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Neuntöter


Neuntöter © Stefan Ott, piclease
Foto: Neuntöter © Stefan Ott, piclease

Neuntöter oder Rotrückenwürger (Lanius collurio)
Rote Liste Deutschland 2007: Die Art ist derzeit nicht gefährdet.
Andere bekannte Namen: Dorndreher, Würgeengel, Dornhäher

Der Neuntöter ist in Mitteleuropa die häufigste Würgerart. Er ist vor allem durch sein Verhalten bekannt, Beutetiere auf Dornen aufzuspießen. Der Neuntöter bewohnt ganz Europa und ist bis Kasachstan und Zentralsibirien verbreitet. Er kommt sowohl in der subpolaren, in der gemäßigten als auch in der mediterranen Klimazone vor. Dabei besiedelt er auch Steppengebiete, bevorzugt dabei aber offensichtlich den kontinentalen Klimabereich. In Finnland erreicht er den 66. und in Russland den 63. Breitengrad. Sein Verbreitungsschwerpunkt liegt vor allem im Tiefland und den klimabegünstigten Mittelgebirgslagen; er kommt aber auch in montanen und subalpinen Bereichen vor.

Die Anzahl der brütenden Neuntöter in Mitteleuropa wird auf ca. 120.000 – 150.000 geschätzt (Bauer et al. 2005), schwankt aber stark, da die klimatischen Bedingungen zur Aufzuchtzeit in den einzelnen Jahren sehr unterschiedlich sind. Kühles und feuchtes Wetter im Frühjahr bzw. Frühsommer hat zur Folge, dass ihre Fortpflanzungsrate niedriger ist, Gelege durch die große Feuchtigkeit verloren gehen oder Jungvögel verhungern. So schwankt die Grenze des Verbreitungsgebiets im Norden mit der Entwicklung des Klimas.

Die Bestände des Neuntöters in Deutschland konnten lokal anwachsen, da mehrere klimatisch günstige Aufzuchtsperioden aufeinander folgten. Außerdem wurden ab den 1970er Jahren in vielen Gebieten Maßnahmen zum Biotopschutz eingeführt. Der derzeitige Gesamtbestand in Deutschland liegt bei 91.000 bis 160.000 Brutpaaren (Sudholdt et al. 2013).

Lebensraum von Neuntötern

Trockenes Grünland

Der Neuntöter ist charakteristisch für eine halboffene, reich strukturierte Kulturlandschaft, die insektenreiche, sonnige und trockenere  Felder- und  Wiesengebiete aufweist. Ein optimales „Habitat kurzer Wege“ weist eine Vielzahl von Ansitzwarten bei den Brut- und Nahrungsplätzen auf.

Er bewohnt Saumhabitate, gestörte Stellen (Ruderalflächen),  Streuobstwiesen,  Weinberge mit eingestreuten  Brachen,  Trockenrasen, genauso wie  Weidewirtschafts- und reine  Grünlandgebiete. Seine Habitate weisen in der Regel ein günstiges Mikroklima auf, das von Durchsonnung, Windschutz sowie einem Wechsel von trockenen und feuchten Wiesen bestimmt wird.

Er brütet auch im  Wald, beispielsweise auf Kahlschlägen, in Aufforstungen und Windwurfflächen, die sich in frühen Sukzessionsstadien befinden. Manche Habitate kann er nur kurzfristig besiedeln, da hier die Vegetation schnell dicht und hoch wächst.

Die größte Dichte von Neuntötern gibt es auf  Trockenrasen, auf denen sich einzelne, nicht zusammenhängende  Hecken und alte Obstbäume befinden, aber auch auf großflächigen Waldrodungs- bzw. Windwurfflächen, auf denen zahlreiche  Hochstauden und niedrige Büsche zu unterschiedlichen Zeiten blühen.

Gefährdung von Neuntötern

Zerstörung des Lebensraumes

Die Bestände des Neuntöters brechen am stärksten ein, wenn ihre Lebensräume verändert werden oder verloren gehen. Insbesondere betroffen sind Kleinstrukturen wie  Hecken, kleinparzellierte Flurstücke mit blütenreichen Säumen oder stufig aufgebaute  Waldränder, die durch Gehölzreihen mit der Kulturlandschaft verbunden sind. Auch Wiesenumbrüche, Aufforstung von mageren Standorten sowie Flächenverluste durch Bebauung und Versiegelung wirken sich ungünstig auf die Neuntöterbestände aus.

Überwinterungs- gebiete

Genauso negativ ist, wenn Pestizide im Brut- und Überwinterungsgebiet gleichermaßen großflächig eingesetzt werden, da dann auch das überlebensnotwendige Insektenangebot abnimmt.

Auf ihrem langen Zug in die Überwinterungsgebiete Ost- und Südafrikas werden die Tiere außerdem abgeschossen oder gefangen, vor allem in Griechenland, Ägypten und im Libanon.

Klima

Schlechtwetterperioden zur Aufzuchtszeit, vor allem lang anhaltender Regen im Juni und Juli in Kombination mit schlechten Mäusejahren können dazu führen, dass die Bestände merklich einbrechen. Durch den damit verbundenen Nahrungsmangel können die Nestlinge nicht ausreichend an Gewicht zulegen und gehen schließlich daran ein.

Luftsport

Obwohl der Neuntöter weniger scheu ist, kann ihn die Anwesenheit von Menschen in Heckengebieten stören, da er zu oft von seinen Warten vertrieben wird. In Gebieten mit intensiver Luftraumnutzung ( Luftsport) brüten entweder deutlich weniger Tiere oder sie siedeln sich hier erst gar nicht an.

Schutz von Neuntötern

Erhaltung des Lebensraumes

Die wichtigste Rolle für den Erhalt des Neuntöter-Bestands spielt der Schutz ihrer Lebensräume mit einem Mosaik extensiv genutzter Wiesen- und Weidenutzung, mit einander kommunizierenden Hecken- und Gebüschkomplexen sowie Waldsäumen.

Folgende Maßnahmen können zum Erhalt der Neuntöter-Populationen beitragen:

  • Grundlage für den dauerhaften Erhalt der Art ist, die Landschaft mit Gehölzen wie Obstbäumen, Hecken und Sträuchern zu strukturieren und damit für ein insektenreiches Nahrungsangebot auf den Nutzflächen und Saumhabitaten zu sorgen.
  • Hecken können nur dann für den Neuntöter attraktiv bleiben, wenn sie regelmäßig tief abgeschnitten werden und wieder neu austreiben, damit sie dicht bleiben und nicht zu Baumhecken durchwachsen.
  • Wiesen und Weiden dürfen weder intensiv genutzt werden noch gänzlich brachfallen, damit sie von Neuntötern als Jagdhabitat genutzt werden können.
  • Da die Bruthabitate einen hohen Freizeitwert für den Menschen haben, müssen die Besucherströme gelenkt und generell Störungen vermieden werden. Dann können die Brutgebiete für den Neuntöter und den Menschen attraktiv gleichermaßen erhalten werden.

Biologie des Neuntöters

Systematik

Ordnung: Passeriformes (Singvögel)
Familie: Laniidae (Würger)

Aussehen

Der Neuntöter ist etwas größer als ein Spatz. Das Männchen hat einen grauen Oberkopf und Nacken, die sich beide deutlich von den rostroten Rücken- und Flügelpartien abheben. Auch der Bürzel (Schwanzansatz) und die Oberschwanzdeckfedern sind grau. Der Neuntöter hat einen schwarzen Augenstreif, der von der Oberschnabelbasis bis weit hinter das Auge reicht und auf der Oberseite von einem feinen weißen Federsaum begrenzt wird. Stirn, Kehle und Vorderbrust sind weißlich bis rosa, der Bauch ist braunrosa. Das mittlere Schwanzfederpaar ist komplett schwarz. Nach außen zu werden die Schwanzfedern von der Basis her zunehmend weiß. Der Schwanz steht oft aufrecht und wird bei Erregung in alle Richtungen bewegt.

Das Weibchen ist von beigebrauner Grundfarbe, die hellere Unterseite ist hellbraun quergewellt. Scheitel, Nacken, Rücken und die Flügeloberseite sind braun. Hinter dem Auge erstreckt sich ein kurzer brauner Streifen. Die Jungvögel ähneln dem Weibchen, sind aber auf der Oberseite kräftiger gebändert.

Ein typisches Merkmal des Neuntöters ist der falkenähnliche Oberschnabel, der -
– dem Schnabel der Greifvögel ähnlich – mit einem sogenannten „Falkenzahn“ versehen ist. Mit diesem können die Chitin-gepanzerten Insekten leichter festgehalten und zerlegt werden. Das Schnabelende ist leicht nach unten gebogen und spitz.

Fortpflanzung

Ende April/Anfang Mai kehren die Neuntöter aus ihren afrikanischen Überwinterungsgebieten in die europäischen Brutgebiete zurück. Sofort nach der Ankunft besetzen und verteidigen sie ihre Reviere. Das Männchen, welches vor dem Weibchen im Brutgebiet ankommt, versucht, eintreffende Weibchen durch Balzflüge und durch seinen von einer Warte vorgetragenen „wäd-wäd-wäd“-Gesang auf sich aufmerksam zu machen. Anfangs sind ihre Territorien sehr groß, verkleinern sich aber mit der Ankunft weiterer Tiere.

Neuntöter sind sehr brutortstreu, vor allem das Männchen. Da sie deshalb ihre Umgebung sehr gut kennen, sichert und steigert dies ihren Bruterfolg. Ist die erste und vielleicht auch die Brut des Folgejahrs am gleichen Standort erfolgreich, bauen sie schnell Reviertraditionen auf.

Die Reviergröße kann zur Brutzeit stark variieren. In optimalen Habitaten liegt die Reviergröße bei weniger als 1 ha.  In dünn besiedelten Gebieten  kann es auch Reviergrößen von bis zu 3 ha geben.

Sträucher und niedrige Bäume, in denen der Neuntöter seine Nester baut, sind  Weißdorn,  Heckenrose,  Schwarzdorn, einzeln stehende, dicht beastete, niedrige Fichten. Aber auch Reisighaufen und gedeckte Bodenstellen können Standort des Nestes sein. Das stabile Nest wird aus Stengeln, Grashalmen, Moos und kleinen Zweigen errichtet. Das fertige Gelege besteht aus 5 – 6 Eiern und wird 14 – 16 Tage lang vom Weibchen bebrütet. Die geschlüpften Jungtiere bleiben, abhängig von den Witterungsbedingungen, 13 – 20 Tage im Nest. Anschließend beginnt die Zeit, in der die Jungen geführt werden und die Familie noch 20 – 30 Tage zusammen bleibt.

Der Neuntöter kann sich mit dem Rotkopfwürger verpaaren und bildet dann Bastarde aus.

Nahrung

Ob Neuntöter ein Revier besetzen, hängt ist in erster Linie von Menge und Erreichbarkeit von genügend Insektennahrung ab. Der Neuntöter spießt seine Beute auf Dornen oder spitze Zweige auf, um sie dann zu bearbeiten. Auf diese Weise legt er sich zeitweilig Nahrungsvorräte an, die ihm helfen, Schlechtwetterphasen zu überbrücken.

Das Nahrungsspektrum des Neuntöters ist breit. weshalb er sich sehr flexibel auf das jeweilig vorhandene Nahrungsangebot einstellen kann. Käfer, Hautflügler wie Hummeln und Bienen, z.T. auch Fliegen, Schmetterlinge und Heuschrecken machen rund 90 Prozent seiner Nahrung aus, Kleinsäuger nur 10 Prozent. Er überwältigt auch kleine Frösche, Eidechsen und junge Mäuse.
Der Neuntöter räubert auch Nester anderer Arten, z.B. der Goldammer, aus. Er fängt Insekten auf dem Boden, in der Vegetation und in der Luft. Da in vielen seiner Brutreviere auch Weidegebiete enthalten sind, findet er diese auch auf Exkrementen wie Schafskot. Wächst die Vegetation in die Höhe, liest er Insekten verstärkt im Rüttelflug von den Blüten der Pflanzen ab.

Nach der Wiesenmahd können ungemähte Flächen den daraus entstandenen, kurzfristigen Nahrungsmangel ausgleichen, wenn sie durch eine ausreichend blühende Vegetation eine entsprechende Vielfalt an Insekten zu bieten haben. Nur eine reich strukturierte Kulturlandschaft kann auch eine hohe Vielfalt an Insektenarten beherbergen, die dem Neuntöter mit seiner geringen Nahrungsspezialisierung auch in Zeiten mit wetterbedingten Nahrungsengpässen ernähren kann.

In Schlechtwetterphasen fängt der Neuntöter bevorzugt Kleinsäuger. Nestlinge werden meist mit weichen und kleinen Insekten gefüttert. Erst wenn sie das Nest verlassen haben und geführt werden, werden sie häufiger mit chitinisierten und größeren Insekten versorgt. Damit wird auch die Gewöllbildung bei den Jungtieren angeregt.

Natürliche Feinde

Feinde des Neuntöters sind  Eichelhäher,  Elster,  Rabenkrähe, Turmfalke,
Bussard, Marder, Hermelin und Fuchs.

Werden die Jungtiere des Neuntöters gestört, springen sie bereits mit 10 Tagen aus dem Nest. Sie können dann nur noch bei guter Witterung überleben. Bei schlechtem Wetter nimmt auch der Verlust von Gelegen und Jungtieren durch Feinde zu.

Verhalten

Der Neuntöter hält sich lediglich 3 – 4 Monate, und zwar von Mai bis August, im Brutgebiet auf. Er nutzt diese nahrungsreiche Zeit für die Aufzucht seiner Jungen. Anschließend ziehen entweder die Altvögel alleine oder etwas später gemeinsam mit den Jungtieren in ihr Überwinterungsgebiet. Bei seltenen Nachweisen aus dem Zeitraum Ende September / Oktober handelt es sich meist um Jungvögel aus sehr späten (Zweit)Bruten.
Ist das Wetter schlecht, verlängert sich meist die Führungszeit der Jungtiere, so dass die Neuntöter auch unter diesen Umständen länger im Brutgebiet verweilen. Neuntöter ziehen ausschließlich nachts und wählen eine nach Südost ausgerichtete Zugrichtung über Griechenland, insbesondere über Ägäis und Kreta, ins tropische Afrika. Für den Heimzug im Frühjahr wählen sie eine andere Route aus: weiter östlich über die Sinai-Halbinsel, Syrien und Kleinasien und dann erst nach Nordwesten in Richtung mitteleuropäischer Brutgebiete. Da sich die Zugbewegungen zumindest der westlichen Populationen im Frühjahr und Herbst deutlich voneinander unterscheiden, spricht man von einem sogenannten „Schleifenzug“.

Wird der Neuntöter in einem Brutgebiet seltener, räumt er dieses oft ganz, auch wenn es für weniger Tiere durchaus noch besiedelbar wäre. Der Grund für diese Verhaltensweise liegt darin, dass für den Neuntöter soziale Kontakte zu seinen Artgenossen eine hohe Bedeutung haben. Deswegen sind gute Neuntöter-Brutgebiete oft kolonieartig dicht mit kleinen, eng benachbarten Revieren besetzt.

Eine Ansammlung von 2 – 4 Brutpaaren ist mindestens notwendig, damit diese kontaktfreudige Art ein Gebiet dauerhaft besiedelt. Deswegen üben im Frühjahr Reviere, die bereits besetzt sind, eine große Anziehungskraft auf Neuankömmlinge aus. In optimalen Lebensräumen kommt es dadurch zu einer starken Konzentration der Reviere. Auch in ökologisch mehr oder weniger gleichartigen Landschaften ist das ein häufiger Grund dafür, dass die Reviere ungleich verteilt sind.

Zu bestimmten Tageszeiten, z.B. am späteren Vormittag, sieht man die Männchen der benachbarten Brutpaare auf ihren Warten sitzen, wobei es den Eindruck macht, als würden sich die benachbarten Revierinhaber regelrecht unterhalten.

Die Verteilung und die Anzahl der Warten sind mitentscheidend für die Qualität des Neuntöter-Biotops, da er meist nur im Kreis von etwa 10 m um die Warte herum jagt. Entsprechend viele Warten sind notwendig. Gibt es wenige Insekten, wechselt er seine Warte häufiger und benutzt dann auch mehr Warten. Damit das Brutrevier gleichmäßig und effektiv genutzt werden kann, ist es grundsätzlich notwendig, dass die vorhandenen Warten gleichmäßig über das Revier verteilt sind.

Bevor die Jungen schlüpfen, jagt der Neuntöter gerne in der näheren Umgebung des Nestes. Da der Nahrungsbedarf der gesamten Familie während der Aufzuchtszeit der Jungtiere stark ansteigt, dehnt er die bejagte Fläche aus. Während der Führungszeit werden die Jagdflüge wieder stärker auf nahrungsreiche Teilgebiete des Reviers konzentriert. Besondere Bedeutung haben in dieser Zeit, besonders bei schlechten Wetterbedingungen, kurzrasige, gemähte Wiesen, da die Beutetiere wie beispielsweise Heuschrecken hier leichter zu fangen sind.

Er imitiert den Gesang anderer Vögel, indem er einzelne Gesangsteile in seinen eigenen, leisen Gesang einbaut.

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