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Seehund


Seehund, Nordsee © Stefan Ott, piclease
Foto: Seehund, Nordsee © Stefan Ott, piclease

Seehund (Phoca vitulina)
Rote Liste Deutschland 2007: Die Art ist derzeit nicht gefährdet.

Auf europäischer Ebene ist der Seehund in Anhang II der   FFH -Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie) geschützt. Die Bundesrepublik ist aufgrund der in Deutschland lebenden Bestände in hohem Maße verantwortlich für den Schutz der Art.

Die Vorfahren der Seehunde lebten vor 40 Mio Jahren an Land. Der Seehund ist mit Bären und Mardern verwandt. Einst wurde der Seehund im Deutschen in Anlehnung an seinen lateinischen Namen als Seekalb bezeichnet (vitula = Kalb).

Bis in die 1970er Jahre wurden Seehunde im Wattenmeer nicht gezählt. Es gab so viele davon, dass niemand es für notwendig hielt, sie zu zählen. Bestandsangaben kann man daher nur anhand von Jagdstatistiken errechnen. Demnach lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 37.000 Seehunde im Wattenmeer der Nordsee. Langsam und kontinuierlich ging dieser Seehundbestand zurück, in Holland z.B. von über 2.000 Tieren um 1950 auf nur noch etwa 500 Tiere Ende der 1970er Jahre.

Seit 1972 werden die Seehunde der Nordsee im Rahmen von Zählflügen systematisch erfasst. 1975 zählte man nur noch 4.000 Tiere entlang der gesamten Wattküste. Nachdem die Jagd auf Seehunde verboten wurde, vermehrten sie sich bis 1987 wieder auf 8.500 Tiere. Während der PDV-Epidemie (Seehundstaupe) im Jahr 1988 kamen etwa 60 % der Gesamtpopulation ums Leben. Als Reaktion auf das große Seehundsterben werden die Seehunde seit 1990 im Rahmen der Bonner Konvention, geschützt. Seitdem haben sich die Bestände erholt. So wurden, ausgehend von den überlebenden 4.000 Tieren 2010 im gesamten Wattenmeer wieder 21.375 Tiere gezählt.

Die verschiedenen Vorkommen in den Wattgebieten der Niederlande, Niedersachsens, Schleswig-Holsteins und Dänemarks stehen in regelmäßigem Austausch und gehören großräumig zusammen. Die höchsten Seehunddichten werden in Schleswig-Holstein und an der dänischen Wattküste erreicht.

Lebensraum von Seehunden

Seehunde leben im Wasser und an Land. Sie benötigen dementsprechend fischreiche, flache Küstengewässer mit ruhigen Buchten und vorgelagerten Sandbänken.
In Europa lebt der Seehund in den Küstengewässern der Nordsee, der westlichen Ostsee und des Atlantiks. Die größten Atlantikbestände finden sich an den Küsten Islands und Großbritanniens. Eine Ausnahme stellt die Seima-Robbe dar: sie lebt nicht im Meer sondern im Süßwasser, im Seima-Seengebiet Finnlands.

Der Lebensrhythmus der Seehunde passt sich in den Wechsel zwischen Ebbe und Flut ein, der 4 mal täglich stattfindet. Die bevorzugten Sandbänke liegen an den tiefen Prielen und an den Öffnungen zwischen den Inseln (Seegatts), weil hier durch den Gezeitenstrom die Wasserrinne 10 – 20 m tief ausgespült ist und die Seehunde bei Gefahr gut wegtauchen können. Der Seehund ist mit seinem hervorragenden Schwimmvermögen an die dort herrschenden, rasanten Strömungen gut angepasst.

Gefährdung von Seehunden

Jagd

Schon immer wurde der Seehund verfolgt. Das ausgelassene Fett aus der Speckschicht diente zum Imprägnieren von Leder. Aus Tranöl wurde Margarine hergestellt; außerdem galt es als Heilmittel gegen die Hautschuppenflechte. Der Pelz wurde zu Mützen, Schuhen, Mänteln und Decken verarbeitet. In Notzeiten verwendete man Seehundöl als Lampenöl.

Als die Seehundjagd im Wattenmeer noch weit verbreitet war, nutzten Seehundjäger die schwache Sehleistung der Seehunde auf dem Land aus. Sie näherten sich den auf den Sandbänken liegenden Seehunden durch eine seehundartige Fortbewegung bis auf Schussentfernung. Der Seehund lässt sich durch dieses sogenannte „Hucksen“ allerdings nur täuschen, wenn es einer perfekten Nachahmung seiner eigenen Fortbewegung entspricht.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es für jeden erlegten Seehund eine Prämie, weil sie als Konkurrenten der Fischer angesehen wurden. Mit Netzen und Schusswaffen dezimierte man die Bestände auf wenige tausend Exemplare. Zuerst entschlossen sich im Jahr 1962 die Niederlande dazu, die Seehunde unter Schutz zu stellen, Niedersachsen (1973), Schleswig-Holstein (1974) und Dänemark (1977) folgten.

Heute betreuen die Landesjägerschaften die Seehundstationen und setzen sich für den Schutz des Wattenmeeres und der Seehunde ein. Trotzdem sind Seehunde als Folge der Bejagung sehr scheu geworden. Sie betrachten alle Menschen als potenzielle Feinde und reagieren auf deren Anwesenheit schon auf sehr große Entfernung. Die Fluchtdistanzen sind sehr groß.

Tourismus

Im Sommer wird das Wattenmeer von 4 – 5 Mio Besuchern zur Erholung aufgesucht. Durch Bootsverkehr,  Surfer und Wattwanderer werden Seehunde in ihren Rückzugsbereichen gestört. Dabei stellt der Schiffsverkehr, der größtenteils touristischen Zwecken dient, die häufigste Ursache von Störungen dar. Bis zu 100.000 Schiffsbewegungen im Jahr wurden im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gezählt. An Sommertagen können zwischen 250 und 500 Sportboote dort unterwegs sein. Der rein touristisch motivierte Schiffsverkehr machte 1994 bis zu 75 % der Störungen durch Boote aus.

Folgen der Störung

Werden die Seehunde während der Paarung, der Geburt, Jungenaufzucht oder des Fellwechsels im Sommer häufig gestört, kann das bestandsgefährdend sein. Verschiedene Faktoren beeinflussen das Verhalten der Tiere. Die Art und Entfernung der Störquelle, der Zeitpunkt der Störung (zu Beginn oder zu Ende der Ebbe), die Anzahl bereits vorausgegangener Störungen, Gewöhnungseffekte, gleichzeitige Reaktionen anderer Tierarten (z.B.  Eiderenten) und selbst die Witterung können das Verhalten der Tiere verändern und machen eine Fluchtreaktion nicht vorhersagbar.

Zu bestimmten Phasen haben Störungen sehr gravierende Folgen. Wenn Muttertiere aufgrund von Störungen die Sandbänke für die Geburt nicht zu Beginn der Ebbe aufsuchen können, sondern erst später, bleibt nicht genug Zeit, das Neugeborene ausreichend zu säugen. Dem Jungtier fehlen dann lebenswichtige Stoffe, die nur in der ersten Muttermilch enthalten sind. Dies kann dazu führen, dass der Inhalt des Magen-Darm-Traktes fault und das Jungtier stirbt.

Auch Störungen während der weiteren Entwicklung der jungen Seehunde sind gravierend, denn gerade die Jungtiere benötigen viele Säuge- und Erholungsphasen an Land. Nach einem Säugen nehmen sie bis zu 400 g an Gewicht zu. Bleiben Säugephasen aufgrund von Störungen aus, kann dies zu einer Unterernährung führen. Krankheiten und der Befall durch Parasiten werden dadurch begünstigt. Im schlimmsten Fall sterben die Jungtiere durch Erschöpfung. Im Wattenmeer sterben so bis zu 60 % der Jungtiere; in vergleichbaren, ungestörten Gebieten liegt diese Zahl unter 20 %.

Die sehr vorsichtigen Muttertiere halten große Fluchtdistanzen ein und flüchten bei einer Störung oft panikartig ins Wasser. Kann das Jungtier nicht schnell genug folgen, reisst unter Umständen die Verbindung zur Mutter ab. Bei länger anhaltenden Störungen kann die Mutter ihr Junges oftmals nicht wiederfinden und das Jungtier verwaist, es wird zum „Heuler“.

Müssen Seehunde häufig fliehen, scheuern sie sich beim Robben auf dem Sand den Bauch wund, bei Jungtieren betrifft dies auch die Nabelschnur. Für die Heilung solcher Wunden ist es wiederum wichtig, sie auf ungestörten Sandbänken durch Luft und Sonne trocknen zu können.

Früher verteilten sich die Seehunde auf Sandbänken des gesamten Wattgebietes, wo sie lange Ruhepausen halten konnten. Durch die Zunahme des Freizeitrummels im Wattenmeer sind die Tiere aus den als Badestränden genutzten Gebieten abgewandert. Viele andere Liegeplätze, die häufig gestört werden, wurden auch verlassen oder werden nur noch nachts genutzt. Auf den übrigen Sandbänken beschränken sich die Seehunde auf den Bereich an der Wasserlinie, wo sie sich immer nah der Wasserlinie aufhalten, um sofort flüchten zu können. Dadurch wird die Ruhephase immer wieder durch Aktivität unterbrochen, lange Ruhepausen sind nicht mehr möglich.

Robbensterben

Im Jahre 1988 machte ein großes Robbensterben Schlagzeilen. Es wurde durch Sattelrobben ausgelöst, die weit nach Süden gewandert waren und ein Virus mitbrachten, gegen das sie selbst immun waren, das aber bei den Seehunden die Seehundestaupe auslöste. Das Seehundstaupe-Virus PDV konnte deshalb so verheerend wirken, weil die Seehunde des Wattenmeeres durch diverse Umweltgifte in ihren Abwehrkräften zusätzlich stark geschwächt sind. 2002 brach der Virus erneut aus; diesmal starben über 20.000 Tiere.

Schadstoffe

Nord- und Ostsee sind große Sammelbecken für Schadstoffe, die entweder direkt eingeleitet werden oder über die großen Flüsse heran transportiert werden. Viele Schadstoffe (z.B. Polychlorierte Biphenyle PCB) oder Schwermetalle wie Cadmium, Blei, Quecksilber lassen sich nur in kaum messbaren Konzentrationen feststellen. Über die Nahrungsketten (z.B. Mikroorgansimen – Plankton – Fische – Robben) konzentrieren sie sich jedoch in den größeren Lebewesen. Die Schadstoffe sind meist fettlöslich. Sie können den Körper nicht verlassen und werden im Fettgewebe gespeichert. Die Belastung der Nordsee hat zwar in Bezug auf PCBs zwischen 1950 und 1980 um über 50 % abgenommen, dafür gelangen jedoch andere Stoffe in die Nordsee und damit ins Wattenmeer. Häufig werden diese mit den Messprogrammen nicht erfasst oder sind in ihren Wirkungen auf das Ökosystem noch nicht erforscht.

Aus Rhein, Ijsselmeer, Ems, Weser und Elbe gelangen sehr hohe Phosphat-, Nitrat, Nitrit, Ammonium- und Silikatmengen in die Nordsee. Diese Stoffe wirken als Düngemittel und führen zur Eutrophierung. Da die Nordsee durchschnittlich nur 70 m tief ist und in der gemäßigten Klimazone liegt, ist sie schon grundsätzlich nährstoffreicher und wärmer als die arktischen Meere.

Auf der einen Seite profitieren die Seehunde davon, weil sich ihr Nahrungsangebot verbessert. Auf der anderen Seite steigt aber auch die Belastung mit Keimen, d.h. Bakterien und Viren und damit die Infektionsgefahr der Seehunde. Dies wirkt sich vor allem dann aus, wenn die Tiere Verletzungen haben. Da sowohl die Seehunde als auch Schiffe bevorzugt tiefe Priele nutzen, kann es durch die starke Strömung und den von den Motorbooten erzeugten Sog zu Kollisionen der Tiere mit Schiffsschrauben kommen. Dabei ziehen sich die Seehunde meist tiefe Schnittwunden zu, die entweder sofort tödlich sind oder aber durch spätere Entzündungen und innere Verletzungen nachträglich zum Tod führen.

Fischen

Verlorengegangene Fischernetze, die meist auch noch Fischreste enthalten, stellen ebenfalls eine Gefahr für Seehunde dar. Gelangen Seehunde in Stell- oder Schleppnetze, kommt es zum Tod durch Ertrinken, wenn sie sich in den Netzen verfangen.

Landgewinnung

All diese Gefährdungsfaktoren wie Schadstoffbelastung, Nährstoffanreicherung und Störungen verstärken sich gegenseitig in ihrer negativen Wirkung auf die Seehundbestände. Hinzu kommt, dass die Landgewinnung an der Nordsee durch Eindeichung mehr als 2.000 km2 Salzwiesen umfasste. Dadurch wurde der Lebensraum Wattenmeer um über ein Viertel verkleinert. Es gingen damit nicht nur Schlickflächen und Sandbänke verloren, sondern auch wichtige Jungfischlebensräume von Heringen, Schollen und Flundern. Solche Eindeichungen verhindert heute der Naturschutz.

Schutz von Seehunden

Abstand halten

Eine Schiffstour zu den Seehundbänken gehört für viele Naturfreunde zum Pflichtprogramm in den Wattenmeer-Nationalparks. Der runde Kopf, die dunklen Kulleraugen und die Neugierde machen Seehunde zu possierlichen Naturobjekten für Touristen. Im Wasser fühlen sich Seehunde sicher, sind neugierig, werden zutraulich und begleiten Schiffe. An Land, z.B. auf einer Seehundbank, sind sie jedoch ausgesprochen scheu, so dass bei Sightseeing-Fahrten ein ausreichendender Sicherheitsabstand eingehalten werden muss, um die Tiere nicht zu stören.

Heuler

Findet man Heuler an Badestränden, in Hafenanlagen oder weit entfernt von den eigentlichen Seehundbänken, sollte man die Polizei, den örtlichen Jagdpächter oder eine Seehundstation informieren. Fachpersonal entscheidet dann, wie weiter mit dem Heuler verfahren wird und ob er in menschliche Obhut gebracht wird. Die Richtlinie zur Behandlung erkrankter, geschwächter oder verlassen aufgefundener Seehunde (Heulerrichtlinie) ist deshalb erlassen worden, weil die Aufzucht von Seehunden auch Gefahren in sich birgt. Möglicherweise werden Krankheitserreger bei der Auswilderung gepflegter Seehunde in die Wildtierpopulation übertragen, deren Auswirkungen nicht abschätzbar sind.

Grundsätzlich sind gefundene Tiere am Fundort zu belassen. Die Heuleraufzucht ist nicht notwendig, um die Seehundbestände zu stützen und sie ist kein vollwertiger Ersatz der mütterlichen Fürsorge. In menschlicher Obhut können die jungen Seehunde viele überlebenswichtige Verhaltensweisen gar nicht erlernen, die ihnen ihre Seehundmutter beigebracht hätte. In Dänemark gibt es keine Heulerstationen mehr. Hier hält man diese Art des Eingreifens in die Natur für unnatürlich, die natürliche Auslese würde verhindert und in Nationalparks sei möglichst jede Art von Eingriff zu vermeiden. Im ganzen Watt gibt es nur noch zwei niederländische und zwei deutsche Seehundstationen. Hier werden nach strengen Kriterien Heuler aufgezogen, aber auch die Touristen werden hier über das richtige Verhalten im Watt belehrt. Denn das Fehlverhalten von Touristen ist die Ursache für verwaiste Heuler und die Devise lautet: Heulervermeidung geht vor Heuleraufzucht!

Schutz des Wattenmeeres

Die wichtigste Schutzmaßnahme der Seehunde ist die Minimierung der Belastungen von Wattenmeer und Nordsee. Solange die natürliche Dynamik im Wattenmeer zugelassen wird, handelt es sich noch immer um einen weitgehend intakten Lebensraum. Die Anrainerstaaten Dänemark, Niederlande und Deutschland haben Nationalparks im Wattenmeer eingerichtet, die sich allerdings von Land zu Land in ihren gesetzlichen Bestimmungen unterscheiden. In Deutschland ist eine Fläche von 5.400 Quadratkilometern gesetzlich geschützt. Kurioserweise verlieren die Nationalparkflächen bei Flut ihre Gültigkeit, da sich die Schutzbestimmungen nur auf Landesflächen beziehen. So ist das Wattenmeer bei Flut eine Bundeswasserstraße und bei Ebbe ein Nationalpark.

Biologie des Seehunds

Systematik

Klasse: Mammalia (Säuger)
Ordnung: Carnivora (Raubtiere)
Unterordnung: Pinnipedia (Wasserraubtiere)
Familie: Phocidae (Echte Robben, Hundsrobben)

Aussehen

Seehunde haben einen langgestreckten, spindelförmigen Körper, große Augen und lange Schnurrbarthaare. Ihr Fell ist kurzhaarig, sehr dicht und liegt eng am Körper an. Der Pelz der Seehunde ist in der Regel grau gefleckt, er kann aber auch variabel gefärbt sein. Die Ohren bestehen nur aus den Ohrlöchern. Die Ohrmuscheln fehlen, wodurch sich der Strömungswiderstand beim Schwimmen reduziert. Die Nasenlöcher sind spaltenförmig und verschließbar.

Als Anpassung an die Fortbewegung im Wasser sind die Gliedmaßen flossenartig entwickelt. Zwei Flossen sitzen hinten am Körperende und zwei Flossen befinden sich im Brustbereich. Die oberen Knochen der Flossen (vergleichbar unserem Ober- und Unterarm bzw. Ober- und Unterschenkel) sind stark verkürzt und liegen im Rumpf verborgen. Die eigentliche Flosse besteht deswegen im wesentlichen aus der verstärkten Hand bzw. dem verstärkten Fuß.

An den Brustflossen nimmt die Fingergröße vom 1. bis zum 5. Finger ab. Die Fingerglieder weisen lange Nägel aus Hornsubstanz auf, die den Seehunden bei der Fortbewegung an Land hilfreich sind. Die Hinterflossen sind nach hinten ausgestreckt und mit einer Schwimmhaut versehen.

Während die Vorderflossen beim Schwimmen die Richtung bestimmen, dienen die Hinterflossen als Antriebsruder und können den Seehund auf eine Höchstgeschwindigkeit von 35 km/h beschleunigen. Dieses Tempo wird jedoch nur kurzfristig eingehalten. Lange Strecken legen die Seehunde mit durchschnittlichen 7 – 8 km/h zurück.

Das Gebiss ist kräftig, wenig differenziert und weist nur leicht vergrößerte Eckzähne auf. Seehunde haben keine Reißzähne. Bei ihnen sind alle Zähne relativ spitz und damit zum Festhalten der glitschigen Fischbeute gut geeignet.

Weibchen erreichen eine Körperlänge von 120 – 150 cm, Männchen werden mit 150 – 180 cm etwas größer. Die weiblichen Tiere können 45 – 105 kg, die Männchen 55 – 130 kg schwer werden. Seehunde erreichen ein Höchstalter von 40 Jahren.

Fortpflanzung

Seehunde sind für die Fortpflanzung, die Geburt und die Aufzucht der Jungen auf ein intaktes Wattenmeer angewiesen.

Die Weibchen werden nach 3 – 4, die Männchen nach 5 – 6 Jahren geschlechtsreif. Die Paarungszeit erstreckt sich von Ende Juli bis Anfang September. In der Paarungszeit kommt es zwischen Rivalen zu heftigen Kämpfen, bei denen Biss- und Kratzwunden auftreten. Die Männchen, die diese Kämpfe für sich entscheiden, fordern die Weibchen auf den Sandbänken zur Paarung auf, die dann im Wasser vollzogen wird.

Ist das Ei im Mutterleib befruchtet, durchläuft es eine kurze Entwicklungsphase. Anschließend folgt bis Ende November eine „Keimruhe“, bei der sich der Embryo nicht verändert. Ab Dezember setzt sich dann die Entwicklung des Embryos fort und dauert 8 – 9 Monate. Im Juni und Juli gebären die Weibchen ihre Jungen auf entlegenen Sandbänken, den sogenannten „Mutterbänken“.

Den Geburtszeitpunkt kann das Weibchen offensichtlich exakt planen. Sobald die Flut zurückgeht und die Sandbänke frei werden, robben die Weibchen an Land, um in einer Sturzgeburt ihr Junges zur Welt zu bringen. Die kurze Zeit der Ebbe benötigt das Weibchen, um sich von den Anstrengungen des Gebärens zu erholen und ihr Junges das erste Mal zu säugen. Die Zitzen der Mutter befinden sich versteckt in Hauttaschen, die im hinteren Körperdrittel seitlich am Bauch liegen. Vor dem ersten Säugen muss das Jungtier die Zitzen erst aus der Haut hervordrücken. Die nächste Flut zwingt das Jungtier bereits, der Mutter ins Wasser zu folgen. Deshalb ist den jungen Seehunden das Schwimmen angeboren. Sie hätten keine Zeit, es zu erlernen.

Die Jungen sind beim Schwimmen schnell erschöpft. Sie krallen sich dann mit ihren Vorderflossen auf dem Rücken der Mutter fest und lassen sich tragen. Werden Jungtiere durch widrige Witterungsbedingungen (z.B. eine aufgewühlte See mit Sturm und meterhohen Wellen) von ihren Müttern getrennt, beginnen sie zu heulen. Wenn die Mutter die Kontaktrufe wahrnimmt, sucht sie das Jungtier auf. An der Stimme und am Geruch überprüft sie, ob es auch tatsächlich ihr Junges ist. Dann sorgt sie mit einer frischen Ration Muttermilch für eine Stärkung ihres wiedergefundenen Jungtiers. Fremde Jungtiere werden nicht angenommen. Heulende Jungtiere müssen aber nicht zwangsläufig von ihrer Mutter verlassen oder getrennt sein. Sie können auch einfach hungrig sein, weil die Mutter aufgrund einer Störung die Sandbank nicht zur gewohnten Zeit zum Säugen aufsucht.

Die Jungtiere wachsen aufgrund der äußerst fetthaltigen Milch (45 % Fettanteil) sehr schnell. Schon nach 4 – 5 Wochen Betreuung verlassen die Mütter ihre Jungen, um sich im August mit den Männchen zu paaren. Zu diesem Zeitpunkt sind die Jungtiere bereits entwöhnt.

Die jungen Seehunde müssen sich das Fangen von Garnelen, Krebsen und Fischen selbst beibringen. Bis zur Entwöhnung durch die Mutter haben sie ihr Geburtsgewicht von 7 – 9 kg auf 27 Kilogramm verdreifacht. Auf sich allein gestellt, zehren sie bei zunächst noch mäßigem Fangerfolg von ihren Fettreserven. Bis Mitte August verlieren einzelne Jungtiere wieder bis zu 40 % ihres Gewichts und wiegen dann unter 20 kg.

Nahrung

Seehunde fressen viele verschiedene  Fischarten. Dazu zählen Grundeln, Dorsche, Wittlinge, Seeskorpione, Sandaale, Makrelen, Seenadeln oder Knurrhähne, vor allem aber Plattfische wie Schollen oder Flundern. Sie sind Opportunisten, d.h. sie nutzen zuerst die leicht erreichbaren Nahrungsquellen.

Die Mehrzahl der Seehund-Nahrungstiere ist für die Fischerei uninteressant, somit stellt der Seehund keine Konkurrenz zur Fischerei im Wattenmeer dar. Seehunde fressen auch die von den Fischern über Bord geworfenen Fische, die sich in den Garnelennetzen verfangen haben. Sogar tote Fische werden vom Seehund verspeist. Kopffüßer (z.B. Tintenfische), Garnelen, Krabben, Muscheln und Schnecken gehören ebenfalls zum Speiseplan.

Junge Seehunde fressen vor allem Garnelen, Grundeln und sehr kleine Fische. Als erwachsene Tiere benötigen sie mehrere Kilogramm Fisch pro Tag.

Natürliche Feinde

Seehunde haben im Wattenmeer keine natürlichen Feinde.

Verhalten

Der Lebensrhythmus der Wattbewohner wird durch den Gezeitenwechsel bestimmt. Ungestörte Seehunde bleiben auf den Sandbänken solange auf dem selben Platz liegen, bis die auflaufende Flut sie wieder erreicht. Hin und wieder beobachten sie die Umgebung mit angehobenem Kopf. Steigt das Wasser mit der Flutphase an, werden die meisten Sand-Ruhebänke der Seehunde überspült. Dann gehen die Tiere ins Wasser auf Nahrungssuche, wobei flache Bereiche bevorzugt werden. Sie können mehrere Minuten unter Wasser die Luft anhalten, um  Fische zu jagen. In regelmäßigen Abständen stecken sie den Kopf aus dem Wasser und tauschen die verbrauchte Luft aus.

Durch besondere Anpassungen können Seehunde länger als 5 min tauchen und dabei eine Tiefe von 200 m erreichen. Sie haben im Verhältnis zum Körpergewicht 70 % mehr Blut als der Mensch. Außerdem enthalten die roten Blutkörperchen mehr Blutfarbstoff-Moleküle (Hämoglobin) und können dadurch etwa doppelt soviel Sauerstoff transportieren wie die roten Blutkörperchen des Menschen. Seehunde haben in den Muskeln außerdem einen hohen Gehalt an Myoglobin-Eiweiß. Dieses Eiweiß speichert ebenfalls Sauerstoff und ermöglicht so eine ausdauernde Versorgung der Muskeln bei hoher Leistung. Zusätzlich sind viele Blutgefäße des Seehundes erweitert oder weit verzweigt. Sie füllen sich mit sauerstoffreichem Blut und dienen als zusätzliches Sauerstoffreservoir unter Wasser.

Vor dem Tauchen atmet der Seehund erst ein paar Mal kräftig durch. Dann verschließt er die Nasen- und Ohröffnungen, presst die Luft aus der Lunge und beginnt seinen Tauchgang. Nur eine luftleere Lunge hält dem Druck unter Wasser stand. Beim Tauchen sinkt sein Herzschlag bis auf 10 Schläge/min ab, gegenüber 150 Schlägen/min an Land. Teile des Blutkreislaufs, die für die Unterwasserjagd unwichtig sind, z.B. der Magen-Darm-Trakt, werden weniger mit frischem Blut versorgt. Lediglich durch Muskulatur, Herz und Gehirn zirkuliert das Blut vollständig. Beim Auftauchen durchblutet der Seehund mit ansteigendem Puls wieder seinen gesamten Kreislauf, atmet das angesammelte Kohlendioxid aus und füllt die Sauerstoffspeicher auf.

Eine bis zu 5 cm dicke Speckschicht (Blubber) schützt die Seehunde vor dem Auskühlen im Wasser. Da die Flossen beweglich sein müssen, werden sie nicht durch eine dicke Fettschicht isoliert. Damit aber auch sie nur wenig Wärme an das kalte Wasser abgeben, werden sie durch verengte Adern nur eingeschränkt durchblutet. Im Winter werden die Flossen nur gerade so stark durchblutet, dass sie keine Frostschäden erleiden. Das warme Blut der Arterien fließt dicht vorbei an dem kalten Blut der Venen, das zum Herzen zurückkehrt, erwärmt das Venenblut und kühlt sich dabei ab. Mithilfe dieses Gegenstrom- oder Wärmeaustauscherprinzips sinkt die Wärmeabgabe nach außen und dem Körper geht nur sehr wenig Wärme verloren.

An Land bewegen sich Seehunde mithilfe ihrer Flossen recht unbeholfen und mühsam fort. Sie verlagern das Gewicht nach vorne, stützen sich mit den verhältnismäßig kurzen Vorderflossen und deren Krallen ab und ziehen katzenbuckelartig den Hinterkörper nach. Der Seehund kann seine Hinterflossen nicht unter den Rumpf stemmen, um sich damit abzustoßen. Deswegen liegen die Seehunde auf den Sandbänken immer sehr nah an der Wasserlinie, dicht an einem steilen Prielufer. Sie können so bei Gefahr schnell ins Wasser flüchten. Beim Eintauchen klatschen sie noch einmal laut mit den Flossen auf das Wasser, um ihre Artgenossen zu warnen, die die Gefahr bislang noch nicht erkannt haben (beispielsweise, weil sie gedöst haben).

Die Linsen des Seehundauges sind als Anpassung an die Verhältnisse im Wasser stark gekrümmt. Dadurch ist der Seehund von Natur aus kurzsichtig. Unter Wasser sieht er scharf, an Land jedoch lediglich verschwommen. Aufgrund der vorherrschenden Wassertrübung sind die Seehundaugen besonders groß und besitzen zusätzlich eine reflektierende Schicht hinter der Netzhaut, mit der sie das schwache Licht besser ausnutzen können.

Die langen Barthaare sind beim Ertasten von Gegenständen und Wasserbewegungen (z.B. von Beutefischen) eine große Hilfe. Mit den feinen Sinneszellen an den Barthaaren kann der Seehund sogar im Dunkeln die Richtung vorbeischwimmender Fische feststellen. Deshalb kann der Seehund auch die nächtliche Flutperiode ausnutzen, um Beute zu machen.

Die Fähigkeit der Seehunde, Schallfrequenzen unter Wasser wahrnehmen zu können, legt die Vermutung nahe, dass Seehunde ihre Beute mit Ultraschall orten können, so wie es z.B. auch Delphine tun.

Im Laufe des Sommers wechseln Seehunde ihr Fell. Die im Sonnenlicht enthaltene UV-Strahlung begünstigt die Vitamin D-Bildung im Körper und damit das Fellwachstum. Der Haarwechsel findet, ebenso wie die Fortpflanzung, an Land statt. Dadurch unterscheiden sich Seehunde von Walen und Seekühen, deren gesamtes Leben im Wasser verläuft.

In den Herbst- und Wintermonaten folgen die Seehunde den Fischschwärmen auf die offene See und sind nur noch selten im Wattenmeer anzutreffen. Wenn das Watt zufriert, bleiben sie ebenfalls in der Nordsee. Sie vermeiden es, sich mit nassem Fell in den kalten Wind auf die Sandbänke zu legen und bleiben im Winter lieber im Wasser. Nur nach Winterstürmen mit schwerem Seegang erholen sie sich in größeren Rudeln auf den Sandbänken.

Im Zirkus gelegentlich auftretende Robben, die mit Hilfe der Hinterflosse sehr geschickt von Podest zu Podest watscheln, sind keine Seehunde. Es handelt sich um Kalifornische Seelöwen, die im Gegensatz zum Seehund längere Flossen haben und sich damit an Land wesentlich geschickter fortbewegen können.

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