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Störung

Der Begriff „Störung“ spielt bei der Betrachtung der Auswirkungen von Natursport auf die Tier- und Pflanzenwelt eine zentrale Rolle. Daher folgt eine ausführliche wissenschaftliche Darstellung der Problematik.

Definition

Für den Begriff „Störung“ gibt es in der Ökologie mehrere Definitionen. Im Kontext von NaturSportInfo interessieren vor allem die durch menschliche Aktivitäten verursachten Eingriffe, die als Störung bezeichnet werden.

Definition I:

Störungen sind „nicht zur normalen Umwelt von Organismen, Populationen oder zum normalen Haushalt von Ökosystemen gehörende Faktoren oder Faktorenkomplexe, häufig vom Menschen ausgelöst, die reversible oder irreversible Veränderungen in den Eigenschaften dieser Systeme bewirken“ (Stock et al. 1994, S. 49).

Auch bei einem quasinatürlichen Einfluß wie z.B. Feuer, Windbruch, Mahd, Beweidung kann von einer Störung gesprochen werden.

Definition II:

Bei Störungen handelt es sich um äußere Einwirkungen (Reiz-Reaktionsketten), die sich negativ auf das Energie- und/oder Zeitbudget eines Tieres auswirken können. Störungen können von anderen Tieren (Feinden oder Großtieren), von Vorgängen in der Umwelt (Hochwasser, Stürmen etc.) sowie von Menschen verursacht werden.

„Eine Störung unterbricht oder verändert andere (lebenswichtige) Aktivitäten, wie Nahrungsaufnahme, Nahrungssuche, sich Putzen, Brüten, Füttern oder andere Aktivitäten im Zusammenhang mit der Fortpflanzung sowie Abläufe in der Entwicklung von Tieren oder ihr Ruhen“ (Reicholf 1999, S. 74).

Unterscheidung von Begriffsebenen

Der Begriff „Störung“ enthält bereits eine Wertung der aufgetretenen Reizwirkung. Stock et al. schlagen deshalb vor, die Störung (das Störereignis) in den von der Störquelle ausgehenden Störreiz und in die Störwirkung (die Reaktion des gestörten Individuums) einzuteilen.

Die Konsequenzen sollten jeweils für das gestörte Individuum sowie auf den nachfolgenden Ebenen für die Population, die Biozönose und schließlich das Ökosystem betrachtet werden.

Nach Auffassung von Stock et al. sollten diese drei Begriffsebenen grundsätzlich unterschieden und so exakt wie möglich erfasst werden. (siehe Abbildung)


Grafik: Begriffebenen

Ebene des Störreizes

Die Bedeutung des Störreizes ist abhängig von seiner Dauer, Intensität, Frequenz sowie seiner zeitlichen Verteilung (Tageszeit, Jahreszeit).

Der Störreiz kann folgende potentielle Auswirkungen haben:

  • physiologische Auswirkungen, z.B. die Erhöhung der Herzschlagfrequenz, gesteigerter Energieverbrauch beim Tier,
  • verhaltensbiologische Auswirkungen, z.B. erhöhte Aufmerksamkeit, Sichern, Flucht des Tieres sowie
  • ökologische Auswirkungen, z.B. das Verschwinden bzw. das gänzliche Fehlen empfindlicher Arten in eigentlich für sie geeigneten Lebensräumen
  • (Reichholf 1999, S. 77).

Im Hinblick auf die Stärke des Störreizes sind zusätzlich das zeitliche Zusammenwirken sowie der Summierungseffekt verschiedener Reize zu berücksichtigen.

Ebene der Reaktion

In Abhängigkeit der Intensität von Störreizen und der Störungsempfindlichkeit des Tieres variiert dessen Reaktionsstärke. Wirken sich anthropogene Einflüsse beim Tier auf physiologische oder Verhaltensparameter aus, bezeichnet man dies als Reaktion. Die Reaktionen können in Änderungen des Verhaltens bestehen, die von der erhöhten Aufmerksamkeit des Tieres bis zum gänzlichen Fernbleiben vom jeweiligen gestörten Lebensraum reichen können.

Tiere können auf einen Störreiz mit der Änderung ihres Raum- und /oder Zeitnutzungsmusters reagieren (Kompensation). Neben dem Kompensationsverhalten gibt es zwei weitere Mechanismen, durch welche die Reaktionen der Tiere vermieden oder vermindert werden können: die Anpassung und die Gewöhnung.

Wenn Tiere aufgrund bestimmter Eigenschaften zum Überleben und zur Fortpflanzung geeigneter als andere sind, wird von Anpassung gesprochen. „Man unterscheidet zwischen phylogenetischer Anpassung durch Auslese von genetisch bedingten Eigenschaften und adaptiver Modifikation aufgrund von Erfahrung der Individuen. Solche Erfahrungen können tradiert werden“ (Ingold 1996, S. 15).

Reagiert ein Tier aufgrund von Erfahrungen auf einen Störreiz weniger stark oder gar nicht mehr, führt man diese Reaktionsabschwächung auf eine Gewöhnung zurück. „Gewöhnung bedeutet nicht, dass Anpassung erfolgt ist“ (ebd.).

Um eine Störreaktion beim Tier feststellen zu können, ist neben der Beobachtung einer Verhaltensänderung auch die Messung physiologischer Parameter möglich, z.B. die Änderung der Herzschlagrate, der Hormonkonzentration, des Blutdrucks. Damit lassen sich Auswirkungen des Störreizes beim Tier vor der augenscheinlichen Reaktion desselben bestimmen.

Bei der Erfassung der Verhaltensparameter sind aber nicht nur Verhaltensreaktionen und physiologische Parameter von Bedeutung, sondern auch angestammte Verhaltensweisen des Tieres sowie äußere Faktoren.

Ebene der Konsequenzen

Konsequenzen des Störreizes entstehen nicht nur auf der Ebene des Individuums (Auswirkungen auf sein Verhalten, seine Kondition und Fitness). Sie können sich bei einer gravierenden Störung weiter auf die Population, die Biozönose und letztlich auf das gesamte Ökosystem auswirken.

Je nachdem auf welcher Ebene sich die Konsequenzen manifestieren, spricht man von gravierenden oder vernachlässigbaren Auswirkungen. „Ein Störreiz ist in seiner Wirkung dann gravierend, wenn die Anpassungsfähigkeit des Individuums überfordert und seine Fitness gemindert ist“, also wenn aufgrund einer geänderten Verhaltensweise „eine negative Auswirkung auf den Energiehaushalt oder eine Beeinträchtigung der Kondition des Individuums erkennbar ist“ (Stock et al. 1994, S. 53).

Zu vernachlässigen ist ein Störreiz, wenn er sich nicht in eine höhere Ebene fortsetzt. „Erst wenn ein Reiz eine nicht kompensierbare, nachteilige Wirkung auf einer Ebene hervorruft, kann und muss von einem gravierenden Einfluss, also von einer Störung gesprochen werden“ (ebd.)

Die Anzahl der potentiell zu erfassenden Parameter macht die Komplexität deutlich, in der eine Störung gemessen und ihre Wirkung bewertet werden muss. In den meisten empirischen Untersuchungen wird nur ein Teil der genannten Parameter erfasst, was die Nachvollziehbarkeit und Interpretation der Ergebnisse erschweren kann.

Quantität der Parameter

Häufig werden vor allem die Parameter des Störreizes und der Störreaktion erfasst und hierbei auch insbesondere jene, die leicht zu untersuchen sind. „Ein großer Teil der Arbeiten zeigte lediglich auf, dass Vögel auf menschliche Aktivitäten reagieren (durch Flucht, Änderungen in der Raumnutzung usw.), aber nicht, welche Auswirkungen dies auf ihre Energiebilanz, Überlebensrate, Fortpflanzung oder andere Parameter hatte, die sich letztendlich auf der Ebene der Population auswirken könnten.“ (Keller 1995, S. 13).

Für die Bewertung ist die Unvollständigkeit der Parameter immer problematisch, insbesondere aber dann, wenn aus der Untersuchung Analogieschlüsse gezogen werden sollen, z.B. wenn eine in einem bestimmten Gebiet ermittelte Fluchtdistanz auf ein anderes Gebiet übertragen wird und dabei spezifische Rahmenbedingungen außer Acht gelassen werden, da sie in der Untersuchung ungenannt bleiben.

Qualität der Parameter

Angaben zu Fluchtdistanzen
Die Problematik der Fluchtdistanzen ergibt sich in erster Linie aus den Streubereichen, die bei den einzelnen Arten auftreten können. Die Angaben verschiedener Autoren zu Fluchtdistanzen der einzelnen Arten unterscheiden sich oft stark. Dies ist zum einen Folge der subjektiven Einschätzung, die im Wesentlichen aus eigenen Beobachtungen ohne konkrete Messungen resultiert. Die angegebenen Werte sind häufig Erfahrungswerte und ein Nebenprodukt etwa der ornithologischen Feldarbeit. Wichtiger als dies ist jedoch, dass die Verschiedenheit der Situationen und Rahmenbedingungen die Fluchtdistanzen stark prägen, aber nur unzureichend berücksichtigt werden.

Aussagen über den Fortpflanzungserfolg
Ähnlich verhält es sich mit den verschiedenen Methoden und Parametern, die für Aussagen über den Fortpflanzungserfolg herangezogen werden.
Die Auswirkungen von Störungen, beispielsweise auf den Bruterfolg, können durch folgende Methoden erfasst werden:

  • ein Vergleich von zwei oder mehr Stichproben von Nestern, die in unterschiedlichem Maße Störungen ausgesetzt waren, oder
  • ein Vergleich von zwei oder mehr Gebieten, die in unterschiedlichem Maße Störungen ausgesetzt waren, oder
  • ein Vergleich von Stichproben aus verschiedenen Jahren mit unterschiedlicher Störungsintensität (Messung der Häufigkeit menschlicher Aktivitäten bei erfolglosen und erfolgreichen Nestern) (Keller 1995).

Voneinander abweichende Aussagen über den Bruterfolg sind jedoch nicht nur auf die unterschiedlichen Erfassungsmethoden zurückzuführen, sondern auch auf die verschiedenen Parameter, die bei der Erfassung berücksichtigt wurden:

  • Erfassung des generellen Fortpflanzungserfolges (Anzahl der Jungen pro Brutpaar),
  • Bestimmung des Schlüpf- und Aufzuchtserfolges sowie
  • Erfassung von nur einem der beiden Parameter.

Die Bandbreite der möglichen Parameter sowie der unterschiedlichen Messmethoden lassen Keller folgende Schlussfolgerungen treffen: „Die Variabilität der Art und Intensität der untersuchten Störungen erlaubt keine generelle Aussage über das Ausmaß der Verminderung des Bruterfolgs“ (Keller 1995, S. 7).

Angaben zur Herzschlagrate

Untersucht am Beispiel des Austernfischers
Brütende Austernfischer reagieren auf sehr unterschiedliche Reize mit vergleichbarer Herzschlagrate (Hüppop & Hagen 1990). Dabei wirkt eine Störung durch eine spazierengehende Person auf einem Weg in der Nähe des Nestes (wobei der Weg nicht in Richtung Nest verlassen wird) in ähnlicher Art wie die durch einen sich nähernden Partner.

Da Herzschlagraten-Änderungen aufgrund der Annäherung des Partners kaum als Störung zu werten sind stellt sich die Frage, ob die Reaktion zu unspezifisch ist, um als Indikator benutzt zu werden bzw. ob die Herzschlagänderung erst ab einem erhöhten oder zu niedrigen Wert aussagekräftig ist.