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Weißwangengans


Weißwangengänse © Manfred Nieveler, piclease
Foto: Weißwangengänse © Manfred Nieveler, piclease

Weißwangengans (Branta leucopsis)
Andere bekannte Namen: Nonnengans
Rote Liste Deutschland 2007: Die Art ist derzeit nicht gefährdet.

In den 1930er und 1940er Jahren gingen die Bestände der Weißwangengänse stark zurück. Die wirtschaftliche Not der Menschen in Nordeuropa und Sibirien zu Beginn der 1930er Jahre führte zu einer rücksichtslosen Ausbeutung der Gänsebestände durch Jagd, Fang von mausernden Vögeln und Eiersammeln. In den 1950er Jahren brach der Bestand zusammen.

Der Rückgang der Jagd und ein besserer Schutz dieser Vögel sowohl im Brutgebiet als auch in den Überwinterungsgebieten, förderten eine langsame Bestandserholung. Die nordeuropäisch-nordwestsibirische Population benötigte insgesamt 25 Jahre, um ihren Bestand wieder zu verdoppeln. Im Frühjahr 1995 konnten im dänisch-deutsch-niederländischen Wattenmeer 200.000 Überwinterer gezählt werden. Mit der Ausbreitung Richtung Westen entstanden neue Brutkolonien in der mittleren und südlichen Ostsee, seit den 1990er Jahren auch in Großbritannien und in Schleswig-Holstein. In Deutschland brüten etwa 410 bis 470 Paare (Sudholdt et al. 2013).

Lebensraum von Weißwangengänsen

Weißwangengänse bewohnen die arktische Taiga und Tundra. Sie sind nicht in allen arktischen Gebieten rund um den Nordpol verbreitet, sondern kommen in drei voneinander geografisch getrennten Populationen vor: Grönland, Spitzbergen und im nordeuropäisch-nordwestsibirischen Verbreitungsgebiet.

Die 10 Populationen, die im Bereich der Barentsee leben, haben ihren Lebensraum in den letzten Jahren nach Westen und Süden ausgeweitet. So besiedelten sie die Inseln Gotland und Öland vor der schwedischen Küste und die Insel Saaremaa vor der estnischen Küste. Sie brüten dort in Kolonien auf felsigen Inseln, an der Küste und an großen Flüssen bis weit ins Binnenland hinein. Weißwangengänse legen ihr Nest auf Felsklippen, Felsbändern oder Felsvorsprüngen von Steilhängen an. Sie brüten auch in Möwenkolonien, oft zusammen mit Bless- und Saatgänsen.

Die Nahrungs- und Aufzuchtsgebiete befinden sich meist weiter im Binnenland, vor allem in Gebieten mit dichter Vegetation. In ihrem Winterquartier, der Nordseeküste, suchen Weißwangengänse vor allem Salzwiesen,  Weiden, Wintergetreideschläge und Futtergraswiesen auf, um sich Nahrung zu beschaffen. Das nötige Süßwasser finden sie an geeigneten Stellen im Binnenland.

In den letzten Jahren bleiben einzelne Weißwangengänse immer wieder das ganze Jahr über in Mittel- und Westeuropa und ziehen nicht in ihre Brutgebiete zurück.

Gefährdung von Weißwangengänsen

Weißwangengänse wurden in der Vergangenheit stark dezimiert. Sie wurden gejagt, ihre Eier wurden eingesammelt und flugunfähige, mausernde Vögel eingefangen. Seit sich die Bestände wieder erholen, verursachen Weißwangengänse zunehmend Fraßschäden an landwirtschaftlichen Kulturen. Der daraus entstehende Interessenskonflikt zwischen Artenschutz und Landwirtschaft kann durch einen finanziellen Ausgleich für die geschädigten Landwirte gelöst werden. Häufige Störungen z.B. durch Spaziergänger, erhöhen den Energiebedarf.

Schneestürme, Frosteinbrüche und andauernder Regen können in den kurzen, arktischen Sommern Brut und Jungvögel gefährden.

Schutz von Weißwangengänsen

Um Weißwangengänse grundlegend zu schützen, müssen großräumige Schutzgebiete im Brut- und Überwinterungsgebiet eingerichtet und die Jagd auf sie verboten werden. Die Landgewinnung an der Nordsee mit der Zunahme von Salzwiesen bzw. einer insgesamt verbesserten Nahrungsgrundlage an den Küsten unterstützen die Bestandserholung.

Ganz wichtig ist die ungestörte Nahrungsaufnahme in den Überwinterungsgebieten. Die Weißwangengänse müssen sich für den Heimflug und die Brutzeit ausreichend Reserven anfressen. Häufige Störungen im Überwinterungsgebiet können dies verhindern und müssen vermieden werden.

Biologie der Weißwangengans

Systematik

Ordnung: Anseriformes (Entenvögel)
Familie: Anatidae (Entenvögel)
Unterfamilie: Anserinae (Gänse, Schwäne)

Aussehen

Die Weißwangengans ist größer als die  Ringel- und kleiner als die Kanadagans. Durch ihren dicken, kurzen Hals, ihren gerundeten Kopf und den kleinen, schwarzen Schnabel wirkt sie sehr kompakt. Hals und Brust sind schwarz. Der Kopf ist bis auf Scheitel, Hinterkopf und einen schwarzen Streifen, der sich von der Schnabelwurzel bis zum Auge hin zieht, weiß gefärbt, oftmals mit einem leichten Gelbstich. Da ihre Kopfzeichnung schwarz-weiß ist, wurde die Weißwangengans früher auch „Nonnengans“ genannt. Die schwarze Augenregion ist sehr verschieden gezeichnet und kann auch ganz fehlen. Die Unterseite der Weißwangengans ist leuchtend silbrig weiß und scharf gegen die schwarze Brust abgesetzt. Ihre Flanken sind schwach grau gebändert. Auf der Oberseite verlaufen in Querrichtung deutliche schwarz-weiße Bänder. Auch der schwarze Schwanz hebt sich deutlich von den weißen Oberschwanzdeckfedern ab. Die Füße der Weißwangengans sind schwarz, die Iris braun gefärbt.

Fortpflanzung

Wie andere Gänsearten auch werden Weißwangengänse erst im 3. Lebensjahr geschlechtsreif. Die Paare finden sich bereits im 1. oder 2. Lebensjahr und sind sich ihr Leben lang treu.

Das Nest ist eine einfache, flache Mulde, die schnell fertiggestellt ist und mit Daunen ausgelegt wird. Das Weibchen bleibt, während sie 24 – 28 Tage lang brütet, durchgehend im Nest und gibt dort auch Kot ab, so dass sich ein regelrechter „Kotkranz“ um das Nest bildet. Durch diese Düngung kann sich eine üppige Vegetation um das Nest herum entwickeln.

Die Weißwangengans beginnt die 4 – 5, selten auch mehr Eier Ende Mai/Anfang Juni zu legen und alleine auszubrüten. Wenn die Jungen geschlüpft sind, kümmern sich beide Elterntiere um sie. Nach 40 – 45 Tagen sind sie flugfähig. Mehrere Familien ziehen ihre Jungen gemeinsam auf und bleiben auch während des Zuges und in den Überwinterungsgebieten zusammen. Da der Sommer in der Arktis sehr kurz ist, brüten Weißwangengänse nur einmal im Jahr. Die Gänsepaare kehren gerne an einen erfolgreichen Brutplatz des Vorjahres zurück.

Nahrung

Weißwangengänse ernähren sich überwiegend an Land. In ihrem Brutgebiet fressen sie arktische Kräuter, Gräser, Flechten und Moose. Im Überwinterungsgebiet passen sie sich dem jeweils verschiedenen Nahrungsangebot an.

Natürliche Feinde

In der Arktis erbeuten Polarfuchs, Schneeeule,  Möwen und große Greife wie der  Seeadler die Eier und vor allem die Jungvögel der Weißwangengans. Es kommt vor, dass die Jungvögel aus den Felsklippennestern ins Meer stürzen. Dort werden sie verletzt oder bereits tot von Möwen gefressen.

Verhalten

Die Weißwangengans ist überwiegend tagaktiv. Geeignete Brutfelsen, Nahrungsgebiete, Süßwasser-Trinkplätze sowie Schlaf- und Ruheplätze auf Sandbänken oder an flachen Küsten sollten in ihrem Lebensraum idealerweise nebeneinander liegen. Manchmal nehmen die Vögel aber auch einige Kilometer Weg in Kauf.

Die Weißwangengans ist fast das ganze Jahr über gesellig. Sie brütet in Kolonien, in denen mehrere Familien ihre Jungen gemeinsam aufziehen. Nichtbrüter schließen sich zu so genannten „Mausertrupps“ zusammen.

Weißwangengänse bilden auf dem Zug größere Schwärme. Die drei Populationen (vgl. Verbreitung) wandern auf verschiedenen Routen und überwintern getrennt voneinander in verschiedenen Gebieten. Die Tiere der ostgrönländischen Population verbringen den Winter auf den Britischen Inseln in Irland und Westschottland, Weißwangengänse von Spitzbergen ziehen nach Schottland und England. Vögel, die auf der Halbinsel Novaja Semlja brüten, ziehen über die Ostsee hinweg bis an die niederländischen und deutschen Nordseeküsten. Hier verbringen sie den Winter von Oktober bis Mai auf küstennahen Wiesen und Feldern. Bereits ab Ende Februar beginnt der Heimzug der im Wattenmeer überwinternden Tiere. Sie sammeln sich an der östlichen Wattenmeerküste und verlassen diese spätestens gegen Ende April. Weißwangengänse fliegen wie die Ringelgänse, in unregelmäßigen, U-förmigen Bändern. Sie sind sehr ruffreudig und schreien schrill „kak“.

In Gefangenschaft gehaltene Weißwangengänse können ein hohes Alter von über 30 Jahren erreichen. Immer wieder entweichen Tiere aus der Gefangenschaft und sind dann an Gewässern tief im Binnenland zu beobachten.

Konfliktlösungen

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