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Braunkehlchen


Braunkehlchen © Christof Martin, piclease
Foto: Braunkehlchen © Christof Martin, piclease

Braunkehlchen (Saxicola rubetra)
Andere bekannte Namen: Wiesenschmätzer
Rote Liste Deutschland 2007: Diese Art ist derzeit nicht gefährdet.

In Europa gibt es derzeit noch etwa 5,4 – 10 Mio Brutpaare mit Verbreitungsschwerpunkten in Russland und Skandinavien. Auf Mitteleuropa entfallen davon etwa 570.000 bis 940.000 Brutpaare (Bauer et al. 2005), in Deutschland sind es etwa 29.000  bis 52.000 (Sudfeldt et al. 2013). Innerhalb weniger Jahrzehnte ist der einstige Charaktervogel  feuchter Wiesenlandschaften in vielen Regionen zur Seltenheit geworden. Nur zum Teil haben sich lokale Bestände halten können, da Flächen stillgelegt, die Nutzung von  Äckern und  Grünland extensiviert wurde oder großflächige Wiesenbrüterschutzgebiete ausgewiesen worden sind.

Lebensraum von Braunkehlchen

Verbreitung

Das Braunkehlchen brütet von Westeuropa bis nach Zentralsibirien. Die nördliche Verbreitungsgrenze bildet, ähnlich wie die der Bekassine, der 70. Grad Nord. Im Süden besiedelt sie die mediterrane Zone. In den Tieflagen Deutschlands ist die Art zwar weit, aber nur sehr lokal verbreitet. In den östlichen Ländern Europas finden sich noch bedeutende Populationen. Vor allem in den Wiesengebieten auf den Kammlagen der Mittelgebirge und in den Alpen bis etwa 2.300 m Meereshöhe gibt es noch stabile Populationen.

Über- schwemmungs- wiesen

Braunkehlchen haben sich in der Naturlandschaft vor allem die Überschwemmungswiesen in den  Flusstälern angepasst. Aus diesen Optimalbiotopen ist es schon fast völlig durch Biotopverlust verdrängt worden. Heutzutage besiedeln Braunkehlchen überwiegend halbnatürliche Ökosysteme, z.B.  Grünlandtypen, die durch extensive menschliche Nutzung entstanden sind.

Hochstaudenflure, Hecken

Die Wahl des Lebensraums ist für das Braunkehlchen mehr von dessen Struktur als von den darin vorkommenden Pflanzengesellschaften abhängig. Damit Braunkehlchen erfolgreich brüten können, müssen artenreiche Kräuterwiesen oder  Hochstaudenfluren vorhanden sein, die über die gesamte Brutperiode hinweg blühen und somit eine ausreichende Menge an Insektennahrung gewährleisten können.

Auf diesen  Wiesen finden sich zusätzlich viele Warten, auf denen sie sich niederlassen, um ihre Beute zu erspähen und Reviere durch ihren Gesang abzugrenzen. Als Warten genutzt werden beispielsweise sogenannte „Dürrständer“ vorjähriger Stauden (z.B. der Waldengelwurz), Weidezaunpfähle, niedrige Büsche und  Bäume.

Sind zu viele  Hecken oder Büsche vorhanden, nimmt die Siedlungsdichte ab. Braunkehlchen meiden die Nähe zu geschlossenen  Wäldern. Kleinere Laubholzgruppen oder niedrige Gehölze stellen jedoch kein Besiedlungshindernis dar.

Feuchtes Grünland

Die heutigen Vorkommen befinden sich fast ausschließlich in  feuchten oder nassen Wiesen und Brachen. Diese sind als Rückzugsbereiche zu verstehen, die noch die entsprechenden Strukturen liefern können. Früher war das Braunkehlchen auch im „normalen“ Wiesengrünland weit verbreitet. Seine Biotoppalette reicht von nicht zu  trockenen Wiesen, die auch mit einzelnen Büschen bestanden sein können, Niedermoorwiesen,  Hochstaudenfluren,  Großseggenrieden bis hin zu Streuwiesen.

vorübergehende Lebensräume

Aus Mangel an idealen Lebensräumen besiedeln die Tiere jedoch häufig auch nur vorübergehend besiedelbare Flächen, beispielsweise neu angelegte Fichtenkulturen, Böschungen,  Kahlschläge, Adlerfarnbestände auf Sandböden und  Ginsterheiden, die mit offenen Heideflächen durchsetzt sind. Verlieren diese Flächen ihre offenen Stellen oder wachsen die dort vorhandenen Gehölze zu hoch, geben Braunkehlchen solche Flächen wieder auf.

Felder

In der  Felderlandschaft des Tieflands kann sich das Braunkehlchen behaupten, wenn sich zwischen den Feldern kleine  Feuchtwiesen bzw.  Brachen mit  Stauden oder staudenreiche Säume entlang von Rainen oder Gräben finden. Auch eine Mindestmenge an Insektennahrung sollte vorhanden sein. Wartenarme oder gar völlig strauch- und stengellose Wiesengebiete bleiben zunächst unbesiedelt und werden erst besetzt, wenn es dem Braunkehlchen an Revieren mangelt. Problematisch ist hier, dass sich die Reviere durch die fehlenden Grenzwarten nur eingeschränkt abstecken lassen. Dies führt ständig zu energiezehrenden Streitigkeiten zwischen benachbarten Revierinhabern.

Sind die Vorraussetzungen optimal, können Reviere klein bleiben und lediglich eine Ausdehnung von 100 x 75 Metern haben. Randrevieren fehlt eine Begrenzung nach außen, der freie Raum wird aber selten über das übliche Reviermaß von einem bis wenigen hundert Quadratmetern hinaus genutzt.

Bestände

Leben Braunkehlchen in wenig beeinflussten, naturbelassenen Biotopen wie  Heiden,  Mooren und Streuwiesen, unterliegen ihre Populationen nur kleinflächigen und kurzfristigen Bestandsschwankungen. Je nach Jahr schwanken die Bestände zwischen 30 und 50 Prozent. Kommen menschliche Eingriffe in den Lebensraum dazu, sind die Verluste jahrweise oft noch größer.

Gefährdung von Braunkehlchen

Braunkehlchen bevorzugen Feuchtlebensräume und Trockenflächen, die mindestens einmal jährlich genutzt werden. Intensiv genutzte, mehrfach in kurzen Zeitabständen gemähte Wiesen oder nicht mehr genutzte Wiesen, die durch Sukzession sehr schnell in ungünstige Habitate übergehen, werden als Bruthabitat aufgegeben. Durch hohe Nährstoffeinträge wachsen auf solchen Flächen langfristig sehr dichte Pflanzenbestände, deren abgestorbene Bestandteile auf dem Boden lagern und so zu dichten und feuchten Verhältnissen führen. Auf solchen Flächen verarmt die Kräutervielfalt und damit der Reichtum an Insektenarten.

Eine Reihe weiterer Eingriffe gefährden die Lebensräume: Wiesenumbrüche, Aufforstungen und die Zusammenlegung von Flächen, die dann großflächig bewirtschaftet werden und deren Randstrukturen wegfallen. Auch eine Düngung, die schnell- und dichtwüchsige, artenarme Pflanzenbestände bewirkt, die sehr früh bereits das erste Mal und in Folge mit kurzen Intervallen erneut gemäht werden, verändert die Flächen für Braunkehlchen negativ.

Hinzu kommen Entwässerung durch Absenkung des Grundwasserspiegels, Überweidung mit der Folge von durch Viehtritt verursachten Gelegeverlusten sowie die Nahrungsknappheit nach dem Versprühen von Bioziden.

Die Vorraussetzungen, um geeignete Überwinterungsgebiete zu erreichen und erfolgreich zu überwintern, werden immer schwieriger. Ein Hauptgrund für den Bestandsrückgang ist, dass sich die extremen Dürrejahre im Sahel-Überwinterungsgebiet in Afrika häufen. Der Schutz der Braunkehlchen im Brutgebiet reicht hier nicht aus, um sie langfristig zu erhalten.

Auch die großräumig natürlichen Landschaften in den Überwinterungs- und Rastgebieten müssen erhalten werden. Dies ist eine internationale Aufgabe des Artenschutzes. Solange der Austausch mit benachbarten Populationen funktioniert, bleiben sehr kleine Populationen oft lange bestehen. Erlischt eine Teilpopulation, z.B. infolge von Biotopverlust, verliert die Gesamtpopulation einen wichtigen Trittstein im vernetzten Populationsgefüge. Je mehr Teilpopulationen sich „auf verlorenem Posten“ befinden, umso eher räumt das Braunkehlchen größere Teile seines Verbreitungsgebiets.

Da Braunkehlchen oft in ihr vorjähriges Brutgebiet zurückkehren und sich geklumpt ansiedeln, werden verwaiste Gebiete oft nicht oder nur schleppend wiederbesiedelt. Hinzu kommt ein fehlender oder zu geringer „Populationsdruck“ der noch bestehenden Populationen. Maßnahmenflächen für das Braunkehlchen liegen daher möglichst nahe zu bestehenden Revieren.

In vielen noch bestehenden Teilpopulationen reicht die Nachwuchsrate nicht einmal mehr aus, um den eigenen lokalen Bestand an Brutvögeln zu sichern. Damit ist ein weiterer Rückgang der Braunkehlchenbestände vorprogrammiert. Auch durch starke Störungen (z. B. Anwesenheit von Menschen, freilaufende Hunde) können Habitatentwertungen auftreten.

Weder der Druck durch Feinde noch die schlechte Witterung oder auch beide Faktoren zusammen, können eine Braunkehlchen-Population auslöschen. Erst wenn ein dritter, bestandsgefährdender Faktor hinzukommt, erreichen die Tierverluste schnell ein bestandsbedrohendes Niveau von über 50 Prozent.

Schutz von Braunkehlchen

Folgende Maßnahmen tragen zum Schutz des Braunkehlchens bei:

Habitatgestaltende Maßnahmen

  • Feuchtwiesen-Schutzprogramme auf großen zusammenhängenden Wiesenflächen mit Förderung der Ansiedlung durch Strukturbereicherung (u. a. mit Belassen von im mehrjährigen Rhythmus gemähten Altgrasstreifen), mit Wiedervernässung und extensiver Nutzung, mit Reduktion von Biozidbehandlungen und Düngungen (Ziel: Ausmagerung),
  • Stehenlassen von Randstreifen,
  • Erhaltung von Staudenfluren,
  • Reduzierung der Bodenverdichtung und
  • Sicherung und extensive Nutzung und Pflege von Streuwiesen.

Reduzierung von Störungen

  • Erholungssuchende müssen Rücksicht auf vorhandene Braunkehlchenbestände nehmen. Sie sollen sowohl Wegegebote, Wegesperrungen und die Anleinpflicht für Hunde befolgen.
  • Allgemeinen Beruhigung der Braunkehlchenhabitate z. B. durch Verzicht auf Flugsportarten und Wegerückbau.

(Bauer et al. 2005)

Biologie des Braunkehlchens

Systematik

Ordnung: Passeriformes (Singvögel)
Familie: Turdidae (Drosselvögel)

Aussehen

Braunkehlchen wirken kurzschwänzig und kompakt. Auf der Singwarte, einem Stengel einer Staude oder einem Pfahl, steht es aufrecht, knickst und wippt mit dem Schwanz. Es fliegt meist sehr dicht über die Vegetation hinweg, wobei es einen weißen Bugfleck, einen weißen Längsstreifen an der Flügelwurzel und die weiße Schwanzwurzel zeigt.

Das Männchen hat schwarzbraune, weiß gesäumte Kopfseiten, einen deutlichen, weißen Überaugenstreif, eine orange Kehle, eine ebensolche Brust und eine kontrastreich braunschwarz gefleckte Oberseite. Die Federn der Oberseite sind hellbraun gesäumt, während die beiden mittleren Schwanzfedern dunkelbraun und die übrigen an der Federbasis scharf weiß von der dunkelbraunen Federspitze abgesetzt sind.

Das Weibchen ist weniger kontrastreich gefärbt. Es hat eine unauffällige Gesichtszeichnung mit einem gelblich verwaschenen Überaugenstreif, eine hellbraun-beige Kehle, eine ebensolche Vorderbrust- und Kopfseitenfärbung sowie eine einfarbig braune Unterseite.

Die Jugendkleider beider Geschlechter ähneln dem des erwachsenen, ausgefärbten Weibchens, doch fehlen ihm die weißen Flügelflecke und das übrige Gefieder ist deutlich tropfenförmig dunkel gefleckt.

Fortpflanzung

Nach strengen Wintern, denen ein kühles und nasses Frühjahr folgt, dauert die Besetzung der Brutreviere durch Braunkehlchen viel länger (von Mai bis in den Juni) als in Jahren mit günstigeren klimatischen Verhältnissen. Auch der Legebeginn verschiebt sich nach hinten, wird aber zwischen den einzelnen Paaren synchronisiert. Braunkehlchen beginnen meist zwischen dem 10. und 20. Mai, ihre Eier zu legen. Beginnt die Brut (Erstbrut und Nachgelege) später, verringert sich die Zahl der abgelegten Eier. Dies wird auch als Kalendereffekt bezeichnet. In besonders milden Jahren mit zeitigem Brutbeginn im Frühjahr brüten Braunkehlchenpaare gelegentlich ein zweites Mal.

Jedes Männchen beansprucht im Umkreis des Nests ein Revier von etwa 120 – 150 m, das es akustisch durch seinen Gesang auf den Warten abgrenzt. Nester stehen häufig in der Nähe von kleinen Büschen oder auf sogenannten Kleinstrukturen wie Grabenrändern, Grasbüscheln oder Brachenrändern. Seltener finden sie sich in der freien Wiese. Meist liegen die Nester auf dem Boden in einer kleinen Mulde und werden sehr gut von dichtem Pflanzenwuchs verdeckt.

Sie werden aus verschiedenen Halmen und Grasblättern gebaut und mit zarten, trockenen Gräsern und Tierhaaren gepolstert. Das Männchen beteiligt sich am Nestbau nicht. Das Gelege enthält 4 – 7 Eier, die grünblau gefärbt sind. Das Weibchen brütet allein und wird vom Männchen gefüttert. Brutdauer und Nestlingszeit betragen jeweils 12 – 13 Tage.

Beide Partner füttern die Küken. Das Männchen hält sich stets in der Nähe des Nests auf und warnt das Weibchen und die Jungtiere bei Gefahr. Um die Brut nicht zu verraten, halten sich die Altvögel, wenn ein Feind in Sicht ist, solange nicht am Nest auf, bis er mindestens 100 m entfernt ist.

Je mehr die Brut heranwächst, umso mehr verlieren die Reviergrenzen an Bedeutung. Haben die Jungtiere ihre Flugfähigkeit nach 17 – 19 Tagen erreicht, beginnt die Familie, das Brutrevier aufzugeben. Wenn die Jungen ein Alter von 26 – 28 Tagen erreicht haben, löst sich die Familie ganz auf.

Nahrung

Die wichtigste Rolle im Speiseplan der Braunkehlchen spielen Insekten, die von der Warte aus gesehen und im Flug erbeutet werden. Spinnen, Schnecken, Würmer und Insektenlarven werden von Pflanzen abgelesen. Gerne steht das Braunkehlchen im „Rüttelflug“ vor einer Schirmblüte und sammelt dort die Insekten ab. Im Spätsommer werden auch Samen und Beeren gefressen.

Natürliche Feinde

Das Braunkehlchen ist in seinen Lebensräumen Überschwemmungen, klimatisch ungünstigen, kühl-feuchten Frühsommern, Spätfrösten oder späten Schneefällen und Feindeinflüssen ausgesetzt. Da das Braunkehlchen auf dem Boden brütet, hat es viele Gelegefeinde wie Fuchs, Dachs, Waschbär, Marder, Wildschwein und  Rabenkrähen.  

Sogar Schnecken können das Braunkehlchen zur Brutaufgabe veranlassen, wenn sie die Eier überkriechen und damit das Nest verschleimen.

Verhalten

Das Braunkehlchen ist ebenso wie die Würgerarten (z.B.  Neuntöter) eine soziale Art. Im Brutrevier ankommende Männchen sind bestrebt, sich in unmittelbarer Nachbarschaft von bereits besetzten Revieren anzusiedeln. Dadurch kommen Anhäufungen von Revieren zustande, die sich nicht alleine durch die Biotopgegebenheiten erklären. Andere Teile geeigneter Wiesen bleiben dann, vor allem bei geringem Besiedlungsdruck, in manchen Jahren unter Umständen unbesetzt.

Der Gesang besteht aus einem kurzen und abgehackt endenden Liedchen aus rauh kratzenden und reinen Pfeiftönen. Häufig ruft das Braunkehlchen ein schmatzendes „tk-tk-tk“, dem ein kurzer Pfeifton wie „jü-tk-tk“ klingend vorausgeht. Braunkehlchen beginnen bereits in der frühen Dämmerung mit ihrem Gesang.

Eine Besonderheit beim Braunkehlchen ist, dass es Strophen anderer Vogelarten in seinen Gesang einbaut. In der Langen Rhön (Bayern) kommen beispielsweise seit Jahren Karmingimpel im Brutgebiet des Braunkehlchens vor, eine Situation, die es in Deutschland nicht häufig gibt. Da die Braunkehlchen zeitlich vor den Karmingimpeln eintreffen und dennoch deren Strophen imitieren bedeutet, dass sie deren Gesang noch aus dem Vorjahr kennen müssen. Indirekt kann dadurch die Brutortstreue der Braunkehlchen belegt werden.

Das Braunkehlchen überwintert in den Grasländern Ostafrikas, in den äquatorialen Küstenzonen und in den Savannen Westafrikas. Sie ziehen ab August und September in breiter Front über die Sahara hinweg ins Winterquartier.

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