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Makrozoobenthos


Larve einer Eintagsfliege © Klaus Jäkel, piclease
Foto: Larve einer Eintagsfliege © Klaus Jäkel, piclease

In einem  Gewässer können folgende Lebensräume besiedelt werden:

  • der Freie Wasserkörper (in Fließgewässern auch „Fließende Welle“ genannt),
  • die Bodenzone (das Gewässerbett oder Benthal) und
  • das wasserdurchströmte Lückensystem des Sedimentes von Fließgewässern (Hyporheal oder hyporheisches Interstitial).

Die Organismen, die hauptsächlich das Benthal besiedeln, bezeichnet man als Benthos. Am Gewässergrund wachsende Pflanzen bezeichnet man als Phytobenthos und dort lebende Tiere als Zoobenthos. Als Makrozoobenthos (Makroinvertebraten) bezeichnet man alle wirbellosen Tiere der Gewässersohle ab ca. 1 mm Größe, alle dort vorkommenden noch kleineren Tiere fasst man als Meiozoobenthos zusammen.

Zum Makrozoobenthos werden die Tiere gezählt, die entweder während ihres gesamten Lebens ans Wasser gebunden sind (z.B. Strudelwürmer, Muscheln, Schnecken, Egel, Krebse, Wassermilben, einige Hornmilben, Wasserkäfer) oder die nur einen Teil ihrer Entwicklung, nämlich das Larvenstadium, im Wasser verbringen (z.B. Eintagsfliegen, Steinfliegen, Zweiflügler,  Libellen, Köcherfliegen).

Die Tiere des Makrozoobenthos lassen sich einfach entdecken, indem man in einem  Bach einen Stein umdreht und ihn von unten betrachtet. Viele Arten verbergen sich auf der Unterseite von Steinen, da sie sich vor der Verdriftung durch die Strömung schützen müssen. Beim Aufheben sieht man sie dann emsig herumkrabbeln. Man kann auch mit einem Küchensieb durch Wasserpflanzen, durch im Wasser liegende, abgestorbene Äste oder durch den Schlamm des Gewässergrundes streifen und wird eine ganze Tiergemeinschaft des Zoobenthos darin entdecken.

Die Organismen des Makrozoobenthos sind eine wichtige Nahrungsgrundlage für andere gewässerbewohnende Tiere wie z.B.  Flusskrebse,  Amphibien und  Fische.

Lebensraum des Makrozoobenthos

Gewässer

Lebewesen des Makrozoobenthos findet man weltweit in fast jedem  Gewässer. Werden die Eigenschaften eines Gewässers z.B. vom Menschen stark verändert, ändert sich auch die Zusammensetzung des Makrozoobenthos.

Die Zusammensetzung der Arten unterscheidet sich je nach Eigenschaften der Gewässer sehr stark – am Gewässergrund von  Stillgewässern findet man eine ganz andere Tierwelt als am Gewässergrund von  Fließgewässern. Für die Zusammensetzung der Tierwelt ist es auch wichtig, wie groß und tief das Gewässer ist, ob es immer oder nur zeitweise mit Wasser gefüllt ist. Das Vorkommen von Wasserpflanzen und Algen hat großen Einfluss darauf, welche Tierarten den Gewässerboden besiedeln können, ebenso wie die Bodenbeschaffenheit, die Wassertemperatur, der Sauerstoff- und Nährstoffgehalt oder der pH-Wert. Bei Fließgewässern kommt noch hinzu, ob das Gewässer sehr schnell oder langsam fließt, wie die Ufer bewachsen sind und ob der Bach oder Fluss noch seine natürliche Dynamik besitzt. Denn mit jedem baulichen Eingriff und mit jeder Abwassereinleitung verändern sich die Eigenschaften eines Gewässers.

Zeigerarten

Da sich alle diese Veränderungen in der Zusammensetzung des Makrozoobenthos widerspiegeln, dienen diese Organismen als wichtige Zeigerarten für den Zustand eines Gewässers.
Naturnahe Gewässer weisen in der Regel eine hohe Artenvielfalt auf. Je stärker ein Gewässer verschmutzt oder verbaut wird, desto geringer ist dort die Artenvielfalt. Nur einzelne, verschmutzungstolerante Arten dominieren dann mit einer großen Anzahl an Individuen die Fauna.

Gefährdung des Makrozoobenthos

Zerstörung des Lebensraumes

Arten, die auf natürliche, unbelastete  Quellen,  Fließgewässer,  Moorgewässer und  Seen angewiesen sind, müssen aufgrund des fortlaufenden Lebensraumverlustes durch Gewässerverschmutzung und Gewässerverbauung als gefährdet eingestuft werden. Dies gilt vor allem für Arten, die auf ganz bestimmte Eigenschaften ihrer Umgebung wie z.B. einen sehr geringen Nährstoffgehalt oder eine gleichbleibend geringe Wassertemperatur spezialisiert sind. Diese sogenannten stenöken Arten sind besonders vom Lebensraumverlust betroffen, da sie kaum auf andere Lebensräume ausweichen können.

Ein ökologisch intaktes Gewässer besitzt ein vielfältiges Makrozoobenthos. Hiervon ist auch ein gesunder Bestand an  Fischen,  Krebsen und  Amphibien abhängig. Wird durch Verbauung, Stoffeinleitung und Vernichtung von Lebensraumstrukturen wie Totholz, Wasserpflanzen, Kolke,  Uferstrukturen oder Substrat ein Gewässer verändert, ändert sich auch die Artenzusammensetzung des Makrozoobenthos und damit die Nahrungsgrundlage vieler höherer Tiere.

Wassersport

 Wassersportarten, die die Lebensraumstrukturen eines Gewässers verändern, verändern dadurch auch die Lebensbedingungen und die Zusammensetzung der Arten des Makrozoobenthos. Solange Änderungen kurzfristig und räumlich begrenzt sind, können sich die Arten meist schnell erholen. Bei nachhaltigen Änderungen oder häufigen Störungen ist ein negativer Einfluss auf die benthischen Organismen nicht auszuschließen.

Störungen können z.B. die Vernichtung von  Ufervegetation an längeren   See- oder  Bachuferabschnitten und häufiges Aufwirbeln von Schlamm am Gewässergrund sein, wodurch sich das Kieslückensystem schließt. Problematisch sind Angelsport-Teichanlagen, die entweder durch Aufstauen eines Baches oder durch Wasserentnahme und -abgabe in direkter Verbindung zu Fließgewässern stehen. Das Wasser wird in den Teichen erwärmt und dadurch sauerstoffärmer und nährstoffreicher. Gelangt dieses Wasser unterhalb der Teichanlage in den Bach oder in den Fluss, können sich Gewässergüte und damit die Zusammensetzung des Makrozoobenthos ganz erheblich verändern.

Schutz des Makrozoobenthos

Lebensraum erhalten

Die Arten des Makrozoobenthos können nur dann nachhaltig geschützt werden, wenn unbeeinträchtigte Gewässer erhalten bleiben und geschädigte oder verbaute Gewässer renaturiert oder revitalisiert werden.

Teichanlagen, die in direktem Kontakt zu Bächen oder Flüssen stehen, müssen besonders sensibel bewirtschaftet werden, um negative Einflüsse weitgehend auszuschließen.

Naturverträglicher Wassersport

Wassersportler sollten immer die gleichen Ein- und Ausstiege wählen, um den beeinträchtigten Ufer- und Gewässerbereich so klein wie möglich zu halten. Bei niedrigen Wasserständen sollte grundsätzlich überdacht werden, ob das Befahren eines Gewässers ohne Schädigung der Gewässersohle überhaupt möglich ist.

Biologie des Makrozoobenthos

Systematik

siehe  Untermenüpunkt

Fortpflanzung

Die Tiere des Makrozoobenthos bewohnen während ihrer Entwicklungsphasen vom Ei bis zum erwachsenen Tier meist verschiedene Gewässerstrukturen. Frühe Entwicklungsstadien vieler Arten sind beispielsweise an das Lückensystem der Gewässersohle (Interstitial) gebunden. Andere brauchen in der Zeit der Eiablage und der ersten Larvalentwicklung sehr ruhige, strömungsarme Bereiche und suchen später strömungsstärkere Flächen auf.

Die Tiere, die nur einen Teil ihrer Entwicklung, nämlich das Larvenstadium, im Wasser verbringen (z.B. Steinfliegen, Zweiflügler,  Libellen, Köcherfliegen) brauchen für den Übergang vom letzten Larvenstadium im Wasser zum fliegenden, erwachsenen Tier bestimmte Strukturen wie Pflanzen, Totholz oder Steinblöcke am Ufer. Viele dieser Arten verbringen den allergrößten Teil ihres Lebens als Larven im Wasser und nur einen sehr kurzen Zeitraum ihres Lebens als flugfähiges Insekt (Eintagsfliege!). Oft dient das Flugstadium „nur“ noch zur Verpaarung und Eiablage. Noch nicht einmal Nahrung wird von diesen Tierarten im erwachsenen Zustand aufgenommen und ein Verdauungssystem kann völlig fehlen.

Damit die Chance einen Partner zu finden größer ist, schlüpfen die Tiere mancher Arten innerhalb weniger Stunden fast gleichzeitig aus dem Wasser. Ein solches Massenschlüpfen gibt es z.B. bei einigen Eintagsfliegen- und Zuckmückenarten.

Nahrung

Die Tierarten des Makrozoobenthos können sehr unterschiedliche Nahrung aufnehmen. Weidegänger, Raspler und Kratzer ernähren sich von Algen und Mikroorganismen, die auf Steinen oder größeren Wasserpflanzen wachsen. Zerkleinerer verarbeiten grobes Material, welches aus der Umgebung ins Gewässer fällt, z.B. Laub und Pflanzengewebe. Detritusfresser können wiederum feines organisches Material verwerten. Holzfresser sind auf Bäume und Äste spezialisiert, die in das Wasser fallen.

Blattminierer und Zellstecher ernähren sich, indem sie Wasserpflanzenblätter, Algen- und Wasserpflanzenzellen anstechen oder Gänge hineinfressen. Filtrierer seihen Wasser durch geeignete Strukturen, z.B. reusenartige Körperanhänge oder selbstgebaute Netze und fressen, was darin hängenbleibt. Das können kleine Beutetiere oder organisches Material sein. Viele Filtrierer nutzen die Strömung des Wassers aus (passive Filtrierer), andere erzeugen ihren Wasserstrom selbst (aktive Filtrierer). Natürlich gibt es auch Parasiten und ausgesprochene Räuber, die Jagd auf andere Tiere machen.

Verhalten

Eine schnelle Strömung in Fließgewässern birgt für die Tiere des Makrozoobenthos immer die Gefahr verdriftet zu werden. Um sich davor zu schützen, haben sie unterschiedliche Strategien entwickelt. Einige Insektenlarven (Kriebelmücken, Lidmücken) verankern sich mittels ihrer Saugnäpfe oder Haftscheiben auf Steinen. Auch die Schnecke Ancylus fluviatilis saugt sich mit ihrem Fuß auf Steinen im Wasser fest. Der Körperbau anderer benthischer Tiere ist stark abgeflacht, damit die Strömung keinen Angriffspunkt findet (z.B. Eintagsfliegenlarven der Familie Heptageniidae). Viele Arten verlegen ihre Aktivitäten gänzlich unter die Steine. Köcherfliegenlarven bauen sich aus verschiedensten Materialien (wie Steinchen, Holz, Pflanzenteile, kleine Schneckenhäuser) Köcher, die eine Verdriftung erschweren.

Trotzdem werden immer wieder einzelne Tiere von der Strömung mitgerissen. Um die bach- oder flussaufwärts liegenden Gewässerabschnitte in diesem Fall wieder neu zu besiedeln, wandern viele Tiere im Laufe ihres Lebens oder während einzelner Lebensabschnitte gegen die Strömung an. Die Insekten, die als flugfähige, erwachsene Tiere aus dem Wasser schlüpfen, können zur Eiablage sogenannte Kompensationsflüge bachaufwärts unternehmen. Das hat auch den Vorteil, dass sie von Wanderhindernissen, die sich im Gewässer befinden, unbeeinträchtigt bleiben.

In stehenden Gewässern finden die Tiere des Makrozoobenthos verschiedene Strukturen, die gute Lebensbedingungen bieten. Im Wasserpflanzen- und Algenaufwuchs siedeln viele Insekten, Krebse, Ringel- und Fadenwürmer. Sehr eng an den Boden gebunden leben Tiere, die schlecht schwimmen können. Hierzu gehören z.B. die meisten Wasserschnecken, einige Insekten und Krebse. Andere Tierarten wie zum Beispiel Egel und viele verschiedene Insektenlarven können recht gut schwimmen, bewegen sich aber dennoch stets dicht am oder auf dem Untergrund.

Schlammbewohnende Arten sind eher in der Tiefenzone von Seen zu finden. Hierzu gehören Fadenwürmer, Muscheln, Ringelwürmer, Kriebelmückenlarven und andere Insektenarten. Einige Arten sind auch auf Sandboden spezialisiert, z.B. die Eintagsfliegengattung Ephemera.

Konfliktlösungen