbebrütet blieb. Durch eine solch erhebliche Störung wurde ein Nachgelege aufgegeben. Wenn erhebliche Störungen zunahmen, verließ der Brüter immer früher das Nest. Während der Aufzucht stießen die Altvögel auf einzelne, passierende Boote schon nach wenigen Tagen keine Warnrufe mehr aus, es zeigte sich also ein Gewöhnungseffekt. Anhaltende, lärmende oder aussteigende Bootsfahrer bewirkten heftige Warnrufe der Altvögel.
  • Fußgänger: Gegenüber Fußgängern reagieren Flussuferläufer (und Gänsesäger) deutlich empfindlicher als gegenüber Kanufahrern. Fluchtreaktionen, überwiegend Wegfliegen, erfolgen schon ab Entfernungen von 50 m. Das Ausmaß von Störwirkungen auf den Flussuferläufer durch Fußgänger hing stark davon ab, ob Kiesbänke direkt betreten wurden. Das Gelege wurde erst wieder besetzt, wenn die Fußgänger den weiteren Bereich um die Brutkiesbank verlassen hatten und gleichzeitig keine Boote passierten. Es wurde beobachtet, dass das Gelege hierdurch bis zu einer Stunde unbebrütet blieb. Beobachtungen im Oberallgäu zeigten, dass sich Flussuferläufer an Fußgänger "gewöhnten", wenn diese auf den Uferwegen blieben und die Brutkiesbank nicht betraten (WERTH 1990). Dies war allerdings 1996 im Untersuchungsgebiet trotz der erlassenen Verordnung in vielen Fällen nicht gewährleistet: In 8 von 10 Flussabschnitten mit Betretungsregelung wurden potenzielle Brutplätze des Flussuferläufers trotz Verbot regelmäßig betreten. Hiervon waren 28 potenzielle Brutplätze innerhalb sowie 20 außerhalb des Bereichs der Allgemeinverfügung betroffen. Zusätzliche Konflikte mit Fußgängern ergaben sich 1996 im Vergleich zu 1995 im Bereich der Halbammer, zwischen Kammerl und Schindelwiesgraben, nordwestlich von Böbing (2 Bereiche), flussab des Peitinger Wehres, westlich von Böbing und im Bereich des Ammerstüberls nahe Peißenberg. 1996 waren drei Revierverluste und ein Brutverlust auf Störungen infolge des Betretens von Kiesbänken zurückzuführen. Darüber hinaus wurden in vielen weiteren Bereichen Verstöße gegen die Betretungsregelung festgestellt. Fischerei als Störfaktor für gewässergebundene Vogelarten: An der Ammer startet die Fischsaison etwa Anfang Mai, also nach Ankunft, aber vor dem Brutbeginn der meisten Flussuferläufer. In dieser Phase der Revierbesetzung reagieren Flussuferläufer am empfindlichsten gegenüber Störreizen. Wenn sich in dieser Zeit Angler im Bereich von potenziellen Brutplätzen aufhalten, kann eine Ansiedlung verhindert werden. Dies wurde an den Altenauer Ammerschleifen nachgewiesen. Weitere Störungen treten auf, wenn Angler sich im Zeitraum vom 15.4. -15.7 im Bereich von Gelegen bzw. jungeführenden Tieren gewässergebundener Vogelarten (Flussuferläufer, Gänsesäger, Wasseramsel) aufhalten. Es wurde beobachtet, dass Flussuferläufer aufgrund von Störungen durch Angelfischer bis zu 22 Minuten das Gelege verließen. Fischer traten verhältnismäßig seltener als Fußgänger oder Kajakfahrer auf. Sie hielten sich aber auch auf, für Fußgänger unzugänglichen, Kiesbänken auf und können hier zu zusätzlichen Konflikten führen. Die angelfischereiliche Nutzung ist nicht auf feste Stellen beschränkt. Angelfischer laufen ganze Flussstrecken ab, wobei sie auch Brutplätze des Flussuferläufers betreten. Dies wurde an 13 potenziellen Brutplätzen festgestellt. Manchmal liefen sie nur äußerst knapp an Flussuferläufergelegen vorbei. Problematisch ist insbesondere längeres Verweilen und die Menge der Angler. Dennoch waren die nachweisbaren Auswirkungen auf den Flussuferläufer relativ gering. Nachweislich wurde durch eine häufige angelfischereiliche Nutzung im Bereich der Altenauer Ammerschleifen nur die dauerhafte Ansiedlung und Brut eines hier beobachteten Paares verhindert.

Wasseramsel (Cinclus cinclus)

Die ersten Bruten werden an der Ammer normalerweise im März, und somit gut zwei Monate vor dem Einsetzen stärkeren Bootsbetriebes bzw. Nutzung durch Fischer und Fußgänger begonnen. "Zur Zeit des Nestbaus sind Wasseramseln damit nur sehr geringen Störungen ausgesetzt und können den gesamten Flussbereich weitgehend ohne Einschränkung nutzen. Hierdurch kommt es vor, dass Nester in Bereichen angelegt wurden, die später stark durch Erholungssuchende frequentiert wurden. Viele Reviere lagen in Kehrwasserbereichen. Da sich hier Kanufahrer länger aufhielten, kam es zu Störungen (vgl. WERTH 1996)." (Anmerkung des Referenten: Diese werden jedoch nicht detailliert.)

Gänsesäger (Mergus merganser)

Nach Einstellung der Jagd im Jahre 1973 hat sich der Bestand des Gänsesägers in Bayern deutlich erhöht. Auch nahm die Scheu der Tiere vor Menschen ab, so dass auch stärker von Menschen genutzte Bereiche genutzt werden (u.a. Bruten in Gebäuden [Mauerhöhlen]). 


  • Störungen zum Zeitpunkt der Revierbesetzung: "1996 wurden nach dem offiziellen Befahrungsbeginn am 1.5. zwischen Kammerl und Peißenberg keine Gelegebeginne von Gänsesägern mehr festgestellt. Dies deutet darauf hin, dass hier Paare zur Zeit der Balz vom Bootsverkehr empfindlich gestört wurden und gar nicht erst zu brüten begannen. In den Ammerschleifen, wo kein Bootsverkehr stattfindet, wurden hingegen späte Legebeginne verzeichnet. 1995 galt dieser Zusammenhang nur für den besonders von Booten frequentierten Bereich Kammerl bis Rottenbucher Brücke. 1996 war der Abschnitt abwärts der Rottenbucher Brücke einem stärkeren Bootsbetrieb ausgesetzt." (S. 107) Während der Brutperiode wurden keine (erheblichen) Störungen am Gänsesäger festgestellt, da die Zeit der Revierbesetzung an Fließgewässern des Voralpenraums Anfang bis Mitte März in eine Zeit fällt, in der erholungsbedingte Störungen nicht oder kaum auftreten. Jedoch kann die Reviergründungsphase bzw. Balz an der Ammer auch in den April fallen (1996), was jedoch offensichtlich ebenfalls nicht zu Störungen führte (vgl. aber oben für die Periode ab Mai) und die Bruthöhlen in den angrenzenden Wäldern liegen, die kaum Störungen ausgesetzt sind. "Nur das Weibchen, das die Höhle in bestimmten Abständen zur Nahrungssuche verläßt, unterliegt Störungen."
  • Auswirkungen des Kanusportes auf die Fitness / Jungenmortalität: Offensichtlich kommt es jedoch nach dem Schlüpfen der Jungen zu erheblichen Auswirkungen auf den Brutbestand des Gänsesägers an der Ammer: 1995 wurden 8 Einzeltiere und 11 Paare beobachtet, wobei 6 Weibchen insgesamt 33 Junge führten. 1996 wurden nur 6 Brutpaare mit insgesamt 47 Jungvögeln gezählt. Hiervon konnten am letzten Untersuchungstag nur noch 6 Jungvögel gesehen werden. "Die starken Verluste sind, neben möglichen Einflüssen von Hochwasser und Feinden, auf fortwährende Störungen durch Boote und stellenweise auf Fußgänger zurückzuführen. Diese führen zu einer Trennung von Weibchen und Jungvögeln und damit zu einer hohen Sterblichkeit der Jungvögel. Quantitative Angaben zu den Einflußfaktoren auf die Jungensterblichkeit können nicht gemacht werden."
  • Reaktion bei Störreizen: "Bei Störungen versuchten die Tiere zunächst durch Ausweichen, z. B. auf Kiesbänke, den Störungen zu entgehen. Spätestens bei der ersten größeren Bootsgruppe flogen die Vögel aber davon. Nach Beginn des Bootsverkehrs 1995 erhöhte sich die, durch Störungen bedingte, Flugaktivität von Gänsesägern erheblich. Gänsesäger sind vermutlich noch mehr von Störungen durch Boote betroffen als Flussuferläufer."

 

BEMERKUNGEN

Die Ammerschlucht zwischen Altenau und Peißenberg ist ein für Erholung, Arten- und Biotopschutz sehr wertvolles Gebiet. Ausgelöst durch Konflikte zwischen Kanusport, Angelfischerei und Naturschutz beschloß der Bayerische Landtag am 14.7.1994 die Erstellung eines Gesamtkonzeptes. Ziel war


  • alle nachteiligen Erholungs- und Nutzungsbetätigungen entsprechend ihrem Störpotenzial für den Naturhaushalt zu beschränken bzw. zuregeln.
  • zur Unterstützung der getroffenen Regelungen entsprechende Maßnahmen durchzuführen (z. B. verbesserte Wegeführung, Informationen der Besucher vor Ort und verstärkte Überwachung).
  • die bestehenden Naturschutzgebietsverordnungen im Hinblick auf den möglichen Erlaß einer Gesamt-Naturschutzgebietsverordnung räumlich und inhaltlich zu überprüfen.
  • die zum Schutz der Ammer und ihrer Ufer sofort nötigen Ge- und Verbote durch Verordnungen nach Art. 26 Bayer. Naturschutzgesetz und Art. 22 Bayer. Wassergesetz zu erlassen.
  • vor Erlaß einer umfassenden Naturschutzgebietsverordnung für das Ammertal Ge- und Verbote auf ihre Wirksamkeit zu prüfen und mit Erlaß der Verordnung zu ergänzen und gegebenenfalls zu verschärfen."