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Ziegenmelker


Ziegenmelker © Hans Glader, piclease
Foto: Ziegenmelker © Hans Glader, piclease

Ziegenmelker (Caprimulgus europaeus)
Rote Liste Deutschland 2007: 3 (gefährdet)

Der Ziegenmelker, auch Europäischer Ziegenmelker genannt, ist neben dem Rothals-Ziegenmelker der einzige in Europa vorkommende Vertreter der Vogelfamilie der Nachtschwalben. Der gesamteuropäische Bestand beträgt zwischen 470.000 und 1 Mio Brutpaare. Davon entfallen etwa 13.000 – 21.000 Brutpaare auf Mitteleuropa (Bauer et al. 2005). Der derzeitige Gesamtbestand in Deutschland liegt bei 6.500 bis 8.500 Brutpaaren (Sudholdt et al. 2013). Durch seine Dämmerungs- und Nachtaktivität wird der Ziegenmelker selten genau erfasst. Darüber hinaus ist der Bestand starken jährlichen Schwankungen unterworfen. Insbesondere seit den 1950er Jahren kam es zu einer großflächigen Abnahme in Teilen Mitteleuropas und benachbarten Ländern. Viele ehemals größere Vorkommen sind inzwischen erloschen. In klimatisch günstigen Gebieten (z. B. Nordwestdeutschland) ist der Bestand dagegen weitgehend stabil. Bestandszunahmen gibt es in den Niederlanden (dort nach starker Abnahme) und in Großbritannien (Besiedlung von Wiederaufforstungsflächen). Sekundärlebensräume wie Truppenübungsplätze können beträchtliche Populationen aufweisen (Bauer et al. 2005).
Der Ziegenmelker ist ein Langstreckenzieher und überwintert im tropischen Afrika. Der Wegzug erfolgt bereits Ende September/Anfang Oktober, der Heimzug vollzieht sich Ende April/Anfang Mai, da er dann in unseren Breiten, vor allem im Tiefland, in der Regel nicht mehr mit Spätfrösten rechnen muss.

Lebensraum von Ziegenmelkern

In Deutschland kommt der Ziegenmelker nur im warmen und trockenen Tiefland, gelegentlich auch im Mittelgebirge als Brutvogel vor. Bevorzugt werden Gebiete mit warmen Sandböden, die die tagsüber gespeicherte Wärme nachts an die unteren Luftschichten abgeben. Daneben sind offene, windgeschützte und tagsüber gut besonnte Jagdreviere wie Schneisen, Lichtungen oder Sandwege erforderlich. Der Wald muß einerseits vegetationslose Bereiche für den Brutstandort aufweisen, andererseits aber über eine aufgelockerte und niedrige Krautschicht und dem damit verbundenen Insektenreichtum verfügen.

Als Lebensraum sind folgende Gebiete gut geeignet: Mittelgebirge mit Niederwald, Hauberge,  Sandheiden, Dünengebiete (Binnensand- und Küstendünen), aufgelichtete, hochgewachsene Heidekiefernwälder (mit den Begleitvogelarten Brachpieper,  Heidelerche, Baumfalke), Kahlschläge und Brandflächen.
Als „Katastrophenvogel“ konnte sich der Ziegenmelker in der  Waldlandschaft Mitteleuropas etablieren und auf immer wieder neu entstehenden Biotopen (nach Waldbränden, Kahlfraß durch Insekten wie Kiefernspanner oder Prozessionsspinner, Sturmwürfen u.a.) überleben.

Gefährdung von Ziegenmelkern

Zerstörung des Lebensraumes

Eine der Hauptursachen des Bestandsrückgangs ist der Lebensraumverlust durch die intensivierte Landnutzung. Beispiel hierfür sind die Umwandlung von Kiefernheiden in  landwirtschaftliche Flächen (Spargelanbau), die Aufgabe traditioneller Bewirtschaftungsweisen und der Verlust von  Trockenrasen und  Heiden durch Verbuschung oder Aufforstung, z.B. mit Robinie oder Kiefer. Stickstoffeinträge aus der Luft rufen zunehmende Eutrophierung hervor, wodurch geeignete Habitate vergrasen und als Brutplatz verlorengehen.

Wird die Landschaft durch Wegebau und touristische Infrastruktur zu stark erschlossen, werden die Brutreviere zunehmend stark beunruhigt.

Klima

Atlantisch geprägte Sommer mit zahlreichen Niederschlägen können eine große Rolle beim Zusammenbruch einzelnener Populationen spielen.

Straßenverkehr

Der Ziegenmelker kann auch dem Straßenverkehr zum Opfer fallen: Nachts wärmt er sich auf dem warmen Teer und wird dabei überfahren. Aber auch viele Insekten, die ihm als Nahrung dienen, werden hier angelockt. Bei seinen tief über dem Boden durchgeführten Jagdflügen prallt er gegen Fahrzeuge, auch weil er durch Fernlicht geblendet wird.

Nahrung

Fast die Hälfte aller Nachtfalterarten, insbesondere die der Heiden und Sandgebiete, stehen mittlerweile auf der Roten Liste. Diese nachtaktiven Fluginsekten werden zunehmend seltener und stehen damit dem Ziegenmelker nur noch als stark verringertes Nahrungsangebot zur Verfügung. Klimaveränderungen hin zu einem mehr atlantisch geprägten Klima können bei einer eher an kontinentale (trocken-heiße) Sommer angepassten Art innerhalb kürzester Zeit die Aufgabe des Brutgebiets zur Folge haben.

Schutz von Ziegenmelkern

Wichtige Maßnahmen zum Erhalt des Ziegenmelkers sind:

  • frühzeitiges Auslichten von Sandheide-Kiefernwäldern,
  • Aufforstungsstop in Binnendünengebieten,
  • Zurückdrängung der Verbuschung in Sandheiden,
  • Erhalt von freistehenden Einzelbäumen an offenen Biotopstellen als Singwarten,
  • Schutz der Brutreviere vor ausufernder touristischer Nutzung, Wegegebote und Anleinpflicht für Hunde und
  • Einstellung der Bejagung in den Durchzugs- und Überwinterungsgebieten.

Die Nahrungsgrundlage des Ziegenmelkers, eine reiche Großinsektenfauna, kann durch

  • extensive Waldnutzung mit Belassung von Totholz,
  • Reduktion des Biozideinsatzes in der Land- und Forstwirtschaft und
  • Förderung einer kleinstrukturreichen Landschaft

erhalten werden.

Biologie des Ziegenmelkers

Systematik

Ordnung: Caprimulgiformes (Schwalmvögel)
Familie: Caprimulgidae (Nachtschwalben)

Aussehen

Der Ziegenmelker ist ein schlanker und langflügeliger Vogel. Er hat eine rindenfarbige Gefiederzeichnung, die durch verschiedene braungraue Sprenkel und Bänderungen den Körper in seiner Umgebung bestens tarnen. Der Kopf ist ausgesprochen groß mit einem Schnabel, der weit geöffnet im Flug Nahrung aufnehmen kann. Das große Auge stellt eine Anpassung an eine dämmerungs- bzw. nachtaktive Lebensweise dar. Es wird tagsüber bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, unter anderem, damit er sich nicht verrät.

Das Männchen besitzt weiße Makel an den äußeren Schwanzfedern und den Handschwingen nahe der Flügelspitze, die erst während des Fluges sichtbar werden. Lange Tastborsten rund um den Schnabel erleichtern im Dunklen das erfolgreiche Fassen der Beute. Der Fuß ist mit einer Putzkralle in Form einer verlängerten Mittelzehe ausgestattet.

Während seiner Ruhephasen sitzt der Ziegenmelker mit zusammengelegten Flügeln flach auf dem Boden oder längs auf einem Ast.

Fortpflanzung

Mit einem Jahr ist der Ziegenmelker geschlechtsreif und geht mit dem Partner eine Saisonehe ein. Er lässt sich zur Balzzeit mit einer Klangattrappe locken. Der Ziegenmelker ist ein Bodenbrüter, der auf einen Nestbau verzichtet. Das Nest wird gerne im gut durchsonnten Hochwald angelegt. Dabei ist der Brutplatz zur größten Mittagshitze meist im Schatten gelegen und weitgehend vegetationsfrei. Dies hat den Vorteil, dass es keine Hindernisse für die Jungen gibt, dass sich in übersichtlichem Gelände herannahende Feinde schneller erkennen lassen und die Flucht schneller ergriffen werden kann.

In der Regel werden 2 Eier zwischen Ende Mai und Juli, meist im Juni gelegt. Das Weibchen beginnt sofort mit der Brut, die etwa 16 – 21 Tage dauert. Das Männchen löst das Weibchen zu Beginn der Brut meist morgens und abends für eine kurze Brutpause ab. Die Eier sind von heller Grundfarbe, durch zahlreiche Flecken aber gut getarnt.

Gelegentlich kommt es zu Schachtelbruten, bei der die Jungtiere der vorangegangenen Brut das Nest noch nicht verlassen haben, das Weibchen aber bereits wieder auf 2 neuen Eiern sitzt. Das ist nur möglich, weil sich die Jungen schnell entwickeln und allein durch das Männchen geführt werden, bis sie mit 4 – 5 Wochen selbständig sind. Der späteste Schlupftermin kann je nach Jahresbedingungen erst im August sein. Die Jungen verbleiben 17 Tage im Nest.

Zur Kotabgabe entfernen sie sich einige Schritte rückwärts vom Nestzentrum und halten damit den engeren Nestbereich sauber. Wenn es keine natürlichen Veränderungen oder Störungen des Eiablageorts und der Ruheplätze gibt, bleiben sie diesen über Jahre treu. Die Tiere können 5 – 8 Jahre alt werden.

Nahrung

Der Ziegenmelker jagt fliegende Insekten, die eine gewisse Mindestgröße besitzen, nimmt aber auch sogenanntes „Luftplankton“ (kleinste schwebende Tiere) auf. Den Jungen wird ein aus zarten und weichhäutigen Insekten geformter Nahrungsballen in den Hals gewürgt. Die Jagdwarten des Ziegenmelkers sind meist sehr niedrig über dem Boden gelegen, weil er seine Beute gerne von unten anfliegt. Maikäfer, Junikäfer, Eulenfalter und Spannerfalter spielen eine wichtige Rolle im Nahrungsspektrum der Altvögel.

Natürliche Feinde

Aufgrund seiner perfekten Tarnung und seiner nächtlichen Lebensweise entgeht er vielen Feinden. Eulen und Käuze können ihm gefährlich werden. Das Gelege wird von Fuchs, Dachs, Marder und Wildschwein ausgeräubert und ist dadurch am stärksten gefährdet.

Verhalten

Da der Ziegenmelker erst in der Dämmerung aktiv ist, bekommt man ihn selten zu Gesicht. Er nutzt Singwarten, meist freistehende  Einzelbäume, von denen aus er seinen lang anhaltenden, schnurrenden Balzgesang vorträgt. Einzelne Strophen können mehrere Minuten lang anhalten, der gesamte Gesangsvortrag kann eine Stunde dauern. Dabei wechselt die Art des Gesangs sowohl in der Tonhöhe als auch in der Lautstärke.

In windstillen und milden Mainächten erreicht die Balz ihren Höhepunkt. Sobald ein Weibchen im Revier auftaucht, stellt das Männchen den Gesang ein und geht zur Flugbalz über. Dabei ruft es, klatscht mit den Flügeln und zeigt im Gleitflug mit hochgestellten Flügeln und gespreiztem Schwanz seine weißen Abzeichen im Gefieder, die in der Dämmerung aufleuchten. Im Mai und Juni rufende Tiere können auch Durchzügler sein, die vorübergehend ein Revier besetzten. Erst regelmäßiges Rufen und vor allem die Balzflüge lassen auf ein dauerhaft besetztes Brutrevier schließen.

Bei kühlfeuchten Wetterbedingungen können die Tiere in Kältestarre bzw. Lethargie verfallen, um Energie zu sparen. Der Jagdflug ist zunächst langsam und schaukelnd, kann aber schnelle Wendungen mit rasanten Sturzflügen oder Rüttelflüge beinhalten. Er wirkt dann hastig und sehr gewandt.

Nähern sich Feinde dem Nest, stellt sich der Ziegenmelker in auffälliger Weise „krank“ und lockt sie damit, kombiniert mit fauchenden und zischenden Lauten, wirkungsvoll vom Gelege oder der Brut weg. Außerdem droht er ihnen mit offenem Schnabel.

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