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Graugans


Graugänse beim Grasen © Erich Thielscher, piclease
Foto: Graugänse beim Grasen © Erich Thielscher, piclease

Graugans (Anser anser)
Andere bekannte Namen: Wild-, März-, Wald-, Heck- und Hagelgans
Rote Liste Deutschland 2007: Die Art ist derzeit nicht gefährdet.

Die Graugans ist die häufigste und am weitesten verbreitete graue Gans in Deutschland und die einzige Gänseart, die sowohl in Mittel- als auch in Südeuropa vorkommt. Sie ist die Stammform der Hausgans und wurde in manchen Gebieten ausgewildert. Sie hat sich in unserer Kulturlandschaft ausgebreitet, begünstigt durch die aktive Ansiedelung und dem teilweise abnehmendem Jagddruck. Zudem hat sich das Nahrungsangebot gebessert, weil durch vermehrten Nährstoffeintrag in die Gewässer (Eutrophierung) ein stärkeres Pflanzenwachstum gefördert wurde.

Seit Beginn der 1970er Jahre ist der europäische Bestand der Graugänse auf 120.000 – 190.000 Brutpaare gestiegen. Das Brutgebiet hat sich nach West- und Südeuropa ausgedehnt und innerhalb des bereits bewohnten Gebiets haben sich neue Tiere angesiedelt. In Mitteleuropa brüten etwa 25.000 – 35.000 Brutpaare (Bauer et al. 2005). Parallel zum Brutbestand hat auch die Zahl der Nichtbrüter sowie der kleinen, lokalen Sammelplätze zugenommen.

Verbreitungsschwerpunkte der Graugans in Deutschland liegen in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und in Teilen Sachsens (Lausitz). Auch die übrigen Bestände, wie am Dümmer in Niedersachsen, entwickeln sich positiv. Die meisten Brutplätze, Sammel- und Rastgebiete der Graugänse in Deutschland befindet sich in Schutzgebieten. Der derzeitige Gesamtbestand in Deutschland liegt bei 26.000 bis 37.000 Brutpaaren (Sudholdt et al. 2013).

Lebensraum von Graugänsen

Verbreitung

Die Graugans lebt in Island, Großbritannien, Holland, entlang der Küsten Norwegens, in Südschweden, im Ostseeraum sowie an der Nordseeküste bis weit ins Binnenland der Niederungsgebiete Deutschlands und Polens. Vereinzelt kommt sie in Südosteuropa bis nach Griechenland vor. Ihre Verbreitungsschwerpunkte liegen jedoch in den Niederungsgebieten der gemäßigten und nördlichen Breiten Ost- und Nordosteuropas. Die Vorkommen in den gemäßigten Breiten Westeuropas westlich der Elbe entstanden mit Unterstützung von Ansiedelungsversuchen erst seit 1960. Auch außerhalb Europas setzt sich das Brutgebiet der Graugänse in Mittelasien bis zum Stillen Ozean fort.

Feuchtgebiet, Uferbiotope

Die Graugans brütet in verschiedenen, weiträumigen  Feuchtgebieten, die meist nährstoffreich und frei von Bäumen und Sträuchern sind. Dazu gehören Inseln oder  Schilfgürtel großer  Seen, Küstenlagunen, Mündungsgebiete großer  Flüsse, Altwässer,  Auwälder,  Sümpfe, Moore, Waldseen, Feuchtwiesen mit Überschwemmungszonen und sogar Parkteiche.  Binnengewässer werden gegenüber Küstengewässern deutlich bevorzugt. Die Graugans braucht einen ungestörten Lebensraum mit guter Deckung durch große Schilf- oder Binsenflächen, größeren freien Wasserflächen, bewachsenen  Ufern und angrenzendem  Wiesen oder Weidegrünland. Sie brütet auch auf größeren Inseln im Meer, die weit vom Festland entfernt sind.

Gefährdung von Graugänsen

Jagd

Eine der größten Gefährdungsursachen ist die Jagd auf Vögel, die während der Mauser kaum fliegen können. Auch bei der Jagd auf größere Grauganstrupps in den Überwinterungsgebieten können die Populationen stark dezimiert werden. In Deutschland unterliegt die Graugans dem Jagdrecht und darf im August und in der Zeit von November bis zum 15. Januar bejagt werden.

Zerstörung des Lebensraumes

Lebensraumverluste entstehen durch Beeinträchtigungen der  Gewässer, sowohl durch die Verschlechterung der Wasserqualität als auch durch die Veränderung der Gewässerstruktur. Auch durch Veränderungen des Nahrungsangebotes in der Kulturlandschaft, beispielsweise durch die Intensivierung der Landwirtschaft sowie eine starke Freizeitnutzung an Brutgewässern gehen den Graugänsen wichtige Lebensräume verloren

Partnerwahl

Vom Menschen angesiedelte Graugänse verhalten sich im Vergleich zu ihren „wilden“ Artgenossen gegenüber Menschen deutlich weniger scheu. Sie sind meist standorttreu und neigen dazu, sich mit Hausgänsen und anderen Gänsearten, z.B. Kanadagänsen zu kreuzen, was die Erhaltung der Art beeinträchtigt.

Krankheit, Eiersammeln

Bakterielle Erkrankungen oder durch Parasiten verursachte Schwächungen der Vögel spielen als Gefährdungsursachen nur eine geringe Rolle.
Vor allem in Nordeuropa und in den osteuropäischen Gebieten werden Grauganseier in erheblichen Umfang gesammelt und gegessen.

Schutz von Graugänsen

Die Lebensräume der Graugänse müssen erhalten werden. Weniger optimale  Gewässer können durch die Pflege und Entwicklung von  Röhrichten und gewässernahen  Wiesen sowie durch die Verbesserung der Wasserqualität aufgewertet werden.

Die bedeutendsten Brut-, Sammel-, Rast- und Überwinterungsgebiete der Graugans sollten unter Schutz gestellt werden. In diesen Gebieten muss die Freizeitnutzung streng reglementiert und die Jagd verboten werden.

Es ist nicht nötig, weitere Graugänse in Mitteleuropa auszusetzen, da die Bestandsentwicklung derzeit gut ist. Außerdem sollte die Gefahr der Hybridisierung mit Hausgänsen vermieden werden.

Biologie der Graugans

Systematik

Ordnung: Anseriformes (Entenvögel)
Familie: Anatidae (Entenvögel)
Unterfamilie: Anserinae (Gänse, Schwäne)

Aussehen

Die Graugans ist nach der mittlerweile in Deutschland heimischen Kanadagans die zweitgrößte und schwerste heimische Gänseart. Das Männchen, der Ganter, kann zwischen 3 und 5 kg wiegen, das Weibchen, die Gans, ist zwischen 2 und 4 kg schwer. Graugänse wirken massig und haben einen auffällig dicken Hals.

Beide Geschlechter haben die gleiche hellbräunlich graue Gefiederzeichnung. Die Schnabelwurzel des sehr kräftigen und breiten Schnabels ist oft durch einen weißen Federring vom grauen Kopfgefieder abgesetzt. Kopf und Hals sind dunkel braungrau, der Rücken ist schwarzbraun mit weißen Federsäumen. Die Seiten des Bürzels sowie die Unter- und Oberschwanzdeckfedern sind weiß. Die Beine der Graugänse sind blassrosa, der Schnabel ist durchgängig orange bis rosa, die Iris braun gefärbt. Die verhornte Schnabelspitze („Nagel“) der Jungvögel ist dunkel, die der Altvögel hell hornfarben. Vereinzelt befinden sich schwarze Flecken auf dem Bauch. Graugänse unterscheiden sich durch ihre dunklen Querbänder deutlich von den Zwerg- oder Blessgänsen.

Der Flug der Graugans wirkt schwerfällig. Die breiten Flügel sind auf den Vorderflügeln hellgrau, am Hinterrand und zum Rücken hin deutlich dunkler kontrastiert. Die Graugans ist die einzige europäische Gänseart, die zweifarbige Flügelunterseiten besitzt. Die vorderen Unterflügeldeckfedern und die Achselfedern sind hellgrau gegen die dunklen Schwingen abgesetzt. Durch dieses Merkmal kann man die Graugans im Flug sehr gut erkennen. Jungvögel sind insgesamt dunkler und haben einen grauen Schnabel sowie graue Füße. Ihnen fehlen die schwarzen Flecken auf dem Bauch und der weiße Gefiederring an der Schnabelwurzel.

Fortpflanzung

Graugänse werden im allgemeinen etwa 4 – 6 Jahre alt, können aber gelegentlich auch ein hohes Alter von über 15 Jahren erreichen. Die Jugendsterblichkeit liegt bei etwa 30%, was vergleichsweise gering ist. Bereits vor der Geschlechtsreife, im Alter von eineinhalb Jahren finden sich die Brutpaare, die dann meist ein Leben lang zusammenbleiben. Graugänse werden mit 3 Jahren geschlechtsreif, beginnen aber erst mit 4 Jahren am Fortpflanzungsgeschehen teilzunehmen.

Ist das Wetter im zeitigen Frühjahr günstig, beginnen Graugänse schon kurz nachdem sie im Brutgebiet angekommen sind mit ihrem Brutgeschäft. Die Balz zwischen den Paaren verläuft nach einem festen Schema. Der Ganter schnattert, gibt typische Laute von sich und stimmt die Gans mit verschiedenen, werbenden Körperhaltungen auf die Paarung ein. Er imponiert der Gans, in dem er übertrieben laut auffliegt, mit heftigen Flügelschlägen wieder landet und ihre Bewegungen direkt nachahmt. Dann greift er Artgenossen an und vertreibt sie aus dem Brutrevier. Während sich die Vögel verpaaren, was nur Sekunden andauert, liegt die Gans tief im Wasser, nur noch ihr Oberkopf ragt heraus.

Der Ganter begleitet die Gans, wenn sie den Nistplatz auswählt. Das Nest wird auf festem Boden angelegt, an Orten, die für Bodenfeinde schlecht erreichbar sind. Es ist bis zu 25 cm hoch und hat einen Durchmesser von 65 cm. Die größten Bauten befinden sich im dichten Schilf, die kleinsten auf Felsklippen oder in dichtem Gebüsch. Beim Bau von Nestern im Röhricht knicken die Graugänse die Halme im Umkreis von 7 m mit dem Schnabel um oder beißen sie ab, um sie zum Bau des Nestes zu verwenden. Die Nestmulde wird mit feinen Halmen, zerfaserten Halmteilen und mit Daunenfedern ausgekleidet.

Finden sich keine großflächigen, alten Rohrdickichte, nutzt die Graugans auch dichte Weidengebüsche oder gewässernahe Kahlschlagsflächen sowie Brombeerdickichte oder andere, hohe Vegetation. Seltener legt sie ihr Nest in deckungslosem Gelände an oder brütet in Kopfweiden. Sind ideale Nistmöglichkeiten auf größerer Fläche vorhanden, brüten die Graugänse kolonieartig dicht nebeneinander, wobei ein Mindestabstand von 5 m zwischen den einzelnen Nestern eingehalten wird.

In der Regel legt die Graugans 5 – 6 Eier. Für die Produktion eines Eies benötigt sie 2 Tage, so dass nach Ablage des ersten Eies 2 Wochen vergehen können, bis sie anfängt zu brüten. Sie brütet die Eier alleine 27 bis 29 Tage lang aus. Vom Schlupfbeginn des ersten Kükens an können 5 – 30 Stunden vergehen, bis alle Jungen geschlüpft sind. Bevor die Gans das Gelege verlässt, um Nahrung zu suchen, deckt sie es mit Nestmaterial zu.

Der Ganter hält sich stets in der Nähe der brütenden Gans auf. Er bewacht seine Partnerin, warnt bei Gefahr und schlägt Angreifer und Artgenossen, die sich dem Nest nähern, in die Flucht. Wird die Gans bedroht. während sie auf ihrem Nest sitzt, ruft sie durch ihr „Nestgeschrei“ den Ganter zur Verteidigung herbei.

Nachdem die Küken (Gössel) geschlüpft sind, bleiben sie noch 1 oder 2 Tage im Nest, bis sie von der Gans auf das Gewässer geführt werden. Das Nest wird regelmäßig von der Familie als Schlafplatz genutzt. Der Ganter zieht seine Jungen zusammen mit der Gans auf. Die Familie bleibt bis zur nächsten Brut im Folgejahr zusammen. Erst dann vertreiben die Elternvögel ihre Jungen, die dann in der Nähe der Nistplätze Junggesellenscharen bilden.

Nahrung

Die Graugans sucht ihre Nahrung in seichten  Gewässern, im  Röhricht, im  Uferbereich, auf  Wiesen und Weiden,  Getreide- oder Kartoffeläckern. Für die rein pflanzliche Ernährung ist der kräftige Schnabel mit seinen zahnartigen Rändern und einer harten, verhornten Spitze („Nagel“) bestens geeignet, Pflanzen zu fassen, zu zerreißen, zu zerkleinern; er dient aber auch zum Graben. Mit ihrem langen Hals kann die Graugans auch grüne Pflanzenteile abfressen, die bis zu 1 m hoch sind.

Die Graugans besitzt Magensteinchen, die ihr beim Zermahlen der oft faserreichen Pflanzennahrung helfen. Besonders gerne weidet sie frische grüne Triebe und Blätter von Gräsern und Kräutern ab. Auch Wasserpflanzen, Wurzeln, Samen, Beeren, Knollen und Zwiebeln nimmt sie gerne zu sich, wobei sie sich je nach Jahreszeit der jeweils verfügbaren und am leichtesten erreichbaren Nahrung anpasst. Im Frühjahr ernährt sie sich überwiegend von eiweißreichen Keimlingen und jungen Trieben, in der Brutzeit vor allem von Wasserpflanzen. Im Herbst suchen die Graugänse vor allem Haferfelder auf, während sie im Winter Wintergetreidesaaten abweiden.

In manchen Gebieten sind Graugänse in hohem Maße davon abhängig, dass landwirtschaftliche Flächen vorhanden sind. Hier können sie erhebliche Ernteausfälle verursachen. In einigen Ländern Europas erhalten die Landwirte Entschädigungen für Gänseschäden an Kohl, Hafer, Bohnen, Kartoffeln, Rüben, Salat, Linsen und Erbsen.

Natürliche Feinde

Da die Graugans sehr groß und wehrhaft ist, wird sie nur von größeren Feinden wie dem  Seeadler, Wolf, Fuchs und Marderhund bedrängt, wobei im Allgemeinen Jungvögel oder Eier erbeutet werden.

Verhalten

Die Graugans sieht und hört sehr gut, ist äußerst vorsichtig und hält eine große Fluchtdistanz zu ihren Feinden ein. Artgenossen und Bodenfeinde wehrt sie durch Anzischen, Schnabelhiebe, Beißen und kräftige Flügelschläge ab. Bei Angriffen aus der Luft versucht sie, ihre Gegner (z.B. den  Seeadler) durch Angriffsflüge einzuschüchtern und zum Abdrehen zu bewegen. Graugänse, die während der Mauser flugunfähig sind, legen sich mit ausgestrecktem Hals auf den Boden, um sich beim Herannahen eines Feindes zu tarnen.

Die Graugans ist vorwiegend tag-, in störungsreichen Gebieten aber auch verstärkt nachtaktiv. Sie kann schnell schwimmen und liegt hoch im Wasser, wobei ihr Hals gerade gestreckt ist und ihr Schwanz aus dem Wasser ragt. Mit kraftvollen Flügelschlägen erhebt sie sich direkt von der Wasserfläche und erreicht im Flug eine Geschwindigkeit von bis zu 90 km/h. Die Entfernung zwischen Nahrungs- und Schlafplätzen kann mehrere Kilometer betragen.

Außerhalb der Brutzeit leben Graugänse gesellig mit ihren Artgenossen zusammen, wobei sich die einzelnen Familien zu Scharen von mehreren Hundert Vögeln zusammenschließen können. Graugänse meiden die Gesellschaft anderer Gänsearten. Sie neigen dazu, sich zum Gefiederwechsel an gemeinsamen Mauserplätzen einzufinden. Dort versammeln sich dann ab Mitte Mai mehrere Tausend Tiere aus größeren Teilen des Brutgebiets oder kleinere Scharen aus regionalen Brutbeständen. Solche Mauserplätze gibt es beispielsweise in Holland (Ijsselmeer) oder an der Wolga.

Bereits ab August verlassen einzelne Brutvögel ihr Revier. Im atlantisch geprägten Verbreitungsgebiet ist die Graugans das ganze Jahr über anzutreffen. Die nordeuropäischen Graugänse überwintern auf den Britischen Inseln, an der Nordseeküste, an den Meeresküsten Westeuropas und im Mittelmeergebiet. Sie sind sehr brutorttreu, kehren also immer wieder in die gleichen Brutgebiete zurück. Auch bei den Überwinterungsgebieten haben sich Traditionen gebildet. Auf festgelegten Routen ziehen die Graugänse in die oft sehr eng begrenzten Überwinterungsflächen. Verschiedene Gänsescharen haben auch unterschiedliche Flugrouten und Überwinterungsareale. Vereinzelt erreichen Graugänse sogar die nordafrikanischen Küsten, um dort zu überwintern. Weiter östlich brütende Vögel überwintern in Ungarn, Tunesien, in den Ländern des östlichen Mittelmeers oder im Schwarzmeergebiet.

Während des Zuges fliegen Graugänse in typischer Keilformation oder in einer schrägen Reihe. Dabei erzeugen sie ein schwach pfeifendes Fluggeräusch. Wenn sie rasten, wacht immer mindestens ein Vogel über die übrigen dösenden oder schlafenden Tiere, die ihre Schnäbel auf den Rücken legen, sich hinlegen, oder auf einem Bein stehen. Die Zugzeit beginnt im September, erreicht im Oktober ihren Höhepunkt und dauert unter Umständen noch bis November. Im Frühjahr kehren Graugänse ab Ende Februar/Anfang März wieder zu ihren Brutplätzen zurück. Vögel aus Skandinavien bleiben oftmals bis in den April, einzelne Trupps von Nichtbrütern das ganze Jahr über an deutschen Gewässern.

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